Antibiotika: Experten schlagen Alarm

18. November 2016, 10:33
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Das Europäische Präventionszentrum ECDC beobachtet steigende Antibiotikaresistenzen und mahnt zu Sorgfalt bei Verschreibungen

Immer häufiger gibt es gegen gefährliche Bakterien kein wirksames Medikament mehr. Die Zahl der Krankheitsfälle mit Erregern, die gegen alle gängigen Antibiotika resistent sind, ist 2015 erneut gestiegen, wie das Europäische Präventionszentrum ECDC mitteilt.

Für die Patienten gebe es dann "fast gar keine Optionen mehr" zur Behandlung, sagte die amtierende Direktorin Andrea Ammon. Für den Atemwegs-Keim Klebsiella pneumoniae schlüsselte die Behörde dies auf: 2012 wirkten Carbapenem-Antibiotika, die Mediziner sich als letztes Mittel aufheben, in 6,2 Prozent der Fälle nicht. 2015 waren es bereits 8,1 Prozent. In einigen Fällen sei das Bakterium auch gegen auch eine Kombination mit Polymyxin-Antibiotika resistent gewesen.

"Acht Prozent bedeutet, dass von 100 Patienten acht praktisch nicht mehr behandelbar sind", sagte Ammon. "Und das sind einfach acht zu viel. Es bedeutet auch, dass wir jetzt Maßnahmen treffen müssen, dass es sich nicht weiter ausbreitet."

Im Darm daheim

Der Hintergrund: Immer mehr Enterobakterien – Bewohner unseres Darms – verfügen über eine Carbapenemase: ein Enzym, das das Antibiotikum angreift und unwirksam macht. Und nicht nur das – auch alle anderen, dem Penicillin verwandte Antibiotika aus der Gruppe der Betalaktam-Antibiotika werden zerstört.

Besonders gefürchtet sind derzeit die Carbapenemase-produzierenden Bakterien Klebsiella pneumoniae und E. coli. Bei geschwächten Patienten in Kliniken können diese in der Regel harmlosen Darmbewohner schwer behandelbare Infektionen, zum Beispiel Harnwegsinfektionen, Lungenentzündungen und Blutstrominfektionen auslösen.

"Um den Gefahren der Ausbreitung von multiresistenten Bakterien wirksam begegnen zu können, brauchen wir verlässliche Daten", erklärt Harald Seifert, Mitarbeiter am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und Wissenschaftler am Universitätsklinikum Köln, "und das möglichst global." Doch das sei schwieriger als man zunächst denken würde.

Denn nicht in jeder Klinik können Proben in standardisierter Weise auf bestimmte Erreger und Resistenzen untersucht werden. Doch den Wissenschaftlern ist es gelungen, 455 Krankenhäuser in 36 europäischen Ländern in die Studie einzuschließen. Gemeinsam entwickelten sie in Nationalen Expertenlabors einheitliche Diagnosemethoden für die isolierten Proben.

Insgesamt konnten 2703 Isolate auf Carbapenemase-Produzenten untersucht werden. Carbapenemase-Produzenten kennen keine Grenzen Bei 85 Prozent der Isolate handelte es sich um Klebsiella pneumoniae nachgewiesen, bei 15 Prozent um E. coli-Bakterien. Die Analysen zeigten, dass sowohl unter den Klebsiellen als auch bei E. coli Carbapenemase-Produzenten verbreitet sind: Bei den resistenten Klebsiellen zeigten 71 Prozent diese Resistenz, das heißt: drei von vier Isolaten konnte das Carbapenem-spaltende Enzym herstellen, bei E. coli waren es auch immerhin 40 Prozent der Bakterien-Isolate, die über diesen Resistenzmechanismus verfügten.

Eigendynamik entwickeln

Besonders gefährlich schätzen die Forscher die Tatsache ein, dass dieser Resistenzmechanismus auf andere Bakterien übertragbar ist. Dabei variierte das Vorkommen stark von Land zu Land; während in Deutschland nur 0,5 von 10.000 Krankenhauspatienten mit diesen resistenten Bakterien besiedelt oder infiziert waren, war die Rate an den gefürchteten Keimen in einigen Mittelmeerländern und auf dem Balkan mehr als 10-mal so hoch.

Und noch ein Ergebnis sollte erwähnt werden: die Carbapenemase-Produzenten waren in vielen Fällen auch gegen andere "Reserveantibiotika" wie beispielsweise Colistin resistent. "Wir wissen aus anderen Studien, dass diese resistenten Keime häufig von den Patienten in die Klinik mitgebracht werden, aber auch die Übertragung der Erreger innerhalb des Krankenhauses spielt eine wesentliche Rolle", erklärt Seifert.

Es wird also zukünftig mehr denn je darauf ankommen überall in Europa die Krankenhaushygiene zu verbessern. Ebenso wichtig ist aber, Antibiotika nur dort einzusetzen, wo sie wirklich erforderlich sind und den oft ungerechtfertigten Einsatz von Antibiotika zu vermeiden." Mit der europaweiten Studie am Beispiel von Klebsiella und E. coli haben die Wissenschaftler diagnostische Standards gesetzt, die auch in anderen Kliniken zur Anwendung gelangen könnten. (APA/idw/red, 17.11.2016)

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