Julya Rabinowich: Ambivalente Welterkundungen

18. November 2016, 17:00
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Mit Leidenschaft, Neugier und Unverfrorenheit in diverse international angelegte Bredouillen: Martin Amanshauser

Die Buch Wien ist vorbei. Stände abgebaut, Mikrofone ab, Licht aus. Auch die Lesereise neigt sich dem Ende zu. In Zügen und diversen Hotelbetten blieb mir nur Schreiben oder Lesen.

Pelewin und natürlich "Der Fall Kammerer". "Das abenteuerliche Leben des umstrittensten Biologen seiner Zeit" von Klaus Taschwer, der mehr über Paul Kammerer weiß, als ich je über Paul Kammerer wissen wollte, aber nicht zu fragen wagte.

Und dann wäre da das Reisebuch von Martin Amanshauser. "Typisch Welt" erwischt mich an allen Angstakupunkturpunkten. Ich habe heftig Reiseangst. Und reise dennoch gerne. Das klingt ein wenig uneins, aber wer ist schon eins mit der Welt? Amanshauser auch nicht. Aber er erkundet sie. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Beim Welterkunden bin ich unter aller Sau. Seekrankheit, Platzangst, diverse Sensibilitäten hatten schon originelle, aber kaum erholsame Folgen. Amanshauser aber bringt sich lustvoll in diverse international angelegte Bredouillen. Mit Leidenschaft, Neugier und Unverfrorenheit. Er wagt sich in Winkel, in die ich nie kommen werde, und er schreibt intensiv über alles, was mir verschlossen bleiben wird.

Wir erfahren vom polnisch zugeschwollenen Auge des Kindes. Von diversen Abzockversuchen, und zwar gleich kontinenteweise. Von Quarantäne in Managua. Von Teetrinkern in Singapur. Von Begehrlichkeiten, von Luxus und Armut, von Buddhaköpfen und dem Vatikan. Die Welt scheint zwar schlitzohrig, aber auch unterhaltsam und vor allem eines: sehr kompakt.

Und dann, mittendrin in diesem eher erheiternden Reigen, plötzlich eine scharfkantige, furchtbare Grausamkeit: vor kurzem beschnittene kleine Mädchen auf einem Markt in Gambia, dem Autor von einem Einheimischen als ganzer Stolz des Dorfes vorgestellt. Sein Entsetzen greift recht zügig auf die Lesende über. Und die Hilflosigkeit, in der er später Opfersteine für die verstümmelten Kinder auf einen Altar legt. In der Hoffnung, dass es ihnen Glück und wenigstens eine rasche komplikationslose Heilung bringe. (Julya Rabinowich, 19.11.2016)

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