Unis müssen wieder Orte des Widerstands und Vordenkens werden

Userkommentar17. November 2016, 19:21
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Trump, öffentliche Universitäten – und was wir daraus lernen können. Ein US-Erfahrungsbericht

Es war Dienstagabend, 8. November 2016, als ich in Columbus, Ohio, landete, um eine Konferenz der wichtigsten Hochschulforscherinnen und -forscher in den USA zu besuchen. Für den nächsten Tag war ich mit meinem Koautor zum Essen verabredet, um die erste Frau als Präsidentin der USA zu feiern. So klar schien für viele von uns das Ergebnis dieser Präsidentenwahl. Im Hotel angekommen, zeichnete sich bald ab, dass Amerika anders entschieden hatte. Weite Teile der weißen Arbeiterschicht und unterprivilegierter Gruppen waren nicht bereit, Washington weiter ihr Vertrauen zu schenken.

Die Parallelen zur österreichischen und europäischen Politik liegen auf der Hand. Auch bei uns gibt es große Teile der Bevölkerung, die sich angesichts von Globalisierung und Flüchtlingsfragen alleingelassen fühlen. Sie misstrauen den Eliten und wünschen sich nichts mehr, als einen Wandel, der ihnen wieder Perspektive und bessere Lebensbedingungen ermöglicht. Um es kurz zu sagen: Diese Gruppen wollen auch an den Vorteilen teilhaben, und sie wollen ernst genommen werden. Universitäten und Hochschulen sind in dieser Dynamik in die Bedeutungslosigkeit verschwunden. Weder durch unsere Ausbildungsprogramme noch durch diverse Forschungsaktivitäten profitiert die Gesellschaft auf eine Art, die die Legitimität der Universitäten steigen beziehungsweise ihren Beitrag zur Problemlösung sichtbar werden lässt.

Die Frage, die mich daher seit dieser Nacht beschäftigt, kreist um die Rolle und die Bedeutung der Universitäten nach dieser historischen Wahl. Vier Bereiche stechen ins Auge.

Stolz auf die öffentlichen Universitäten

Österreich hat 22 öffentlich finanzierte Universitäten, Freiheit in Lehre und Forschung ist ihnen garantiert. Die wichtigste Eigenschaft in diesem Zusammenhang ist aber der oft kritisierte offene Hochschulzugang. In Österreich wurde er als sozialpolitisches Instrument konzipiert, um möglichst breiten Teilen der Gesellschaft Zutritt zu höherer Bildung zu ermöglichen. Diese Gegebenheit hat aber leider nicht zu den erwünschten Ergebnissen geführt – nach wie vor ist die Unterschicht an den Universität krass unterrepräsentiert –, birgt aber große Möglichkeiten in der heutigen Situation.

Universitäten sollten aufgefordert werden, sich explizit darum zu bemühen, neue Bevölkerungsschichten aktiv zu erschließen. Damit würden Bildungschancen erweitert und individuelle Berufsmöglichkeiten erhöht. Universitäten können sich nicht darauf verlassen, dass das Öffnen der Türen reicht. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass dies nicht ausreicht. Vielmehr müssen wir uns Maßnahmen überlegen, um die bildungsfernen Schichten zu erreichen und sie von einer universitären Ausbildung zu überzeugen. Unsere Regierung gibt uns durch die öffentliche Finanzierung und den offenen Hochschulzugang die Möglichkeit dazu. Wir als Universitäten müssen möglicherweise unsere Geschäftsmodelle dahingehend überdenken, wie wir mit den gegebenen Ressourcen neue Bevölkerungsgruppen für ein Studium gewinnen können und damit unsere gesellschaftspolitische Aufgabe ernst nehmen.

Arbeit am Impact

Ein Bereich, der in den vergangenen Jahren von steigender Bedeutung für Universitäten wurde, ist die Forderung nach höherem "Impact". Damit kann viel gemeint sein. Hier sind die Leistungen für die Gesellschaft zur Verbesserung der unmittelbaren Lebensbedingungen angesprochen. Es geht nicht nur um Transferleistungen für die Wirtschaft, um Betriebe wettbewerbsfähiger zu machen. Universitäten müssen auch für die Gesellschaft als solche Antworten auf die wichtigen Fragen unserer Zeit – wie zum Beispiel Integration, Klimawandel, Ungleichheit, Alter – entwickeln. An vielen Universitäten gibt es dazu Initiativen, aber es gibt zu wenige Verbindungen mit den betroffenen Institutionen, um auch umsetzbare Lösungen anzubieten. Wir sind als Universitäten vermehrt gefordert, Probleme nicht nur zu beschreiben und zu analysieren, sondern uns auch aktiv an der Lösung zu beteiligen.

Öffentlichkeitsarbeit

Damit zusammenhängend müssen die Experten und Expertinnen in die öffentliche Diskussion zurückkehren. Viel Expertise wurde über Jahrhunderte an den Universitäten aufgebaut, Ergebnisse werden auf Konferenzen präsentiert und diskutiert. In den öffentlichen Medien fehlen Professorinnen und Professoren aber sehr oft, wenn es um wichtige Themen unserer Gesellschaft geht. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber es ist bezeichnend, dass Politikwissenschafter, Kommunikationswissenschafter, Soziologen, Ökonomen und viele mehr nicht genügend daran interessiert sind beziehungsweise motiviert werden, ihre Meinung fundiert durch wissenschaftliche Erkenntnisse auch öffentlich zugänglich zu machen. Wir haben als Wissenschafter und Wissenschafterinnen an öffentlichen Universitäten geradezu eine Verpflichtung, an der Diskussion teilzunehmen und auf Gefahren und Risiken hinzuweisen. Nur so können wir öffentliche Meinung mitgestalten und mehr Legitimität erzeugen. Die Universitäten müssen daher ihre Anreize soweit überdenken, dass auch Öffentlichkeitsarbeit Teil des Arbeitsverständnisses von Professoren wird.

Kritischer Diskurs

Last but not least müssen unsere Universitäten und deren Angehörige vermehrt zur kritischen Diskussion verschiedener Sichtweisen motiviert werden. Studierende und deren Vertretungen sollten ihre Aufgabe noch ernster nehmen, ungehindert ihre Meinung zu präsentieren und auch öffentlich zu diskutieren. Gerade in Zeiten, wo ganze Bevölkerungsgruppen benachteiligt werden, soziale Spannungen durch Immigration entstehen, und die wirtschaftliche Entwicklung keine baldige Lösung verspricht, müssen Universitäten aller Richtungen wieder zur Orten des Widerstands, des Vordenkens und des kritischen Diskurses werden. Zu viel wird heute in Betreuung und Service investiert, wir sollten uns auf diese Aufgabe konzentrieren.

In Österreich stehen Wahlen bevor, die einen Richtungswechsel bedeuten könnten. Die Universitäten haben wenig dazu beigetragen, unterschiedliche Standpunkte zu äußern oder an der öffentlichen Diskussion mitzuwirken. Vielleicht wird durch die Wahlen in den USA klar, dass die derzeitige politische Lage geradezu danach schreit, dass Universitäten als intellektuelle Zentren wieder zu ihrer Rolle zurückfinden und unser Denken und Handeln mitprägen können. (Barbara Sporn, 17.11.2016)

Barbara Sporn (Jahrgang 1963) ist Universitätsprofessorin an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und Leiterin des Instituts für Hochschulmanagement. Sie war 13 Jahre lang (2002 bis 2015) als Vizerektorin für Forschung, Internationales und External Relations an der WU tätig.

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