Magnus Carlsen geriet erstmals in Verlustgefahr

Analyse mit Video18. November 2016, 06:23
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Der Weltmeister rettet sich in der fünften Partie mit Weiß ins Remis. Karjakin wird stärker, der Herausforderer traut sich etwas zu. Der Norweger zeigt sich mit seinem Spiel unzufrieden

New York – Manhattan empfängt den Besucher mit Kaiserwetter. Über dem Seaport District kreisen die Möwen im Sonnenschein, das Vogelgezwitscher verbreitet mehr frühlingshafte als herbstliche Stimmung. Schach spielen müssen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin freilich bei jedem Wetter, in ihren schwarz ausgekleideten Kasten im Fulton Market Building unweit der Wall Street dringt sowieso kein Sonnenstrahl.

Und auch die Zuschauer sind am Donnerstag zahlreich zum Spielort gepilgert, einige Enthusiasten stehen schon eine ganze Stunde vor Partiebeginn geduldig Schlange. Mit einem Ticket um 75 Dollar kann man den Kontrahenten – nun ja, nicht gerade über die Schulter schauen, sie aber wenigstens durch eine stark getönte Glasscheibe aus sicherer Distanz bei der Ausübung ihrer Kunst beobachten.

Das verbreitet eine gewisse Zoo-Atmosphäre: Die beiden Schachspieler wirken in ihrem eher klein geratenen Gehege wie eine schützenswerte, aber bewegungsfaule Spezies. Das ganze Arrangement hat etwas Irreales.

Heute kein Spanisch

Außerhalb des streng kontrollierten Beobachtungsraums geht es erheblich lebendiger zu. Im Café nebenan spielen Zuschauer und Journalisten selber die eine oder andere Partie und lauschen dabei den großmeisterlichen Kommentaren, in denen es heute zunächst um die Frage geht, warum Magnus Carlsen als Weißer mit 3.Lc4 die Italienische anstatt der Spanischen Partie gewählt hat.

Die Antwort liegt allerdings auf der Hand: Das altehrwürdige Italienisch, schon ab dem 16. Jahrhundert von Meistern mit klingenden Namen wie Gioachino Greco und Giulio Cesare Polerio gespielt, verfügt über eine Vielzahl noch nicht erschöpfend analysierter Nebenvarianten. Carlsen bleibt damit seiner Matchtaktik treu, seinen Gegner möglichst früh dazu zu zwingen, auf seinen eigenen Kopf zu vertrauen.

Giuoco piano

Spätestens nach Carlsens 12. Zug wird Karjakins Rechenfähigkeit dann das erste Mal auf die Probe gestellt. Der Weltmeister hat das Zentrum mit zwei Bauern besetzt, der Herausforderer muss energisch und genau dagegenhalten, wenn er nicht ein weiteres Mal in eine schlechtere Stellung driften will. Zwar wird die Italienische Partie seit Jahrhunderten "Giuoco piano" genannt, die modernen Meister interpretieren die Sache aber gerne mit mehr Schärfe.

Der Herausforderer nimmt sich Zeit und entscheidet sich dann für eine forcierte Zugfolge, an deren Ende ein Ungleichgewicht mit Argumenten für beide Seiten steht: Diesmal ist es der Russe, der über das Läuferpaar verfügt. Dafür konnte Carlsen einen der Bauern aus dem Schutzschild des schwarzen Königs entfernen, der jetzt ein wenig mehr Frischluft genießt, als dem Nachziehenden lieb sein dürfte.

Carlsen spielt auf Sieg, Karjakin kontert

Und Carlsen schraubt das Risiko noch ein bisschen höher: Indem er sich durch Abtausch einen Freibauern auf der e-Linie verschafft, öffnet der Weltmeister zugleich eine Diagonale für Karjakins schwarzfeldrigen Läufer, der seit dem 8. Zug auf dem Feld a7 darauf gelauert hat, eine lohnende Aufgabe zu bekommen. Noch versperrt Carlsens starker Springer auf c5 dem Läufer die Sicht. Aber falls es dem Herausforderer irgendwann gelingt, diesen Lipizzaner mit dem Bauernzug a5 seiner Deckung zu berauben, könnte es haarig für den weißen Monarchen werden.

Mit 19...Dh4 bringt Karjakin schon einmal seine Dame in Stellung, vom schwarzen Läufer gedeckt würde sie gerne mit tödlichem Effekt auf f2 einfliegen. Hat Carlsen zu hoch gepokert?

Ungleichfarbige Läufer

Karjakin aber ist die Sache nicht geheuer. Wie in Partie vier trennt er sich von seinem starken Läufer, um Carlsens Springer zu beseitigen, wie in Partie vier muss er dafür mit einem rückständigen Bauern auf der b-Linie bezahlen. Tatsächlich gleicht die Bauernstruktur am Damenflügel jener aus der vorhergehenden Partie – mit vertauschten Farben – wie ein Ei dem anderen.

Der Rest des Brettes sieht für Karjakin allerdings freundlicher aus als am Dienstag: Die ungleichfarbigen Läufer, die einander nicht wehtun können, sorgen für eine hohe Remistendenz in jedem Endspiel. Carlsens Figuren kontrollieren die schwarzen, Karjakins Figuren die weißen Felder. Eine gerechte Aufteilung – wäre da nicht Carlsens Raumvorteil, der ihm einen minimalen, aber dauerhaften Vorteil verspricht.

Im Pressezentrum in New York stellt man sich jedenfalls schon einmal auf den nächsten Siebenstünder ein. Auch ein ganzer Haufen norwegischer Journalisten ist vor Ort, das staatliche norwegische Fernsehen überträgt alle Partien live, die Schach-WM ist dort ein Sportereignis von nationaler Bedeutung.

Carlsen in Verlustgefahr

So muss das norwegische Publikum in Echtzeit mitansehen, wie sein Nationalheld unerwartet in Schwierigkeiten gerät: Während Karjakin seinen König mit einem prophylaktischen Marsch auf das sichere Feld c8 evakuiert, schwächt Carlsen mit 38.g4 seine Königsstellung. Der Schwarze lässt sich nicht lange bitten, öffnet erst die h-Linie für seine Schwerfiguren, um dann mit 42...d4 sogar einen Bauern zu opfern und so den weißfeldrigen Läufer an der Königsjagd zu beteiligen. Das erste Mal in diesem Wettkampf schwebt der Weltmeister in ernsthafter Gefahr, eine Partie zu verlieren.

Aber auch Karjakin lässt heute die nötige Präzision vermissen. Ein, zwei Ungenauigkeiten in der Angriffsführung des Russen, mehr braucht Carlsen nicht. Er erstattet dem Herausforderer den geopferten Bauern dankend zurück und lenkt Karjakins sprungbereite Figuren damit ausreichend lange ab, um seine Königsstellung zu konsolidieren.

Doch wieder Remis

Nach 51 Zügen und läppischen fünfeinhalb Stunden Spielzeit weist ein Generalabtausch den Weg ins fünfte Remis en suite. Und auch wenn Remis in diesem Wettkampf durchaus nicht mit Fadesse gleichzusetzen ist: Eine entschiedene Partie, so offen darf man sein, würde dem Wettkampf jetzt nicht wirklich schaden.

Bei der anschließenden Pressekonferenz könnte die Laune der Spieler unterschiedlicher kaum sein. Karjakin wirkt trotz vergebener Siegeschancen gelöst, immerhin hat heute endlich einmal er auf den vollen Punkt gespielt. Der Weltmeister hingegen ist stinksauer auf sich selbst, antwortet grantig und kurz angebunden wie lange nicht. Ob ihn die Videoaufnahmen aus dem Videoraum stören, die ihn auf der Couch liegend zeigen, wird er gefragt. "Ich habe andere Probleme", sagt Carlsen.

Noch hat der Weltmeister etwas Zeit, sie zu lösen. Die nächste Gelegenheit bietet sich am Freitag in der sechsten Partie. Es steht 2,5 zu 2,5. (Anatol Vitouch aus New York, 18.11.2016)

Die Notation der fünften Partie:
Weiß: Magnus Carlsen (Norwegen)
Schwarz: Sergej Karjakin (Russland)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.O-O Sf6 5.d3 O-O 6.a4 d6 7.c3 a6 8.b4 La7 9.Te1 Se7 10.Sbd2 Sg6 11.d4 c6 12.h3 exd4 13.cxd4 Sxe4 14.Lxf7+ Txf7 15.Sxe4 d5 16.Sc5 h6 17.Ta3 Lf5 18.Se5 Sxe5 19.dxe5 Dh4 20.Tf3 Lxc5 21.bxc5 Te8 22.Tf4 De7 23.Dd4 Tef8 24.Tf3 Le4 25.Txf7 Dxf7 26.f3 Lf5 27.Kh2 Le6 28.Te2 Dg6 29.Le3 Tf7 30.Tf2 Db1 31.Tb2 Df5 32.a5 Kf8 33.Dc3 Ke8 34.Tb4 g5 35.Tb2 Kd8 36.Tf2 Kc8 37.Dd4 Dg6 38.g4 h5 39.Dd2 Tg7 40.Kg3 Tg8 41.Kg2 hxg4 42.hxg4 d4 43.Dxd4 Ld5 44.e6 Dxe6 45.Kg3 De7 46.Th2 Df7 47.f4 gxf4+ 48.Dxf4 De7 49.Th5 Tf8 50.Th7 Txf4 51.Txe7 Te4 Remis

Es steht 2,5 zu 2,5.

Weiterer Spielplan:
18.11.2016: Partie 6
20.11.2016: Partie 7
21.11.2016: Partie 8
23.11.2016: Partie 9
24.11.2016: Partie 10
26.11.2016: Partie 11
28.11.2016: Partie 12
30.11.2016: Tie Breaks

Modus:
Die WM geht über maximal zwölf Partien und endet vorzeitig, wenn ein Spieler 6,5 Punkte erreicht. Bei Gleichstand nach zwölf Partien gibt es ein Tie-Break mit verkürzter Bedenkzeit.

  • österreichischer schachbund

    Der österreichische Supergroßmeister Markus Ragger analysiert.

  • Herausforderer Sergej Karjakin (rechts) ging mit Schwarz in die fünfte Partie. Weltmeister Magnus Carlsen konzentriert sich.
    foto: reuters/stapleton

    Herausforderer Sergej Karjakin (rechts) ging mit Schwarz in die fünfte Partie. Weltmeister Magnus Carlsen konzentriert sich.

  • 3.Lc4: Kein Spanisch heute, Carlsen probiert es mit Italienisch.
    grafik: jinchess.com

    3.Lc4: Kein Spanisch heute, Carlsen probiert es mit Italienisch.

  • Nach 19….Dh4: Karjakin hat die Initiative, Carlsen einen gefährlichen Freibauern auf e5.
    grafik: jinchess.com

    Nach 19….Dh4: Karjakin hat die Initiative, Carlsen einen gefährlichen Freibauern auf e5.

  • Nach 42…d4: Karjakin opfert einen Bauern, um seinen Läufer zu befreien.
    grafik: jinchess.com

    Nach 42…d4: Karjakin opfert einen Bauern, um seinen Läufer zu befreien.

  • Die Schlussstellung, nach 51…Te4: Nach dem Turmtausch garantieren die ungleichfarbigen Läufer das Unentschieden.
    grafik: jinchess.com

    Die Schlussstellung, nach 51…Te4: Nach dem Turmtausch garantieren die ungleichfarbigen Läufer das Unentschieden.

  • Die fünfte Partie im Schnelldurchlauf.

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