US-Außenministerium: Die Romney-Hypothese

Kommentar20. November 2016, 11:59
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Der gemäßigte US-Republikaner Mitt Romney gilt nach einem überraschenden Treffen mit Donald Trump als Kandidat für den Außenminister-Job. Doch das wäre ein Himmelfahrtskommando

Bisher haben so gut wie alle Personalentscheidungen Donald Trumps für Empörung und Entsetzen gesorgt. Als sich der designierte US-Präsident dann am Samstag mit dem gemäßigten Republikaner Mitt Romney zu einem Gespräch traf, das Trump – in gewohnten Superlativen schwelgend – als "großartig" bezeichnete, sorgte das für Verwunderung und hochgezogene Augenbrauen.

Ausgerechnet Romney? Schließlich galt der 2012 gegen Barack Obama gescheiterte Präsidentschaftskandidat und frühere Gouverneur von Massachusetts in den vergangenen Monaten als einer der schärfsten Gegner der Kandidatur von Donald Trump und hatte diesem an den Kopf geworfen, ein Versager und ein Betrüger zu sein, unehrlich und raffgierig und er sei nicht einmal besonders schlau.

Signal an die Partei

Vielleicht war es ja nur ein PR-Gag des Trump-Teams, das bisher eher für Schock als für Zuversicht gesorgt hatte. Vielleicht wollte man ja nur signalisieren, dass man sich auch weiter innerhalb des Rahmens republikanischer Parteiinteressen bewege. Schließlich hatte man sich ja auch schon mit Paul Ryan getroffen, der einflussreichen Führungsfigur der "Grand Old Party" im US-Kongress (2012 übrigens Romneys "running mate" bei der verlorenen Wahl).

Die Tatsache, dass Romney nach dem Treffen von einer "gründlichen und tiefgreifenden Diskussion" über verschiedene internationale Themen sprach und dass er gespannt sei auf die künftige Regierung und das, was sie tun werde, wurde sogleich als Signal gedeutet, dass Romney Außenminister werden könnte. Dass er dabei selbst über recht wenig internationale diplomatische Erfahrung verfügt, dürfte kein Problem sein – fachliche Qualifikation scheint ja auch bei anderen Postenbesetzungen in Trumps Kabinett bisher keine Priorität gewesen zu sein.

"Selbst-Deportation"

Auch wenn Romney in Richtung Trump zuletzt nicht gerade zimperlich war, so ist eine gewisse ideologische Nähe doch vorhanden: Immerhin buhlte auch Romney vor vier Jahren um die Stimmen ausländerfeindlicher Amerikaner, indem er für eine "Selbstdeportation" von illegal in die USA eingewanderten Lateinamerikanern warb. Das unterscheidet sich gar nicht so stark von den Abschiebungs- und Mauerbauphantasien Trumps aus dem Jahre 2016.

Der Gedanke, Romney zum Außenminister zu machen, ist nicht abwegig, ja sogar gut nachvollziehbar. Er gilt als gemäßigt, umsichtig und integer. Er ist als Präsidentschaftskandidat 2012 international noch gut in Erinnerung (manchen sogar in guter Erinnerung) und könnte als Signal dafür stehen, dass nicht alles "verloren" ist mit den Amerikanern.

Auf verlorenem Posten

Dennoch wäre Romney nicht gut beraten, ein solches Angebot anzunehmen. Innenpolitisch mag man sich auf der Seite des Stärkeren wähnen und hat – zumindest formal – eine satte republikanische Mehrheit des Kongresses hinter sich.

Trumps Agenda allerdings außenpolitisch vertreten zu müssen, ist ein Himmelfahrtskommando für jemanden, der solche extremen Ansichten nicht selbst vertritt. Romney wäre allein auf weiter Flur könnte nur verlieren im Bemühen um Ausgleich nach außen, wenn er es zuhause mit Hardlinern zu tun hat wie Ex-Breitbart-Chef Steve Bannon als Trumps Chefstratege, Ex-General Michael Flynn als Nationalem Sicherheitsberater und Tea-Party-Mann Mike Pompeo als CIA-Chef, der lieber heute als morgen zum Beispiel den Iran-Deal in der Luft zerreißen würde. (Gianluca Wallisch, 20.11.2016)

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