Wider die Apathie und Demoralisierung

Kommentar der anderen18. November 2016, 11:27
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Mit den neuen Zeiten manifestieren sich auch neue (Denk-)Sitten: selbstgewähltes Lakaientum, Kleingeist und Gedankeneinheitsbrei. Dagegen muss die Jugend auftreten, vor allem in Osteuropa

Wir sind die erste nicht ideologische Generation. Wir wurden nicht durch den Nationalsozialismus oder Kommunismus traumatisiert. Aber das bedeutet nicht, dass unsere Sehnsucht nach Wahrheit, Unabhängigkeit und Freiheit geringer wäre. Es hat Sinn, im Leben nach etwas zu streben, nach etwas mehr als nur danach, was sichtbar wieder hereinkommt oder sich auszahlt.

Warum herrschen auch heute in den meisten Ländern der Welt autoritäre oder totalitäre Regime? Wo blieben alle Ideale und Versprechen von 1989? Wo hat sich die Demokratie versteckt? Warum leben wir in einer Zeit allgemeiner Apathie und Resignation?

Wir möchten so gerne endlich einmal den 17. November als elementare und spontane Manifestation der Freiheit und der Liebe feiern. Dieser Tag sollte Manifestation des Lebensgefühls sein, das allen Ideologien eins hustet, der ganzen erhabenen "Welt des Gewäschs". Dieser Tag sollte Manifestation eines Lebens sein, das sich wesenhaft gegen jede Vergewaltigung auflehnt, gegen jede Erläuterung, gegen jede Richtlinie. Gegenüber der Welt des Scheins und der Interpretation steht hier die Wahrheit: die Wahrheit junger Menschen, denen das alles gestohlen bleiben kann, die auf ihre Weise leben wollen, einfach in Übereinstimmung mit ihrer Natur sein wollen.

Viele Menschen ziehen sich auch heute in sich selbst zurück und hören auf, sich für allgemeine Dinge zu interessieren. Aber so beginnt die Ära der Apathie und umfassenden Demoralisierung. Die Gesellschaft ist dann atomisiert, die enttäuschte und müde Öffentlichkeit tut so, als ob sie nichts von Problemen wüsste, das unabhängige Denken und Schaffen zieht sich in die Gräben der tiefsten Privatheit zurück. Und das braucht die Macht. Die Macht verrät hier unabsichtlich ihr Ziel: das Leben total gleichförmig zu machen, alles nur ein wenig Abweichende, Eigenwillige, Unabhängige oder nicht Einzuordnende aus ihm herauszuoperieren.

Die Stellung des Präsidenten Zeman ist die eines Monarchen, eines Zaren, es ist der Bazillus des Ostens, der in uns hängengeblieben ist, die Angst vor der Zivilgesellschaft, die angeborene Neigung, den anderen auszunutzen. So zu tun, als wären wir nicht ein Teil von Europa, als befände sich Europa irgendwo außerhalb von uns, als könnte man es ungestraft der Lächerlichkeit preisgeben, wie das auch die tschechischen Politiker während der EU-Ratspräsidentschaft 2009 demonstriert haben. Die tschechische Abkapselung ist gefährlich, die Ichbezogenheit, die kein Interesse daran zeigt, zu erfahren, was vor der eigenen Tür passiert.

Es fehlt an Demut, Neugierde und Menschlichkeit. Das Lakaientum, verstärkt durch die aus Russland importierte Mentalität, sucht die Schuldigen außerhalb von sich, damit es seine Minderwertigkeitsgefühle an ihnen abreagieren kann. Die tschechische Variante des Kapitalismus bringt das Gesetz des Dschungels zurück: Der Stärkere beherrscht den Schwächeren.

Aber das Gesetz der Demokratie ist: Der Stärkere schützt den Schwächeren. Es hat Sinn, sich als Staatsbürger tapfer zu verhalten. T. G. Masaryk und Václav Havel betonten ihr Leben lang: "Wenn unser nationales Schicksal von etwas abhängt, dann vor allem davon, wie wir unseren menschlichen Aufgaben gerecht werden."

Freiheitskampf

Es zeigt sich, dass der Kampf um Freiheit, um die Möglichkeit, frei und kritisch denken zu dürfen, zu jeder Zeit schwierig ist und nie endet. Wir wollen, dass die Angehörigen unserer Generation zu den Menschen gehören, die Vorurteile und Gedankeneinheitsbrei, die Chronik der tschechischen Kleingeistigkeit, die Angst vor allem, was nicht-tschechisch ist, das Gefühl, dass wir nur ein Puffer zwischen dem Westen und dem Osten sind, auflösen. Wir sind Europäer. Wir sind Menschen.

Niemand entwickelt sich im luftleeren Raum, außerhalb aller Epochen und Systeme. Die Zeit, in der der Mensch aufwächst und reift, beeinflusst immer sein Denken. Es geht eher darum, auf welche Weise sich der Mensch hat beeinflussen lassen, ob auf gute oder schlechte Weise. Machen wir einfach mit dem Warten auf die Besserung der Welt Schluss. Bekennen uns zu unserem Recht, in die Welt einzugreifen oder zu ihr Stellung zu nehmen. Etwas unternehmen können und müssen wir alle und jetzt und hier. Niemand wird das für uns tun. (Radka Denemarková, 17.11.2016)

Radka Denemarková (Jahrgang 1968) ist Schriftstellerin, Dramatikerin, Publizistin und Übersetzerin. Dieser Text ist die gekürzte Fassung einer Rede, die sie geschrieben hat und die Studenten am Donnerstagabend bei einer De monstration gegen die autoritären Tendenzen in ihrem Land auf dem Prager Wenzelsplatz gehalten haben.

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