Berlusconi und Trump: Prolliardäre, wie sie im Buch stehen

Kolumne18. November 2016, 12:24
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Die Krisenkolumne von Christoph Winder

In seinem kleinen Soziologie-Klassiker Class. A Guide through the American Status System hat der US-Intellektuelle Paul Fussell schon 1980 eine charakteristische gesellschaftliche Entwicklung geortet, welche er als "Prole Drift" bezeichnet, also als einen Zug zum Proletentum hin.

Dieser Zug sei eine unvermeidliche Folge von Massenproduktion, Massenvermarktung und Massenkommunikation und äußere sich in Symptomen wie Bestsellerlisten, Filmen, die darauf abzielen, jedermann zu gefallen ("außer den Intelligenten, Sensiblen und Subtilen"), sowie in der "Lemmingsflucht in die intellektuelle und kulturelle Leere des Sun Belt". Weitere Indizien für den "Prole Drift" sind laut Fussell, a) dass der Wert von Büchern nicht mehr an deren Exzellenz, sondern an Popularität und Verkaufspotenzial gemessen werde und b) dass amerikanische Biere um zwanzig Prozent weniger bitter seien als je zuvor. Süß ist, anders als bitter, bei den Geschmacksrichtungen die typische Prolopräferenz.

Was Fussell in seinem luziden Werk noch nicht in voller Klarheit analysieren konnte, war das Heraufdämmern eines neuen Typus von Spitzenpolitiker, den man am besten als Prolliardär bezeichnen kann. Italien hat mit Silvio Berlusconi ein leuchtendes Vorbild geliefert, die Amerikaner haben mit Donald Trump stark nachgezogen.

Beim Prolliardär handelt es sich um einen Plutokraten, der seine Intellektferne wie ein Banner vor sich herträgt (Lesen kann Ihre Libido gefährden!). Sein Herrschaftsverständnis kommt einer Art von absolutem Kopulationskaisertum gleich, wobei es wenig zur Sache tut, dass Trump bei seinen Partnerinnen mehr in Richtung Ex-Ostblock tendiert, während Berlusconi beim Bunga Bunga keine Spezialvorlieben erkennen ließ. Ob Trump das Ius Primae Noctis zum vordringlichen Gesetzesvorhaben in den USA erklären wird, ist vorläufig noch unklar.

Wenn Trump neben der Befriedigung seiner Gelüste noch eine Hand frei haben sollte, um die sympathischeren seiner Wahlversprechen zu realisieren – ökonomische Besserstellung des maroden Mittelstandes, Renovierung der US-Infrastruktur etc. -, könnte man am Ende seiner Amtszeit davon sprechen, dass er ein Präsident wie im Buch war. Das Blöde ist nur: Trump weiß nicht, was ein Buch ist. Aber immerhin: Bei Twitter, da kennt er sich aus. (Christoph Winder, Album, 18.11.2016)

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