Volkswagen streicht weltweit 30.000 Stellen

18. November 2016, 10:40
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Der deutsche Autobauer steht vor einem massiven Stellenabbau: Im Zuge des Umbaus sollen allein in Deutschland 23.000 Jobs wegfallen

Wolfsburg – Monatelang wurde verhandelt, jetzt ist die Katze aus dem Sack: Volkswagen wird im Rahmen des sogenannten Zukunftspakts bis zum Jahr 2025 rund 30.000 Stellen streichen.

Mehr als zwei Drittel der Jobs, 23.000 Arbeitsplätze, werden in Deutschland wegfallen. Volkswagen beschäftigt in der Hauptmarke weltweit an rund 30 Standorten derzeit mehr als 200.000 Mitarbeiter, davon 114.000 in Deutschland. Konzernchef Matthias Müller sprach am Freitag vom "größten Modernisierungsprogramm in der Geschichte der Kernmarke".

Zugleich einigte man sich auf hohe Investitionen, um den Konzern "fit für die Zukunft" zu machen. Wie VW-Markenchef Herbert Diess am Freitag erklärte, sollen gleichzeitig 9000 neue Jobs etwa in der Softwareentwicklung entstehen. "Volkswagen muss schnell wieder Geld verdienen und sich für den kommenden Sturm wappnen", sagte er.

Autoindustrie im Umbruch

Diess spricht damit an, was schon länger klar ist: Die Automobilindustrie wird sich in den nächsten fünf Jahren stärker verändern als in den 50 Jahren davor. Neue Anbieter wie Apple, Alibaba, Google, Tesla oder Uber setzen die Autobauer auf dem Weg in eine vernetzte Mobilität zunehmend unter Druck.

VW will deswegen in den kommenden Jahren unter dem Schlagwort Modernisierung 3,5 Milliarden Euro investieren. Bei der traditionell schwächelnden Kernmarke VW soll damit die operative Rendite bis 2020 auf vier Prozent steigen. Für den Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer ist das Ziel zumindest "ehrgeizig, davon ist man derzeit 75 Prozent entfernt", wie er auf STANDARD-Anfrage erklärt.

Einmal mehr ist das Ziel höhere Effizienz: Die jährlichen operativen Kosten sollen bis 2020 um 3,7 Milliarden Euro sinken. Davon sollen drei Milliarden Euro an den deutschen Standorten und 700 Millionen im Ausland eingespart werden. Die Produktivität der deutschen Werke soll um 25 Prozent steigen.

Zweifel am Einsparziel

Dass die Sparbemühungen reichen werden, bezweifeln manche. "Schon Ex-Chef Martin Winterkorn hatte in seinem Effizienzprogramm vor zwei Jahren fünf Milliarden Euro als Einsparziel ausgerufen. Genutzt hat es bis jetzt wenig", sagt etwa Christian Ludwig, Autoexperte vom deutschen Bankhaus Lampe, dem STANDARD.

Management und Betriebsrat hatten monatelang um die Einigung gerungen. Auch die Politik redete via Kernaktionär Niedersachsen kräftig mit. Hätte man die Wende früher eingeleitet, wäre die Sache glimpflicher verlaufen, ist Dudenhöffer überzeugt: "Wenn man spät gegensteuert, tut es mehr weh." Zuletzt habe Konzernchef Müller den Knoten durchschlagen, erklärte der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh.

Vorstand und Arbeitnehmervertretung haben in den vergangenen Monaten um einen Kompromiss gerungen, um Kostensenkungen mit Investitionen in Werke und Modelle zu verknüpfen. Ein komplexes Unterfangen, das nicht reicht, um die Wende herbeizuführen, denn der Trend zur Elektromobilität führt dazu, dass Werke, die bisher fast völlig auf die viel arbeitsintensiveren Verbrennungsmotoren ausgerichtet waren, Beschäftigung verlieren.

Keine Kündigungen

Der geplante Stellenabbau soll bis Ende 2025 ohne betriebsbedingte Kündigungen erfolgen. Laut Osterloh sei "damit unkontrollierter Stellenabbau vom Tisch." Für den Analysten Ludwig ist gerade in diesem Punkt noch einiges offen: "Wir wissen noch gar nicht, wie viel etwa die Vorruhestand-Vereinbarungen kosten werden, da werden wohl noch einmal Milliarden anfallen."

Ohnedies sei die Zahl der Mitarbeiter weiterhin zu hoch, sagt auch Dudenhöffer, der noch weitere Risiken sieht: "VW will die Mitarbeiter der Motorenfertigung in die Batteriefertigung bringen. Da gibt es Weltmarktführer, die das gut können. VW steigt da gerade erst ein." (rebu)

Dieser Artikel wurde um die aktuellen Entwicklungen ergänzt.

  • Lange wurde darüber geredet, wie bei Volkswagen die Kernmarke wieder fit gemacht werden soll. Geholfen hat es wenig – jetzt muss inmitten der größten Krise des Konzerns am offenen Herzen operiert werden. Zehntausende Stellen fallen weg.
    foto: apa/boris roessler

    Lange wurde darüber geredet, wie bei Volkswagen die Kernmarke wieder fit gemacht werden soll. Geholfen hat es wenig – jetzt muss inmitten der größten Krise des Konzerns am offenen Herzen operiert werden. Zehntausende Stellen fallen weg.

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