Marlene Streeruwitz über Trump: Maskulinismus an der Macht

Essay19. November 2016, 18:00
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Mit Donald Trump hat eine Kultur des Rassismus und der Frauenverachtung gewonnen

foto: ap/eugene hoshiko
Trump-Maske: "Das Identitätsangebot 'weißer Mann' ist auch für einen Österreicher verführerisch. Er kann sich weiter als den Mittelpunkt der Welt sehen ..."

Am Morgen nach der Wahl von Donald Trump. Ich hatte in Innsbruck zu tun gehabt und holte mein Auto aus der Tiefgarage des Hotels. Ein netter älterer Mann öffnete gerade die Tür seines Volvo Kombi mit Tiroler Kennzeichen nebenan. Ob er mich mit seinem Wagen eingesperrt habe, fragte er. Und wie ich es fände. Das mit der Wahl. Ob ich so etwas erwartet hätte. Wir schüttelten beiden die Köpfe. "Die Amerikaner sind wie die Kinder", sagte der Mann dann. Das fand ich nicht. Eine Diskussion entstand. Und. Sie landete bei der Frauenfrage. "Die Clinton", sagte der Mann. "Die Clinton. Die wollte doch eh nur Krieg führen." Auf meine Frage, was denn eine Frau nun machen sollte, damit man ihr keinen Vorwurf machen könne, antwortete der Mann, dass die Frauen einfach zu Hause bleiben sollten. Die Familie versorgen. Die meisten Frauen, meinte er. Er nehme mich da aus. Ich schaue nicht so drein. Aber die meisten Frauen. Die. Die wollten doch gar nicht arbeiten. Die wollten versorgt werden. Die hätten es doch nur darauf abgesehen, die Männer auszunehmen. Nicht alle. Nein. Das wolle er nicht sagen. Aber besonders die Jüngeren. Die wollten doch nur einen reichen Mann. Auf meinen Hinweis, dass doch immer zwei dazugehörten, wenn eine Verbindung eingegangen würde, antwortete er, dass man die Männer schützen müsse. Vor den Frauen. Dann schaute er mich lange an. "Jetzt." sagte er. "Jetzt. Nach dieser Wahl. Da könnte ich ja 'blöde Fotze' zu Ihnen sagen, und es kann mir nichts passieren. Was?" Der Mann legte fragend seinen Kopf zur Seite und lächelte schelmisch-verschwörerisch. "Ich meine das nicht böse", sagte er noch und lachte fröhlich. "Die Zeiten haben sich geändert", rief er und stieg in sein Auto ein.

Ich fand mich sprachlos

Ich fand mich sprachlos. Ich fand mich also genau da, wo solche Machtverhältnisse die Frauen jahrtausendelang durch Herabwürdigung stumm gehalten hatten. Und. Die Selbstverständlichkeit dieser Machtausübung durch Herabwürdigung war durch das charmante Lächeln nur noch verstärkt. Und nein. Die Zeiten hatten sich nicht geändert. In keiner Weise. Die Frau als Objekt der Schmähung. Seit diesen 5000 Jahren. Das hatte in Comedy oder Schönheitswahn maskiert sowohl im Kanon der Unterhaltungsindustrie wie in der Hochkultur die letzten Jahrzehnte überlebt. Und. Das war auch von den Frauen selbst gegen sich selbst gerichtet erhalten geblieben. Nur jetzt. Im Klima der Aufsagung aller Vereinbarungen des Zivilisierten. Da kann einer die ganz alte Macht der Verachtung wieder benutzen.

Aber. Ich musste weg. Ich stieg also ins Auto. Fuhr los. Auf der Fahrt durch das Inntal. Im Sonnenschein. Die schneeglitzernden Berge rechts und links hoch aufragend. Schönwetterwölkchen am blauen Himmel. Die Lärchen orange leuchtende Flecken an den Hängen.

Der Mann hatte recht gehabt. Mit Donald Trump hatte eine gewalttätige Kultur des Rassismus und der Frauenverachtung gewonnen. Ja. Die Wähler und Wählerinnen gaben Trump das Mandat, den Staat selbst zum Träger dieser brutalen Kultur zu machen. Trump, so lautete der Auftrag. Trump soll das alte Establishment mit den Mitteln dieser Kultur beseitigen. Und. Er soll den Staatsapparat zum Erfüllungsgehilfen seiner rechtsextremen Versprechungen machen. Der Ku-Klux-Klan wird ihm dafür eine Parade marschieren. Im Staat. In der äußeren Welt. Rassismus und Frauenverachtung sollen die Grundlage offiziellen Handelns bilden. Denn. Der "weiße Mann" soll wieder in seine angestammten Rechte eingesetzt werden.

foto: reuters/jim urquhart
Proteste gegen Trump.

Der "weiße Mann" soll wieder das Geld verdienen. Die weiße Frau soll viele weiße Babys zur Welt bringen. Und. Damit sie das tut, muss sie wieder vollkommen abgewertet werden. Sie soll ja auf keine andere Idee kommen können. Denn. Verachtung. Verachtung nimmt die Verachteten vollkommen gefangen und versklavt sie.

Und nun. So wie beim Mann in der Innsbrucker Tiefgarage sollen die Werte, die mit dem Begriff "weißer Mann" umrissen werden, wieder die unbewusste Grundlage des Handelns und Denkens und der Dominanz des "weißen Manns" werden können. So wie der Mann in der Innsbrucker Tiefgarage diese schimpfliche Bezeichnung der Frau selbstverständlich zur Hand hatte, so sollen alle anderen Ausdrucksformen der Überlegenheit wieder selbstverständliche Ausdrucksform des "weißen Manns" werden.

Wie bei allen Faschismen handelt es sich auch hier um das Abwehrgefecht gegen sozialen Abstieg. Als Mittel gegen diesen Abstieg fällt dem weißen Fundamentalismus dann nur ein, sich durch massenhafte Vermehrung den alten hegemonialen Platz zurückzuholen. Zugleich wird damit gesagt, dass die Frauen schuld an diesem Abstieg sind. Die Frauenbewegung wird abgewertet. Feminismen bekämpft. Genderwahnsinn ausgerufen.

Gleichzeitig wird überdeckt, dass familienrechtlich die Frauenarbeit eine ökonomische Notwendigkeit ist. Der Familienerhalter existiert längst nicht mehr. Der ist von der neoliberalen Wirtschaft beseitigt worden und nicht von den Frauen. Wie immer. Wirtschaftliche Probleme werden mit der Frauenfrage verschleiert. Und dann. Mehr Jobs wird es für die Burschen auch dann nicht geben, wenn alle Frauen zu Hause bleiben und Hemden bügeln. Dafür ist ja die digitale Revolution zuständig.

Der nette ältere Herr

In der Innsbrucker Tiefgarage. Der nette ältere Herr deklarierte sich als "weißer Mann". Er deklarierte sich zwar noch in Frageform und mit einem charmanten Lächeln. Aber. Die Wahl von Donald Trump ermöglichte es ihm, aus den vielen Identitätspartikeln, die ihn sicherlich insgesamt ausmachen, dieses spezifische Identitätsangebot auszuwählen.

Identitäten, so sagt die Wissenschaft. Identitäten setzen sich aus erworbenen Aspekten und aus Zuschreibungen zusammen. Dieser nette ältere Mann. Er wirkte wie einer, der seine Enkel zum Sportunterricht fährt oder ihnen das Autofahren beibringt. Dieser nette ältere Mann griff in dem Gespräch über die Wahl in den USA nicht auf seine berufliche Identität zurück. Seinen Erfolg. Oder seine Stellung in der Familie. Seine Rolle in der Gemeinde. Im Kirchenrat der Pfarre. Nein. Er benutzte das Angebot "rechtsextreme Männlichkeit Trump'scher Manier" zur Darstellung. Dieser nette ältere Herr ließ seine "Weißheit" sichtbar werden. Er war noch ein wenig erstaunt darüber. Aber. Wir wissen. Er wird das noch sehr gut lernen. Seine Enkeltöchter wird er schützen. Die Frauen aber. Die Frauen so. Im Allgemeinen. Für die hält er eine Schmähung bereit. Und. Er weiß sich im Einklang mit einem Zeitgeist, der ihn darin nur bestärken wird.

foto: heribert corn
Schriftstellerin Streeruwitz: "Es bleibt nichts anderes übrig, als von vorn zu beginnen. Nur komplizierter. Wir müssen den Staat stärken, um ihn demokratischer machen zu können und so zu Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit zu kommen."

Nun ja. Zeitgeist. Die herrschenden Ideen sind immer die Ideen der Herrschenden. Der nette ältere Mann bevorzugte die ihm als natürlich zugeschriebene Identität "weißer Mann" als stärkeres Angebot als seine selbsterworbene Persönlichkeit. Die angebliche Natürlichkeit des Geschlechts erscheint ihm stärker als all das, was er in seinem Leben erreicht hat.

Im Auto dann. Im Inntal. Inmitten dieser jubelnden Herbstlandschaft. "Die Zweite Frauenbewegung ist damit zu Ende", dachte ich. "Endgültig und nun real."

Das heißt, wir müssen in die Dritte Frauenbewegung aufbrechen. Denn. Wenn ein Mann – oder irgendjemand – mir eine sexistische Schmähung entgegenschleudern kann und dieser Mann – oder irgendjemand – mit keinen Folgen rechnen muss. Dann habe ich keinen gleichberechtigten Status in dieser Kultur. In diesem Staat. Und. Wenn der Zeitgeist Maskulinismus heißt, dann ist Maskulinismus an der Macht.

In der österreichischen Situation ist das dann das rhetorische Nachzugsverfahren der vorhandenen Situation. Die Frauen werden halt noch geschmäht, nachdem sie familienrechtlich ausgesteuert in geringfügiger Beschäftigung der Altersarmut entgegengeführt werden. Ach ja. Wie hat der nette ältere Herr gemeint. Frauen wollen doch ohnehin nicht arbeiten. Wie sollen sie denn, wenn sie ohnehin nur schlechter bezahlt die Haushaltsarbeit ja doch noch erledigen müssen, während der sogenannte Familienerhalter die Familie nicht allein erhalten kann, aber für seinen Job geschont werden muss.

Lizenz zur Schmähung

Eine Frau hat es in Österreich nicht gleichberechtigt. Aber. Wenn die Männer absteigen, dann geht es den Frauen noch viel schlechter. Dafür gibt es aber nun die Lizenz zur Schmähung. Dann können die "weißen Männer" sich wenigstens da besser fühlen. Wie gesagt. Das Identitätsangebot "weißer Mann" ist auch für so einen Österreicher verführerisch. Er kann sich weiterhin als den Mittelpunkt der Welt sehen, und die anderen bleiben die anderen. Die Wahrheit ist ja, dass der "weiße Mann" auch nur eine Gruppe ist, die von anderen Gruppen aus eben nur eine andere Gruppe darstellt. Der Verlust der Exklusivität. Wie viel sollen wir dafür noch bezahlen. Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts handelten doch schon davon.

Und. Dieser "weiße Mann", der nach dem Handbuch der FPÖ der autochthone Österreicher genannt werden soll. Diese "Weißheit". Die ist nicht schichtspezifisch. Der nette ältere Mann in Innsbruck war gediegene Mittelschicht. Er hat auf das Identitätsangebot "weißer Mann" zurückgegriffen, weil wir über die Frauenfrage geredet hatten und er keine Argumente mehr hatte. Für andere, die den Abstieg deutlicher spüren, mag es die überzeugendere Identität sein, weil sie machtversprechend von außen angeboten wird.

Wie zu sehen ist, werden alle Konventionen, Prägungen und die übrige innere Welt des jeweiligen Manns außer Kraft gesetzt. Der nette ältere Herr wirkte nicht wie einer, der normalerweise mit Schmähausdrücken um sich wirft. Für ihn war es wohl genugtuend, dass ein anderer in der Schmähung voranging. Donald Trump war in dieser Art der Schmutzrederei für alle anderen vorausgegangen. Hat angeführt. Und die anderen "Weißen" sind dankbar dafür.

Für viele der Wähler Donald Trumps wird ein Gefühl der Verlorenheit als Grund ihrer Wahl angegeben. Sie fühlen sich zurückgelassen und machen mit dieser Wahl auf sich aufmerksam. Dieses Argument wird auch für die Hofer-Wähler in Österreich verwendet. Statt aber über demokratische Prozesse sich in den Staat einzubringen, wird die Demokratie abgeschafft, um sich die alten Privilegien der "Weißheit" oder des Österreicher-Seins zurückzuholen.

Wir müssen den Staat stärken

Ja. In den USA wird den Afroamerikanern und Afroamerikanerinnen gegenüber offen von Bürgerkrieg gesprochen. Vor allem. Die Leben von Personen sollen wieder durch die Geburt bestimmt werden. Das ist genau das Gegenteil dessen, wofür die Gründerväter die Vereinigten Staaten gründeten. Aber. Wie gesagt. Der Ku-Klux-Klan will für Trump eine Parade abhalten. Es geht um die Verteilung der Ressourcen. Der Kampf darum wird mit brutalen Mitteln geführt werden. Für Österreich hat das Handbuch der FPÖ ganz das Gleiche vor.

Was tun. Nun. Es bleibt nichts anderes übrig, als von vorn zu beginnen. Nur komplizierter. Wir müssen den Staat stärken, um ihn demokratischer machen zu können und so zu Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit zu kommen. Und. Diesmal geht es um das Bestehen auf Emanzipation und Autonomie quer zu allen Geschlechtern und Schichten und anderen Zugehörigkeiten, um die demokratischen Kräfte so zu vereinen, dass sie wirksam sein können. Schließlich hat uns der Zerfall dieser Kräfte in Österreich genau diese beiden Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl beschert. Dieses Symptom des Zerfalls des politischen Establishments sollte eine Lehre bleiben und sich nicht wiederholen.

Das Normale an der Brutalität

Was mich nun aber noch mehr beschäftigt, das ist die Normalisierung. Wäre ich nicht diesem netten älteren Mann in der Innsbrucker Tiefgarage begegnet, ich hätte das Normale an der Brutalität des Kommenden nicht in dieser Klarheit sehen können. Denn. Und das scheint mir der nun wichtigste Vorgang zu sein. Die Bilder von Donald Trump mit Barack Obama im Weißen Haus. Diese Bilder etablierten sofort ein Gefühl von Normalisierung. Es wird nicht so schlimm werden, wenn dieser Mann da mit dem Präsidenten so friedlich sitzen kann, denkt man oder frau unwillkürlich. Einen Augenblick habe ich bei diesen Bildern verstanden, wie es kommen kann, dass ein verbrecherischer Wahlkampf in eine verbrecherische Amtsführung gleiten kann und alle Gegnerschaft durch die Äußerlichkeiten des Amts beruhigt zuschaut.

Fortsetzung folgt. (Marlene Streeruwitz, Album, 19.11.2016)

Marlene Streeruwitz ist Schriftstellerin und Regisseurin, sie lebt in Wien, London und New York. Zuletzt erschien ihr Roman "Yseut" (Fischer-Verlag, 2016).

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