Unterwegs auf Facebook & Co: Wie EU-Parlamentarier soziale Medien nutzen

18. November 2016, 12:37
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Um näher an den Bürgern zu sein, werden EU-Abgeordnete in sozialen Medien aktiver. Das EU-Parlament setzt zugleich auf neue Online-Initiativen

Politische Kommunikation ist im Wandel – vor allem durch den immer stärkeren Einfluss der sozialen Medien. Spät, aber doch ist das auch in Brüssel angekommen: Dort fand diese Woche eine zweitägige Konferenz zum Thema "Politicians in a Communication Storm" statt, die unter anderem neue Initiativen des Europäischen Parlaments vorstellte und Vorbilder und Gefahren thematisierte.

Ein Fokus in diesem Jahr: Facebook-Live-Videos, bei denen die Fans eine Benachrichtigung bekommen und ähnlich wie in einem Live-Chat kommentieren. Der Facebook-Account des Europäischen Parlaments (mehr als zwei Millionen Fans) hat mittlerweile elf Live-Videos veröffentlicht, die 3,5 Millionen Views und 30.000 Likes erreichten. Kristina Kardum, die den Auftritt mitverantwortet, betont vor allem den spontanen und interaktiven Charakter, der es möglich macht, dass man sich sofort vernetze. Ziel sei, "ein authentisches und intimes Verhältnis mit den Fans und Followern aufzubauen", so Kardum bei einer Podiumsdiskussion in Brüssel.

Juncker-Rede als Live-Test

Eines der Live-Videos war die "Rede zur Lage der Union" von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im September. Caroline Bauwens, die das Projekt mitbetreute, bezeichnet es als "Kommunikationsherausforderung", bei der das Endprodukt nicht immer perfekt sei. Beim Facebook-Live-Video der Rede traten beispielsweise Probleme beim Streaming auf. Dennoch werde man weitere Initiativen in dieser Richtung unternehmen, auch um transparenter zu sein. "Wir wollen auch deutlich machen, dass wir keine Angst haben zu zeigen, was hinter den Kulissen passiert."

Man habe "die Notwendigkeit empfunden, mit den Menschen in Kontakt zu treten", sagt EU-Parlamentssprecher und Mediendirektor Jaume Duch Guillot im Gespräch mit dem STANDARD. Denn um das Kommunikationsproblem zwischen der EU und ihren Bürgern zu lösen, müsse man dafür sorgen, dass die Bürger genügend Informationen erhalten. "Wir testen ständig soziale Medien und passen unsere Strategie Medium für Medium, Kanal für Kanal an die Charakteristika und die Öffentlichkeit, die diesen Kanal nutzt, an."

Zugleich setze man wie bisher auf die Kommunikation über die traditionellen Medien. Denn seiner Ansicht nach konsumieren die meisten Menschen die Informationen der EU weiterhin "in einer passiveren Art über die Medien". Beide Strategien seien komplementär und notwendig, "eine ist nicht wichtiger als die andere", ist Duch überzeugt.

Online-Präsenz empfohlen

Abgeordneten des Europäischen Parlaments empfiehlt er eine Präsenz in den sozialen Medien, vor allem in Anbetracht des Wahlausgangs in den USA. "Mit Blick auf diesen letzten Wahlkampf sollten Politiker zweimal über die enorme Macht der sozialen Medien nachdenken", sagt der Parlamentssprecher. Eine Onlinepräsenz sei zwar "nicht die Hälfte des Erfolges", aber ein großer Teil der Debatte und des Wahlkampfs finde innerhalb der sozialen Medien statt. Abgeordnete, die sich dagegen entscheiden, würden ihre Kommunikationskanäle – vor allem zur jungen Generation – einschränken, sagt Duch.

Derzeit nutzen 88 Prozent der EU-Abgeordneten Facebook, 76 Prozent sind auf Twitter aktiv. Sie seien wohl auch deshalb aktiver als nationale Abgeordnete, weil sie die "Distanz überwinden müssen", die durch ihre Tätigkeit in Brüssel entsteht.

Eine Vorreiterin ist in diesem Zusammenhang die Rumänin Ramona Nicole Mănescu von der Europäischen Volkspartei (EPP). Sie postet fast täglich Einträge auf Facebook, meistens auf Rumänisch, und hat dort fast 75.000 Fans. Auf die Kritik, dass sie und andere EU-Abgeordnete soziale Medien doch eher als Werbeplattform nutzen würden, reagiert sie enttäuscht: "Ich poste nicht nur und lasse es so stehen", so Mănescu bei einer Podiumsdiskussion mit anderen EU-Abgeordneten, die auch in den sozialen Medien präsent sind. "Ich gebe mir viel Mühe und diskutiere die Themen."

Löschen und Blockieren

Ihr rumänische Kollege Cătălin Sorin Ivan von den Sozialdemokraten interagiert weniger: "Ich diskutiere nicht auf Twitter oder Facebook, ich versuche meine Botschaft klarzumachen und den Weg, den ich gehen will, aufzuzeigen." Viel Zeit müsse aber investiert werden, um Beiträge zu löschen und User zu blockieren, die "nur negative Kommentare bei allem" hinterlassen.

Auf der Facebook-Seite des Europäischen Parlaments sei das nicht in der Form möglich, sagt Bauwens. Löschpolitik und Moderation seien sehr milde, denn "für uns ist es eine Gratwanderung zwischen dem Löschen von unangemessenen Kommentaren und Zensur". Die Strategie des Europäischen Parlaments sei eher die Konfrontation: "Wir wehren uns mit Information", sagt Barbara Quilez von der Generaldirektion für Kommunikation.

Mairead McGuinness (EPP), Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments und für Information und Kommunikation zuständig, versucht ständiger, manchmal auch untergriffiger Kritik damit zu begegnen, den Menschen zu zeigen, dass sie "nicht nur einen Kopf, sondern auch ein Herz" habe: Sie postet also hin und wieder auch Privates, zum Beispiel Bilder mit ihrem Hund. "Er ist wenigstens immer hundertprozentig meiner Meinung." (Noura Maan aus Brüssel, 18.11.2016)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise nach Brüssel erfolgte auf Einladung des Europäischen Parlaments.

  • In den sozialen Medien spielt sich mittlerweile ein großer Teil der politische Debatten und Wahlkämpfe ab – der Sprecher des EU-Parlaments empfiehlt den Abgeordneten auch deshalb, online Präsenz zu zeigen.
    foto: reuters/dado ruvic

    In den sozialen Medien spielt sich mittlerweile ein großer Teil der politische Debatten und Wahlkämpfe ab – der Sprecher des EU-Parlaments empfiehlt den Abgeordneten auch deshalb, online Präsenz zu zeigen.

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