Stefanie Reinsperger: "Bei den Kolchern kommt das aus dem Bauch heraus"

Interview19. November 2016, 09:00
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Die Schauspielerin ist die nächste Buhlschaft in Salzburg. Zuvor aber hat sie noch anderes zu tun. Am Sonntag etwa spielt sie die Titelrolle in "Medea" am Volkstheater. Anna Badora inszeniert

STANDARD: Sie haben bereits 2011 in Düsseldorf die Medea gespielt. Steht Ihnen Eingeübtes von damals im Weg?

Reinsperger: Im Gegenteil, das ist ja toll, dass ich das jetzt, zu einem späteren Zeitpunkt, noch einmal angehen kann. In meinem Leben sind Erfahrungen dazugekommen, der emotionale Rucksack ist schwerer geworden. Ich dachte damals, na vielleicht spielt man so eine Rolle noch einmal, wenn man selber Kinder hat. Aber scheinbar gibt es jetzt eine Zwischenstufe.

STANDARD: Sie sind jung, haben aber schon einige Häuser hinter sich gelassen, darunter das Burgtheater, und Sie gehen, wie man hört, nächste Spielzeit ans Berliner Ensemble. Das Wurzeln in einem Ensemble ist scheinbar passé.

Reinsperger: Also der Lernprozess bleibt ja bestehen, selbst wenn man ein Ensemble wechselt. Der Ensemblebegriff befindet sich im Umbruch. Die Tradition, dass man an ein Haus geht und dort dann 15 Jahre bleibt, löst sich definitiv auf. Ich komme aus einer Generation, in der dir schon an der Schauspielschule bewusst gemacht wird, dass du deinen Wohnort alle zwei Jahre wechseln wirst. Das ist für mich nicht belastend im Sinne eines ständigen Neuanfangs, denn in Wahrheit ist ja schon jede Konzeptionsprobe ein Beginn bei null.

STANDARD: Gibt es etwas Konkretes, das Sie nach Berlin zieht?

Reinsperger: Ich würde sagen, über das rede ich gern zu einem späteren Zeitpunkt.

STANDARD: In antiken Dramen gilt die Sippenhaftung. Man könnte Medeas Morden insofern als konsequent betrachten, salopp gesagt: einen Schlussstrich unter die Schuld ziehen. Wie rechtfertigen Sie als Schauspielerin ihre Tat?

Reinsperger: Es stimmt, als Schauspielerin muss man für jede Figur Empathie empfinden. Ich kann mir nicht anmaßen, einen (Kinds-)Mord psychologisch zu rechtfertigen. Aber ich kann auf die Spurensuche gehen, auf die Suche nach äußeren Umständen, die diese Person so sehr in die Einsamkeit treiben, in der sie keinen anderen Ausweg mehr sieht als diese schreckliche Tat. Also: "Das tu ich euch allen jetzt noch an, bevor ich gehe."

STANDARD: Ist es Rache oder mehr das Tilgen des Bösen, der Schuld?

Reinsperger: Die Kinder haben ja keine Schuld.

STANDARD: Stimmt, aber der Fluch pflanzt sich mit ihnen fort. Medea betont ja, wie sehr ein Knabe dem Vater ähnelt.

Reinsperger: Anna Badora und Dramaturgin Heike Müller-Merten haben für unsere Spielfassung alle Vorbedeutungen, die Grillparzer kenntlich macht, rausgenommen. Das ist bei uns textlich versteckter, das finde ich spannend. Medeas Tat bahnt sich nicht schon an, sondern es überkommt sie. Diesen Moment des Nullpunkts, wo alles schlagartig sehr gefährlich wird, finde ich sehr modern.

STANDARD: Aus Sicht der Griechen heiratet Jason eine Ausländerin. "Medea" erzählt damit auch das gescheiterte Projekt einer interkulturellen Ehe. Inwiefern knüpft die Inszenierung mit dieser Lesart an die unmittelbare Gegenwart an?

Reinsperger: Wir deuten da jetzt nicht mit dem Zeigefinger hin, dass wir im Heute sind. Diesen Zusammenhang herzuleiten überlasse ich jedem Zuschauer gern selber. Schon allein, dass wir Schauspieler als Menschen im Hier und Jetzt auf der Bühne stehen, erzeugt ja einen Bezug zum Heute. Die schwierige Ausgangslage ist: Jason nimmt Medea mit in seine Welt. Das heißt sie ist dort immer die Fremde. Er kann wieder andocken, sie nicht. Und so wird sie immer mehr ausgezirkelt. Das muss man nicht immer auf Migrationsthemen ausdehnen, solche Ausgrenzungen finden ja schon im ganz Kleinen statt, am Schulhof zum Beispiel, weil jemand aus welchen Gründen auch immer nicht dazupasst.

STANDARD: Grillparzer schreibt ja bereits in Richtung Ehehölle von Ibsen. Wie wichtig ist dieses Emanzipationsnarrativ?

Reinsperger: Das Emanzipatorische ist natürlich ein Pfeiler des Textes. Es ist wie ein modernes Ehedrama. Schon auf der Schauspielschule dachte ich, "Medea" ist ja wie "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Dass es Grillparzer schafft, in dieser großen Sprache so heutig zu sein, ist faszinierend und ein großes Geschenk zum Spielen. Was die für Lust haben, sich in Worten und Taten Schmerz zuzufügen und das auf einer Augenhöhe, das ist unglaublich leidenschaftlich und gefährlich.

STANDARD: Apropos Sprache: Merken Sie selbst, dass Grillparzer die Reimform an die jeweilige Figur angepasst hat?

Reinsperger: Ja, die Griechen sprechen ein anderes Versmaß als Medea. Ich empfinde Medeas Sprache als viel direkter. Allein schon der Beginn in Kolchis ist sehr haptisch, sehr erdig. Bei den Griechen ist es eher der Intellekt, der sich in den Formulierungen widerspiegelt. Bei den Kolchern kommt das mehr aus dem Bauch heraus, das liegt mir. Es macht mir Freude, dass ich so reden darf.

STANDARD: Inwieweit werden die ersten beiden Teile vom "Goldenen Vlies" auch aufgegriffen?

Reinsperger: Sie spielen als Erinnerungen eine Rolle. Es beginnt mit Medea als Kind, als sie genötigt wird, am Mord an einem Griechen mitzuhelfen. Diese Mitschuld wird sie nicht mehr abschütteln können. Sie versucht es, gibt ja in der Liebe zu Jason alles auf, ihre komplette Identität, heute wäre das Reisepass, Meldezettel, Bankomatkarte, Handy, E-Mail-Adresse.

STANDARD: Wie gehen Sie damit um, dass so viele Frauenrollen der klassischen Dramenliteratur unterordnend oder passiv sind?

Reinsperger: Das muss man ja nicht so spielen! Es stimmt schon, aber selbst für die Eve im "Zerbrochnen Krug" nahm ich mir mehr Spielraum, als die Rolle rein textlich scheinbar vorgibt. Man kann gemeinsam mit der Regie die Dimension einer Figur natürlich erweitern. Das ist auch deine Aufgabe als Spieler. Ich betrachte es als meine Verantwortung meinem Beruf gegenüber.

STANDARD: Sie haben einmal vorgeschlagen, Frauen sollten öfters Männerrollen spielen, wir sollten uns von Schablonen verabschieden. Könnten Sie das genauer erklären?

Reinsperger: Na ja, die gegengeschlechtliche Besetzung ist mittlerweile ja fast wieder ein Klischee. Ich finde einfach, wir sollten offener werden im Denken. Ein Beispiel wäre die Opposition Mann und Frau zu durchbrechen. Ein gutes Beispiel ist "Die lächerliche Finsternis" im Akademietheater. Da spielen wir Schauspielerinnen ja keine Männer, sondern Situationen.

STANDARD: Wann gibt es den ersten weiblichen Jedermann?

Reinsperger: Mir wurde gesagt, wenn jemand schon den Teufel gespielt hat, dann könnte er eventuell in der Besetzungsliste aufsteigen. Von der Buhlschaft hab ich aber noch nicht gesehen, dass sie den Teufel spielt. Ich bin aber offen für erste Male!

STANDARD: Die Buhlschaft ist ja gerade eine Schablone ...

Reinsperger: Entschuldigung, aber ich kann diese Frage schon nicht mehr hören. Ich habe erstens noch keine Ahnung, wie ich das spielen werde, weil wir proben ab Juni. Und ich kann doch nicht über eine Figur von vornherein den Begriff "pure Erotik" drüberstülpen. Die Buhlschaft hat einen Pop-up-Auftritt, ja, aber es entsteht alles neu im Zusammenspiel mit meinem Partner Tobias Moretti. (Margarete Affenzeller, 19.11.2016)

Stefanie Reinsperger (28) ist Schauspielerin und ein Shootingstar im österreichischen Theater. Sie wurde bereits zur "Schauspielerin des Jahres" gekürt, ist Nestroypreis-Gewinnerin und die neue Buhlschaft in Salzburg. Ab kommender Spielzeit könnte sie – es ist noch unbestätigt – das Volkstheater gegen das Berliner Ensemble eintauschen.

Premiere am 20. November, 19.30 Uhr, Volkstheater

  • Stefanie Reinsperger schlüpft nicht zum ersten Mal in die Rolle der Medea: "Der emotionale Rucksack ist inzwischen schwerer geworden." Ihr Credo: "Man muss für jede Figur Empathie empfinden."
    foto: robert newald

    Stefanie Reinsperger schlüpft nicht zum ersten Mal in die Rolle der Medea: "Der emotionale Rucksack ist inzwischen schwerer geworden." Ihr Credo: "Man muss für jede Figur Empathie empfinden."

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