Kuttin: "Im Umbau sind wir sehr erfolgreich"

Interview21. November 2016, 11:46
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Am Donnerstag hebt in Finnland der Weltcup der Skispringer an. Österreichs Coach Heinz Kuttin wünscht sich für die WM-Saison einen dritten Siegspringer. Der könne noch nicht Gregor Schlierenzauer heißen

STANDARD: Sie reisen am Sonntag mit dem Weltcupteam zum Training nach Lillehammer. Wie viele Schneesprünge haben die Herren jetzt schon in den Beinen?

Kuttin: Das ist von Springer zu Springer etwas unterschiedlich. So zwischen sieben und zwölf.

STANDARD: Mehr jedenfalls als vor der vergangenen Saison.

Kuttin: Ja, sicher, um sieben bis zwölf mehr. Da ist mir immer noch die Situation präsent, als wir um diese Zeit auf dem Bergisel um 18 Uhr abends bei 18 Grad plus einsehen mussten, dass wir keine Trainingssprünge zusammenbringen werden.

STANDARD: Heuer spielt das Wetter mit. Mit welchen Resultaten?

Kuttin: Wir hatten eine gute Woche mehr Zeit in der Vorbereitung, weil wir in Ramsau hervorragende Bedingungen vorfinden. Wir konnten intensiv an der Anfahrt, dem Skischliff und dem Wachseln arbeiten. Eine Konstellation wie wir in Ramsau mit der Trainingsspur, wo der Anlauf direkt in den Auslauf übergeht, hat ja niemand sonst. Allerdings besteht da auch ein bisschen die Gefahr, dass man ins Spielen kommt. Man darf sich nicht verzetteln. Jedenfalls kann man wahnsinnig viel Erfahrung sammeln. Auch bei unterschiedlichen Bedingungen oder beim Schliff, der bei gleichen Bedingungen bis zu einem Dreiviertelstundenkilometer in der Anfahrt bringen kann.

STANDARD: Im Sommer-Grand-Prix gab es zwar keinen Einzelsieg und nur drei Podestplätze durch Stefan Kraft und Michael Hayböck, aber starke Ergebnisse von unterschiedlichen Springern. Wie wichtig ist es für den folgenden Winter, in diesem Bewerb bei der Musik dabei zu sein?

Kuttin: Wir haben heuer im Sommer anders geplant. Wir haben routinierte und junge Sportler zusammengespannt, um im Grand Prix die Basispunkte für die Weltcupstartplätze zu sammeln. Das ist gut gelungen, wir haben jetzt acht Leute in der Weltcupquote. Da fällt für den Winter ein gewisser Druck weg.

STANDARD: Wie ist die Lücke zwischen den Spitzenspringern und dem Mittelbau zu schließen?

Kuttin: Es gab immer einen guten Mittelbau. Aber die, die eigentlich nachdrängen, haben es bei ihren paar Einsätzen im Weltcup zu selten richtig drübergebracht. Wir haben uns deshalb auch vom Material her zum Mittelbau geöffnet. Matthias Hafele sorgt jetzt zum Beispiel für die besten Anzüge bis hinunter zu unserer Trainingsgruppe drei. Das gibt den Leuten dann auch einen neuen Schub.

STANDARD: Kraft und Hayböck sind natürlich wieder die fixen Größen im Team, aber muss das Ziel nicht sein, mehr als, sagen wir, zweieinhalb Siegspringer im Team zu haben?

Kuttin: Das ist natürlich unser Ziel. Zwar orientiert sich alles an Kraft und Hayböck, aber schon bei den österreichischen Meisterschaften hat sich gezeigt, dass Manuel Fettner immer noch einen draufsetzen konnte. Er und auch Andreas Kofler können in dieser Saison Siegspringer sein.

STANDARD: Und Gregor Schlierenzauer, der nach seinem Kreuzbandriss vielleicht sogar noch in diesem Jahr in den Weltcup zurückkehren könnte? Gehört der Weltcupweltrekordsieger eigentlich zum Team dazu?

Kuttin: Er ist voll integriert, aber mit seinem Leistungsstand und seinen Prioritäten kann er derzeit noch nicht in der Weltcupmannschaft sein. Es geht aber step by step, und es war irrsinnig erfreulich zu sehen, wie er in Hinzenbach zwischen seiner ersten und zweiten Einheit auf der Schanze aufgeblüht ist. 'Jawohl, jetzt freut es mich, jetzt hau' ich mich wieder runter.' Er ist auch schon am Bergisel gesprungen. Es geht mit dem Gregor voran, aber man muss auch klar sagen, dass er noch recht weit weg ist, auch körperlich. Und das ist gar kein Wunder.

STANDARD: Sie gehen in Ihre dritte Saison als Cheftrainer der Österreicher, die in den Jahren vor Ihrem Aufrücken vom Villacher Stützpunktrainer unfassbar erfolgreich waren. Kehrt da so etwas wie Normalität ein?

Kuttin: Es war ganz klar, wie schwierig es nach Alex Pointner sein würde. Aber man kann die aktuelle Situation nicht mit jener vor sieben Jahren, mit den fetten Jahren mit Schlierenzauer und Thomas Morgenstern in Höchstform, vergleichen. Damals haben wir alle zusammen das besondere Glück dieser Konstellation gehabt – und nicht einer alleine, dass ich das auch einmal loswerde.

STANDARD: Kritik gab es vor allem vergangene Saison genug. Wie gehen Sie damit um?

Kuttin: Ich versuche, nicht die Nerven wegzuschmeißen und auf den Tisch zu hauen. Wir versuchen, feinfühlig und geerdet zu arbeiten. Außerdem muss man schon sagen, dass wir sehr gute Ergebnisse haben. In meiner ersten Saison haben wir die Tournee gewonnen, sogar mit den Plätzen eins und zwei. Wir haben beinahe bei jeder Gelegenheit Medaillen geholt. Im Umbau sind wir sehr erfolgreich.

STANDARD: Wir sieht Ihre Zukunft als Trainer aus?

Kuttin: Mein Vertrag endet nach dieser Saison, meine Planung läuft aber bis zur Heim-WM 2019 in Seefeld. Das ist das mittelfristige Ziel. Wir haben eine klare Vision.

STANDARD: Und die WM in Lahti, wo Sie selbst Bronze auf der Normalschanze geholt haben?

Kuttin: Ja, ich habe meine Medaille in Lahti schon gemacht. Jetzt müssen die anderen nachziehen. (Sigi Lützow, X.X.2016)

Heinz Kuttin (45) aus Kärnten holte als Aktiver 1991 in Val di Fiemme Weltmeisterschaftsgold auf der Normalschanze und mit der Mannschaft. Vor der Bestellung zum Chefcoach der Österreicher im April 2014 war Kuttin Cheftrainer in Polen, deutscher Nachwuchschef und Stützpunkttrainer in Villach.

  • Heinz Kuttin versucht, angesichts der Kritik an seiner Arbeit als Chefcoach der österreichischen Skispringer "nicht die Nerven wegzuschmeißen und auf den Tisch zu hauen". Der Kärntner Doppelweltmeister von 1991 hat eine Vision. Die heißt Heim-WM 2019 in Seefeld.
    foto: apa/barbara gindl

    Heinz Kuttin versucht, angesichts der Kritik an seiner Arbeit als Chefcoach der österreichischen Skispringer "nicht die Nerven wegzuschmeißen und auf den Tisch zu hauen". Der Kärntner Doppelweltmeister von 1991 hat eine Vision. Die heißt Heim-WM 2019 in Seefeld.

  • Stefan Kraft und Michael Hayböck bleiben die heißesten Eisen im Skispringerteam.
    foto: apa/afp/michal cizek

    Stefan Kraft und Michael Hayböck bleiben die heißesten Eisen im Skispringerteam.

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