Eva Menasse über Leif Randt: Das Kollektiv der gebrochenen Herzen

20. November 2016, 12:00
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Der Berliner Autor Leif Randt wird am Sonntag im Wiener Literaturhaus mit dem diesjährigen Erich-Fried-Preis ausgezeichnet

Über den Schriftsteller Leif Randt wird behauptet, dass er Science-Fiction schreibe. Tatsächlich betreibt er großen Aufwand, damit die Kritiker nicht ohne die Worte Science-Fiction, Utopie oder Dystopie auszukommen glauben. Mit hintergründiger Bosheit zerrt er sie absichtlich am Nasenring über seine merkwürdig schillernden Planeten namens Blink oder Blossom, wo Menschen Teint-Tabletten nehmen, Exalblütentee trinken und ihre Partys mit "rudimentären Dekorationstieren" aufpeppen, also mit extra dafür gezüchteten Glühwürmchen.

Aber natürlich ist es ganz anders. Natürlich schreibt Leif Randt, wie jeder gute Autor, schmerzlich wahr und klar einzig und allein über uns, über unsere heutige Welt und darüber, wie wir immer noch glauben, ihre unangenehmen Phänomene cool und lässig bewältigen zu können.

Und er tut das mit einer bemerkenswerten Mischung aus feuerfester Ironie und analytischer Weisheit. Seine fantasievollen Szenarien bilden dabei gewissermaßen den Röntgenapparat, also eine Maschine, die bestimmte Phänomene durchleuchtet und überhaupt erst sichtbar macht.

Wäre – das ist vielleicht eine etwas gewagte These, aber sie beruht auf einiger Lektüreerfahrung – Leif Randt kein junger Deutscher, sondern etwa ein Franzose seiner Generation, dann wären seine Romane viel satirischer und kälter, und man könnte möglicherweise viel mehr lachen. Jedenfalls könnte man sich möglicherweise besser distanzieren und so beruhigt zu Bett gehen, als habe man bloß wieder ein paar dieser Youtube-Filmchen durchgezogen, wo Menschen oder Tieren ach so lachhafte Missgeschicke widerfahren.

Eiskalte Vergnügtheit

Aber bei Randt geht es um sehr viel mehr als ein hochmütiges Sich-Erheben über die Lächerlich- und Peinlichkeiten, die jede Generation produziert: Von den ersten Sätzen an legt sich einem eine Art eiskalte Vergnügtheit wie eine Klammer ums Herz, und ein Lächeln des Wiedererkennens friert einem im Gesicht fest. Seine Sprache, die so modern und glatt, ironisch und cool daherkommt – Textbeispiel: "Ihre Attitüde erscheint mir etwas destruktiv" -, lässt zwischen den Zeilen Melancholie und sanfte Bedrohung einfließen, in feinen Lücken, gefährlich wie Gletscherspalten.

Dieses Verfahren ist so faszinierend und süchtig machend wie die Drogen, die in diesen Büchern eine gewisse Rolle spielen. Die Flüssigkeit Magnon im Roman Planet Magnon zum Beispiel führt, so steht es geschrieben, zu einer "Mischung aus enormer Objektivität und großer Emotion, zu einem Zustand konzentrierter Besänftigung". So ist es fast, aber nicht ganz. Die Beunruhigung des Lesers, der eben leider kein "Magnon" zur Hand hat, ist größer.

Sind das wirklich wir, jedenfalls wir hier im reichen und bis an die Zähne privilegierten Westen, fragt man sich beim Lesen, sind wir diese Menschen, die so besessen an ihrer Selbstoptimierung arbeiten, wie sie gleichzeitig den Anschein jeder Anstrengung zu vermeiden suchen, weil sie in jeder Minute, selbst im Schlaf, souverän, authentisch und autark sein wollen? Das Dasein ist – auf den ersten Blick – schön, bunt und friedlich geworden in Leif Randts Szenarien. Konflikt, Kampf und Krieg sind abgeschafft, ebenso Arbeit, Armut und Entwürdigung.

Doch seinen Romanen gemeinsam ist das zähnefletschende Grinsen der Unfreiheit, die über dem Ganzen liegt. Wohlbefinden und Wohlergehen haben sich zu einer Ideologie verfestigt, gegen die man sich vernünftigerweise nicht auflehnen kann. Man kann doch nichts dagegen haben, dass es maximal vielen Menschen endlich gutgeht? Dass eine computergesteuerte Welt nichts mehr mit Demokratie zu tun hat, ist klar.

Die Demokratie wurde dem größeren Gut geopfert. Interessant und beängstigend die Vorstellung einer Meinungsumfrage in unserer wirklichen Welt: Wenn eine digitale, also künstliche Intelligenz in der Lage wäre, eine solch perfekte Welt ohne Armut und Hunger zu schaffen, würden wir sie dann nicht übernehmen lassen?

Dieses digital gesteuerte Paradies im Roman hat eine gar nicht so überraschende, man könnte sogar sagen: die klassische Folge. Es bleibt nun nichts mehr zu tun, als sich wieder auf die Suche nach einem Sinn zu machen. Die Menschen haben so furchtbar viel Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Also müssen neue Ideologien her, Philosophien und Akademien, Konkurrenz zwischen den Kollektiven, alles ein einziger großer Ideenwettbewerb. Der aber dennoch völlig hohl bleibt, weil an der eigenen Lage nichts mehr verbessert werden kann. Die wird ja vom Computerprogramm gesteuert. Dass der nächste Schritt in Skepsis, Zweifel und Entfremdung, in Auflehnung gegen die Diktatur des Wohlbefindens besteht, liegt, wenn man die menschliche Natur kennt, auf der Hand.

Das Hochelegante dieses Romans ist, dass Randt nun nicht den naheliegenden Konfliktknoten schürzt: Mensch gegen Maschine, Demokratie gegen Diktatur des Algorithmus. Nein, es ist viel klüger und dabei simpler. Die Macht der Gefühle, dieser scheinbar überflüssigen, schädlichen und scheinbar längst abgeschafften Energien, ist es, die das Planetenleben aus der harmonischen Balance zu bringen droht.

Schmerz ist uncool

Ein neues, geheimnisvolles Kollektiv der "gebrochenen Herzen" hat sich im Untergrund zusammengefunden. Es revoltiert gegen die Art der Liebesbeziehungen, wie sie in der neuen Welt auf die allerfreundlichste, vernünftigste Weise nicht nur empfohlen, sondern angeordnet sind. Nämlich so: Da man weiß, dass nichts auf Dauer ist, soll man den Augenblick genießen und jedenfalls nicht verpassen, sich lieber früher als später wieder zu trennen. Schmerz und Eifersucht sind uncool und out, jeder muss begreifen, dass er keine Rechte am anderen hat, und längerfristige Bindungen werden ohnehin erst für die Best Ager empfohlen, wie die Alten hier so sonnig-beschönigend heißen.

(...) Auch die Kernfamilie ist überwunden, stattdessen "kollektive Erziehung" angesagt. Über das alte Modell von sogenannten "Eltern-Duos" heißt es – man achte wieder auf diese typisch kühle glatte Sprache, die Ungeheuerliches mitteilt -, dass "ein solches Duo kaum in der Lage sein sollte, ein Kind langfristig zu begeistern".

Aber da man den Menschen ihre Gefühle selbst im Luxus nicht abtrainieren kann, formiert sich diese Protestbewegung, die sogar eine Art von Terroranschlägen verübt. Eine giftige Substanz wird auf mehreren Planeten versprüht, es kommt zwar vorerst niemand zu Schaden, aber Zweifel und Unsicherheit sind in der Welt. Es scheint, als würde dieses neue Kollektiv der Unzufriedenen für einen massenhaften Abfall von den üblichen Kollektiven sorgen, als habe es das Potenzial, die Planetenharmonie zu zerstören.

Samisdatliteratur in Form von verzweifelten Liebesbriefen kursiert. Jene, die heimlich am bislang verpönten Liebeskummer gelitten haben, treten nun zwar anonym, aber umso selbstbewusster her- vor und protestieren, dass ihr Schmerz vom Rest der Gemeinschaft nicht "respektiert" und "anerkannt" werde.

Zeitalter der Beleidigten

Daran könnte uns jetzt langsam einiges bekannt vorkommen. Vor wenigen Wochen war in der Zeit ein Artikel darüber zu lesen, dass das Zeitalter der Erniedrigten und Beleidigten angebrochen sei. Jede Minderheit, oder genauer: Jede Gruppe, die sich zur anerkannten Minderheit krönen will, benennt lautstark eigene Kränkungen. Dafür nämlich bekommt man verlässlich Aufmerksamkeit. Wütende Gekränktheit sei, schrieb Jens Jessen, "Mode und ein Machtmittel" geworden, vom Islamisten bis zu den Studenten an westlichen Hochschulen.

In Leif Randts Roman wird vermutet, dass sich dieses unbekannte, bedrohliche "Kollektiv der gebrochenen Herzen" aus "emotionalen Verlierern" zusammensetze. Schon das Wort "emotionale Verlierer" ist eine klare Beleidigung. Bisher vertraute man im friedlichen Planetensystem darauf, dass niemand ein solcher sein wollte. Und dass, selbst wenn sich der eine oder andere als solcher fühle, er das tunlichst überspielen und für sich behalten würde. Doch plötzlich schlagen sie selbstbewusst zurück, die Loser. Und hier sind wir schon ganz nah an der Gegenwartsmetapher, so kunstvoll und auch künstlich verfremdet sie uns aus dem Weltall entgegenschimmert. (Eva Menasse, 20.11.2016)

Es handelt sich bei diesem Text um die gekürzte Fassung der Laudatio, die Eva Menasse, heuer alleinige Jurorin des Erich-Fried-Preises, am 20. November (11 Uhr) im Wiener Literaturhaus auf den von ihr ausgewählten Preisträger Leif Randt (Jahrgang 1983) hält. Das Programm der Fried-Tage (19. -22. 11.), der parallel laufenden Tagung "Jüdische Gegenwarten" und Infos über den Auftritt von Jeffrey Eugenides (22. 11., 19.30 Uhr) im Akademietheater unter: www.erichfriedtage.at

  • Leif Randt (33), der schon mit seinem Roman "Schimmernder Dunst über Coby County"für Aufsehen sorgte, entwirft in seinem neuen Buch "Planet Magnon" eine Diktaturdes Wohlbefindens. Nun wird er mit dem Erich-Fried-Preis 2016 ausgezeichnet.
    foto: erwin elsner / dpa / picturedesk

    Leif Randt (33), der schon mit seinem Roman "Schimmernder Dunst über Coby County"für Aufsehen sorgte, entwirft in seinem neuen Buch "Planet Magnon" eine Diktaturdes Wohlbefindens. Nun wird er mit dem Erich-Fried-Preis 2016 ausgezeichnet.

  • Die österreichische Schriftstellerin und Jurorin Eva Menasse hält die Preisrede.
    foto: andreas pein / laif / picturedes

    Die österreichische Schriftstellerin und Jurorin Eva Menasse hält die Preisrede.

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    cover: kiepenhauer & witsch
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