Zeiler statt Häupl: Wiederkehr des Zilk-Effekts

Kolumne20. November 2016, 14:50
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Mit der Kür Zeilers könnte die wachsende SPÖ-Schwäche in Wien kaschiert werden

Helmut Zilk, Wiener Bürgermeister von 1984 bis 1994, erhält möglicherweise einen Nachnachfolger in der Person des ehemaligen ORF-Chefs Gerhard Zeiler. "Ich halte den Gerhard für einen ausgezeichneten Mann." Diese Aussage des durch interne Grabenkämpfe angezählten Bürgermeisters Michael Häupl im jüngsten Profil ist unmissverständlich: Er könnte den Wienerinnen und Wienern im Frühjahr Zeiler als direkten Nachfolger präsentieren.

Wahrscheinlich war es richtig, dass die SPÖ beim Faymann-Abgang nicht Zeiler den Vorzug gab, sondern Christian Kern, dem auch in den Landesregierungen bekannten ÖBB-Chef. Zwar hat auch er eine gehörige Neigung zur (medialen) Selbstinszenierung, aber Zeiler passt besser nach Wien. Die Großstadt braucht einen international erfahrenen Manager, der (im Unterschied zu Häupl) nicht Angst kriegt, wenn er vor ausländischen Gästen Englisch reden soll.

Auf Zeiler als künftigen Bürgermeister weist auch die von Häupl ins Spiel gebrachte Trennung zwischen Stadtchef und Parteichef. Das war bereits unter Helmut Zilk der Fall, den die Niederungen der Parteipolitik nicht wirklich interessierten. Die SPÖ und damit das "rote" Wien mit seinen Verästelungen bis in die Magistratsabteilungen hielt Vizebürgermeister und Finanzstadtrat Hans Mayr am Laufen. Zilk war viel bekannter, Mayr mächtiger. 1:1 wiederholt sich nichts, aber Renate Brauner könnte künftig diese Rolle in Wien übernehmen.

Zilk, der Fernsehdirektor, Krone-Ombudsmann, Bildungsminister und zwischendurch "Informant" des tschechischen Geheimdienstes, war ein Medienjongleur, der selbst einzelne Journalisten wie Marionetten an der Hand hatte. All das lässt sich von Zeiler nicht sagen. Aber als ehemaliger Sekretär des Bundeskanzlers Fred Sinowatz kennt er Regierungsgeschäfte, als Generalsekretär und späterer Generalintendant den ORF wie seine Westentasche. Er hat ihn zum Unterhaltungsfernsehen gewandelt und den Boulevard bedient – weshalb das Wiener Besetzungs- und Finanzierungssystem via Parteiklientel und Inserate auch unter Zeiler so bleiben dürfte, wie es unter Zilk und Häupl schon war.

Beschleunigt wird der Machtwechsel durch die Möglichkeit, dass im Mai oder Juni 2017 vorgezogene Nationalratswahlen stattfinden. Mit der Kür Zeilers könnte die wachsende SPÖ-Schwäche in Wien kaschiert werden. Sollte tatsächlich erst 2018 gewählt werden, hätte der neue Bürgermeister Zeit genug, Vorstadtweiber und City-Damen sowie die von Häupl nicht mehr so überzeugten Linksliberalen hinter sich zu versammeln.

Dazu kommt: Kern und Zeiler können miteinander – wodurch die Chancen steigen, auf Bundesebene den Rechtstrend abzuschwächen.

Für Heinz-Christian Strache wäre die Rochade eine Bremse, für die Volkspartei mehr als das. Sie ist unter dem beißwütigen Gernot Blümel kein Stück weitergekommen – bei Nationalratswahlen ein Fiasko.

Nur für die Grünen ändert sich nichts. Maria Vassilakou würde auch neben Zeiler die Figur spielen, die sie ist. (Gerfried Sperl, 20.11.2016)

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