Ewan McGregor: "Die Idylle hat es nie gegeben"

Interview18. November 2016, 14:00
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Mit seiner Verfilmung von Philip Roths Roman "Amerikanisches Idyll" legt der Schauspieler sein Regiedebüt vor. Ein Gespräch über den American Dream als falsche Hoffnung

Wien – Als die Bombe hochgeht, zerbricht die Familie endgültig. Die Tochter (Dakota Fanning), der das Attentat zur Last gelegt wird, verschwindet im Untergrund und bricht jeden Kontakt zu den Eltern ab. Doch während die Mutter (Jennifer Connelly) versucht, mit der Ungewissheit zurechtzukommen und ein neues Leben zu beginnen, kann Seymour Levov (Ewan McGregor) das Trauma nicht überwinden – und zerbricht daran ebenso wie das amerikanische Idyll der Nachkriegszeit.

foto: tobis
Ein selbstgepflückter Blumenstrauß für den Vater kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass in dieser Familie mit Verlust zu rechnen ist: Ocean James und Ewan McGregor in "Amerikanisches Idyll".

STANDARD: Es gibt eine Zeile bei Philip Roth, die Ihren Charakter im Film, von allen nur "der Schwede" genannt, vortrefflich beschreibt. Er sei "gefesselt an die Geschichte, ein Werkzeug der Geschichte". Ein äußerst ambivalenter Held, der dennoch den gesellschaftlichen Umbrüchen hilflos ausgeliefert ist.

McGregor: Roth scheibt das "Werkzeug" tatsächlich kursiv, das ist ihm sehr wichtig, dass dieser Mann nicht selbstbestimmt agiert, sondern eben funktioniert. Er ist ein Produkt der Vorkriegszeit, diese Ära hat seinen Charakter und sein Verhalten bestimmt. Er ist in den 1920er-Jahren als Sohn jüdischer Einwanderer aufgewachsen. Das war eine Zeit, in der der American Dream geboren wurde und die Hoffnung auf ein besseres Leben, das man erreichen kann. Dieser Mann verkörpert diesen Traum und glaubt an ihn aus vollem Herzen.

STANDARD: Der aber für ihn zerschellt. So als würde die Verantwortung zu schwer auf ihm lasten. Und die Furcht, die in ihn gesetzten Erwartungen nicht zu erfüllen.

McGregor: Es gibt eine großartige Stelle im Roman, die Geschichte über einen Mann namens Johnny Appleseed. Es ist eine Geschichte, die der Schwede liebt. Appleseed streift durchs Land und streut überall seine Apfelsamen. Er ist kein Jude, kein irischer Katholik, kein Protestant, nur ein glücklicher Amerikaner. Das möchte auch der Schwede sein. Erfüllt mit ungetrübter Freude am Dasein.

STANDARD: Im Gegensatz zu Appleseed schlägt der Schwede aber Wurzeln in einer Kleinstadt, wo er eben diese amerikanische Idylle sucht. Mit fatalem Ende.

McGregor: Dieser Mann ist zunächst getrieben vom Wunsch nach Ruhm. Er ist noch keine zwanzig Jahre alt und schon ein Star, die ganze Gegend bewundert ihn. Die Leute jubeln ihm beim Baseball von den Rängen zu, sie skandieren seinen Namen – "The Love – Levov!". Aber im Grunde geht es darum, was diese Bewunderung aus einem Menschen macht. Levov macht alles richtig, oder jedenfalls versucht er es, solange es ihm möglich ist. Er heiratet sogar "richtig". Aber es fehlt ihm etwas Entscheidendes – der Glaube an sich selbst. Denn er glaubt den Traum für andere, auch für seine Familie, erfüllen zu müssen. Philip Roth stellt in meinen Augen aber deshalb nicht den amerikanischen Traum an sich infrage, sondern die damit verbundene Moral und falsche Tugend,

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STANDARD: Für ein Regiedebüt ist ein mit dem Pulitzerpreis gekrönter Roman eine ziemlich schwere Last. Roth hat aber immerhin verlautbaren lassen, dass er den Film durchaus schätze.

McGregor: Er hat dem Produzenten eine freundliche Mail geschrieben. Ich wusste gar nicht, wie nervös ich war, dass er die Adaption nicht mögen könnte, bis ich die Nachricht bekam, dass sie ihm gefiele. Sagen wir es so: Ich war erleichtert.

STANDARD: Bei allem Respekt vor Roth muss es doch Ihr Wunsch gewesen sein, ihn symbolisch in die Ecke zu stellen und Ihren eigenen Film daraus zu machen.

McGregor: Als ich das Angebot erhielt, nicht nur die Hauptrolle zu spielen, sondern auch die Regie zu übernehmen, habe ich neun Monate mit diesem Buch gelebt. Ich habe praktisch alles über Philip Roth gelesen, was ich kriegen konnte. Aber sechs Wochen vor Drehbeginn habe ich alles wieder zur Seite gelegt. Ich wollte schließlich dieses Buch nicht noch einmal schreiben. Aber natürlich wollte ich Roths Amerikabild im Film umsetzen.

STANDARD: Eine absolute Schlüsselszene des Romans ist jener Augenblick, in dem der Vater seine minderjährige Tocher küsst. Da ist dann nichts mehr wie vorher. Haben Sie auf diese essenzielle Szene nur aufgrund der Altersfreigabe für den Film verzichtet?

McGregor: Keineswegs. Der Film hat ohnehin das höchste Rating, es hätte also überhaupt keine Rolle gespielt. Der Film entspricht in dieser Situation, wenn die beiden nebeneinander im Auto sitzen, dem, was Roth mit Wörtern vollbringt. Mir genügt es, das Tabu des Inzests anzudeuten. Wenn man im Kino zeigt, wie ein Erwachsener ein Kind küsst, würde sich der restliche Film nur um dieses Verbot drehen.

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STANDARD: Während der Vater mit dem Verlust der Tochter nicht zurande kommt, geht die Mutter einen anderen Weg, der zu einem neuen, selbstbestimmten Leben führt. Ist sie nicht die interessantere Figur?

McGregor: Das mag durchaus sein. Sie ist in der Tat eine sehr komplexe Figur. Eine ehemalige Schönheitskönigin, die sich nach ihrer Heirat ganz auf ihre Rolle innerhalb der Familie zurückgezogen hat. Und sich von ihrem Mann in diese Rolle hat drängen lassen, aus der sie schließlich ausbricht.

STANDARD: Sie stellen der Familiengeschichte wiederholt Archivbilder entgegen, die eine Parallelwelt konstruieren: Fernsehbilder von Lyndon B. Johnson, Kriegsbilder aus Vietnam. Dafür bleibt das Bild, das Sie von der Jugend- und Gegenkultur zeichnen, eher vage.

McGregor: Es sind Bilder der Wirklichkeit, die diese Generation und in der Folge unser kollektives Gedächtnis geprägt haben. Denn auch wenn Roth seinen Roman American Pastoral nennt, beschreibt er im Grunde das Gegenteil. Die Idylle hat es nie gegeben. (Michael Pekler, 18.11.2016)

Ewan McGregor, geboren 1971 in Schottland, arbeitet seit 1993 als Schauspieler. Mit "Trainspotting" gelang ihm 1996 der Durchbruch, in George Lucas' "Star Wars"-Trilogie spielte er als Obi Wan-Kenobi seine populärste Rolle.

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