Das Universum hat ein Auge mehr auf uns gerichtet

20. November 2016, 16:50
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114 Millionen Lichtjahre von uns entfernt befinden sich zwei Spiralgalaxien in langsamer Kollision – ihr Erstkontakt hatte bereits spektakuläre Folgen

Columbus – Das Universum ist voller Augen, die auf uns gerichtet sind. So scheint es uns jedenfalls, weil wir aufgrund des Phänomens der Pareidolie dazu neigen, in natürlichen Formen und Mustern uns Bekanntes "wiederzuerkennen". Auf Gesichter und deren auffälligstes Merkmal – die Augen – sind wir dabei besonders geprägt. Hier eine kleine Liste von ganz unterschiedlichen Objekten im All, die Astronomen schon zu Assoziationen zu Augen verleitet haben:

fotos: nasa/jpl-caltech/univ. of ariz., esa/nasa/stsci, esa/nasa/stsci, nasa

Von links nach rechts sehen wir:
1) "Das Auge Saurons" (der 650 Lichtjahre entfernte Helixnebel ... genaugenommen ist er nur ein Auge Saurons, denn denselben Spitznamen tragen unter anderem auch das Sternsystem HR 4796 oder der planetarische Nebel M 1-42)
2) den über 2.000 Lichtjahre entfernten "blinzelnden" planetarischen Nebel NGC 6826
3) den 3.300 Lichtjahre entfernten Katzenaugennebel und
4) die 62 Millionen Lichtjahre entfernte Balkenspiralgalaxie NGC 4151; diese ist übrigens ebenfalls ein "Auge Saurons".

Den jüngsten Blickfang stellten Astronomen um Michele Kaufman von der Ohio State University im "Astrophysical Journal" vor. Und hier handelt es sich um eine der größeren Varianten von kosmischen Augen: Die Formation, die mit dem Atacama Large Millimeter/submillimeter Array (ALMA) in Chile erspäht werden konnte, ist 114 Millionen Lichtjahre von uns entfernt im Sternbild Großer Hund und bildete sich durch das Zusammenspiel zweier Galaxien.

foto: m. kaufman; b. saxton (nrao/aui/nsf); alma (eso/naoj/nrao); nasa/esa hubble space telescope
114 Millionen Lichtjahre von uns entfernt: ein Auge mit zwei Lidern.

Die beiden Spiralgalaxien IC 2163 und NGC 2207 befinden sich in einer mehrphasigen Kollision: In diesem Tanz bewegen sie sich aufeinander zu und entfernen sich wieder, um beim nächsten Mal noch mehr aneinanderzugeraten – bis sie schließlich verschmelzen. Ein vergleichbares Szenario steht der Milchstraße und der Andromedagalaxie in voraussichtlich etwa vier Milliarden Jahren bevor.

IC 2163 und NGC 2207 sind beim jüngsten Kontakt – es war vermutlich der erste – so eng aneinander vorbeigeschrammt, dass ein gewaltiger Materiestrom ausgelöst wurde, der sich mitten durch IC 2163 bewegt. Die Forscher sprechen von einem wahren "Tsunami" aus Sternen und Gas. Dieser Strom hat zwei bogenförmige Strukturen hervorgebracht, die deshalb so strahlen, weil sich in ihnen in hoher Zahl neue Sterne bilden.

foto: m. kaufman; b. saxton (nrao/aui/nsf); alma (eso/naoj/nrao); nasa/esa hubble space telescope
Das neue Auge in seinem kosmischen Kontext: zwei Galaxien, die im Begriff sind, miteinander zu verschmelzen.

Die Blickdauer all dieser kosmischen Augen ist höchst unterschiedlich: Planetarische Nebel wie M 1-42 oder der Helixnebel sind höchstens einige zehntausend Jahre sichtbar – nach kosmischen Maßstäben ist das tatsächlich nicht mehr als ein Blinzeln. Durch eine ganze Galaxie wie NGC 4151 kann Sauron hingegen lange spähen: Ihre Lebenszeit beläuft sich auf Jahrmilliarden.

Die von Kaufman entdeckte Struktur liegt zwischen solchen Extremen: Das Auge mit den zwei Lidern dürfte einige Millionen Jahre Bestand haben. Auch das ist in kosmischen Dimensionen ein eher kleiner Zeitraum – vermutlich hat man deshalb noch nicht oft Strukturen wie die spektakuläre Schockfront in IC 2163 gefunden, so die Astronomin. (jdo, 20. 11. 2016)

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