Was Abstillen mit Loslassen zu tun hat

Kolumne20. November 2016, 17:00
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Warum allzu langes Stillen verhindern kann, dass Kinder ein Sicherheitsgefühl aufbauen

Frage

Ich möchte Sie heute um eine Formulierungshilfe bitten. Unsere Tochter ist zweieinhalb Jahre alt und wird noch nach Bedarf gestillt. Bisher geschieht dies mit dem Einverständnis aller Beteiligten. Aber langsam merke ich, dass ich gern abstillen beziehungsweise das Stillen reduzieren möchte. Unsere Tochter liebt es, gestillt zu werden, und sie ist es gewohnt, dass sie das vor allem in der Nacht zum (Wieder-)Einschlafen auch jederzeit darf. Ich möchte das nun aber gern reduzieren, und ich suche nach den geeigneten Worten, um meiner Tochter zu erklären, warum ich ihr dieses "Zaubermittel" jetzt auf einmal nehmen will.

Die Wahrheit ist, dass mein Schlaf sehr leidet unter den vielen Unterbrechungen, dem vielen Stillen. Ich möchte gern wieder besser schlafen und glaube, dass es besser wäre, wenn ich ihr in Zukunft anders in den Schlaf zurückhelfe. Vielleicht durch mehr Kuscheln – sie schläft bei uns im Bett. Nachts geht für sie momentan nur Mama, und ich würde das auch gern erstmal so belassen – weniger Stillen erscheint mir schon Veränderung genug, da will ich nicht auch noch die gewohnte nächtliche Hauptbezugsperson austauschen.

Wie erkläre ich ihr die neue Situation? Mir ist klar, dass ich ihren Frust aushalten muss, und ich möchte gern Worte finden, mit denen ich Verständnis für sie und für mich ausdrücken kann. Ich möchte sie liebevoll und mit Respekt in ihrem Frust begleiten, aber ich möchte auch, dass sie versteht, warum ich mit dem Stillen aufhören will. Können Sie mir soufflieren?

Antwort

Vielen Dank für Ihre wirklich gute Frage! Ich möchte vor dem "Einflüstern" ein paar allgemeine Gedanken äußern. Zunächst einmal ist es für kein Kind ernährungsbedingt notwendig, länger als 18 Monate gestillt zu werden. Es mag vielleicht ein starkes bewusstes oder unbewusstes Bedürfnis der Mutter sein, meiner Erfahrung nach ist das aber eine etwas unglückliche Basis, um an diesem Ritual festzuhalten. Ihrer Beschreibung nach scheint Ihre Tochter das Stillen als Gefühl der Sicherheit und auch zum Einschlafen zu brauchen. Für manche Mütter ist es mehr ein Geschenk an das Kind, oft aus ideologischen Gründen.

Das ist nicht wirklich ein Bedürfnis, sondern eine Gewohnheit. Dieses Ritual hat sich seinen eigenen Platz im Gehirn erobert, und jeder andere Weg wird Unbehagen auslösen, weil er eben ungewohnt ist.

Die psychologische Kehrseite ist, dass Ihre Tochter mehr und mehr von Ihnen als Anbieterin von Sicherheit abhängig sein wird und deshalb nicht lernen kann, wie sie Sicherheit in sich selbst aufbauen kann. Was mit ziemlicher Sicherheit auf Sie zukommen wird, sind viele Jahre einer Wechselwirkung zwischen Ihnen beiden. Das wird vermutlich dazu führen, dass Sie Angst davor haben, sich von Ihrer Tochter im Kindergarten zu verabschieden, und zu massivem Heimweh, das Ihre Tochter daran hindern wird, bei Freunden oder auf Schulausflügen zu übernachten. Die richtige Zeit, mit dem Stillen aufzuhören, ist in Ihrem Fall jetzt. Einfach aus dem Grund, weil Ihre Bedürfnisse sich ändern.

Bitten Sie in einem ruhigen Moment während des Tages Ihre Tochter zu sich (aber nicht auf Ihren Schoß), und sagen Sie dann in Ihren eigenen Worten in etwa Folgendes zu ihr: "Liebe …, Ich möchte Dir etwas sagen, das für uns beide unangenehm sein wird und uns traurig macht. Ich möchte, dass Du mir zuhörst, und danach kannst Du alles sagen, was Du willst. Dein ganzen Leben bist Du gestillt worden. Wenn Du traurig warst oder zum Einschlafen oder wenn du kuscheln wolltest. Ich habe das sehr gern gemacht, und es war sehr schön. Jetzt verändern sich meine Bedürfnisse. Ich brauche mehr Schlaf und auch ruhige Zeiten für mich. Deshalb möchte ich unsere alte, liebgewonnene Gewohnheit ändern. Ich weiß, dass Dir das nicht gefallen wird. Mir gefällt es auch nicht. Aber ich möchte es trotzdem. Zuerst werde ich Dich weniger stillen als bisher, und nach einiger Zeit möchte ich ganz damit aufhören …"

Gewähren Sie Ihrer Tochter Raum für ihre Reaktion, und schenken Sie dieser Anerkennung. Versuchen Sie nicht, sie zu überzeugen, dass es zu ihrem Besten sei. Sie darf so lange verärgert sein, wie es für sie nötig ist. Am nächsten Tag können Sie zum Konflikt zurückkehren und herausfinden, was Ihre Tochter denkt und was in ihr vorgeht. Solange Sie bereit sind, ihr zuzuhören, wird sie flexibler. Sie können davon ausgehen, dass sie eine Zeit lang für ihr "Recht" kämpfen wird.

Ausschlaggebend während dieser Zeit ist, dass Sie ruhig bleiben und das emotionale Drama akzeptieren. Auf diese Weise wird es drei bis vier Monate lang dauern, bis sich neue Gewohnheiten aufbauen, die für sie beide mehr Zufriedenheit bringen. (Jesper Juul, 20.11.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul regelmäßig Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Seine nächste Kolumne erscheint am 4.12.2016.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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