"Lebenslang" für ein entführtes Kind

1. Jänner 2017, 09:00
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Audrey Klewer wurde vor 50 Jahren als Vierjährige entführt und leidet noch immer unter den Folgen. Damals waren Kindheitstraumen noch nicht anerkannt

Vier Tage lang schwieg die Westberliner Presse im Jahr 1966 zum ersten Mal geschlossen. Während man in den USA und Kanada ab dem ersten Tag über die Entführung der vierjährigen Kanadierin Audrey Klewer in der westdeutschen Hauptstadt Bescheid wusste, verlautbarte das Boulevardblatt "Bild" am Tag nach dem Verbrechen: "Hilfe – wir können uns vor Fliegen nicht retten" und die "BZ" titelte mit einer geplanten Steuererhöhung. Der damalige Polizeipräsident Erich Duensing konnte die Chefredakteure in einem Telefonrundruf überzeugen, die bereits getippten Texte zu kübeln. Es ging um das Leben eines Kleinkindes.

Audrey Klewer war am 21. August 1966 gemeinsam mit ihrer Mutter nach Westberlin gereist, um ihren Großvater zu besuchen, der ein wohlhabender Kunst- und Antiquitätenhändler in der Stadt war. Nur 17 Stunden später, um zwei Uhr morgens, drang ein maskierter Mann in das Schlafzimmer der Mutter und Tochter ein, narkotisierte die Frau und entführte das Kind. Es war einer der ersten großen Entführungsfälle im Nachkriegsdeutschland.

screenshot: spiegel, 29.8.1966
Artikel im deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vom 29. August 1966 über das geschlossene Schweigen der Westberliner Presse.

Im Schuppen zurückgelassen

Es begann eine bis dato beispiellose Suche nach der Vierjährigen. Der Entführer wurde später als der 22-jährige Jürgen Henschel identifiziert. Im Prozess sagte er aus, dass er das Kind in die Wohnung seiner Mutter Anni gebracht und sie gefragt habe, wie viel Geld er verlangen könnte. "Die ganz großen Erpresser fordern für so etwas als Lösegeld mindestens dreißigtausend Mark", soll sie gesagt haben, wie die "Zeit" damals berichtete. Er wollte 35.000 Mark. Eine Übergabe scheiterte an den vielen Reportern vor Ort.

Das Verbrechen wuchs Henschel aber schnell über den Kopf. Er brachte das Kind zu seinem Bruder in die Gartenhütte und flüchtete. Vier Tage nach der Entführung wurde Audrey betäubt und gefesselt von einem Passanten entdeckt, Henschel wurde schlussendlich in Oslo verhaftet. Die Familie Klewer reiste sofort zurück nach Montreal, und während Henschel in einem ersten Verfahren zwölf Jahre Haft bekam, erhielt Audrey "lebenslang".

screenshot: new york times, 27.8.1966
Artikel in der "New York Times" vom 27. August 1966 über den Fund von Audrey Klewer in einer Gartenhütte in Berlin.

Kindheitstraumen nicht erkannt

"Unser Leben war nicht länger das unsere", erzählt Klewer 50 Jahre nach ihrer Entführung. Jahrelang wurde nicht über das Verbrechen gesprochen. Noch immer traut sie sich nicht, ihr Gesicht in den Medien zu zeigen. Zu groß ist die Angst, dass sie auch nach so langer Zeit von ihren Entführern im Netz erkannt werden könnte. Mit elf Jahren begann sie sich selbst mit ihrem Trauma zu beschäftigen. Ein Kinderpsychiater, zu dem sie ihre Mutter kurz nach der Heimkehr gebracht hatte, war der Ansicht, dass die Vierjährige das Erlebte "wie eine Erwachsene verarbeitet", erinnert sie sich heute.

Für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich, sagt Psychotherapeutin Barbara Neudecker von der Fachstelle für Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche in Wien. Damals war man noch der Ansicht, dass Kinder traumatische Ereignisse besser verarbeiten, weil sich ihre Persönlichkeit noch in Entwicklung befindet. "Das musste man schließlich komplett revidieren", sagt Andreas Krüger, Fachbuchautor und ärztlicher Leiter von Ankerland, dem ersten Trauma-Therapiezentrum seiner Art für Kinder in Hamburg. Mittlerweile weiß man, dass Kinder ab dem ersten Lebenstag traumatisiert werden können, und manche Experten sind der Ansicht, dass selbst ein Fötus eine Traumatisierung erfahren kann, sagt Krüger.

screenshot: montreal gazette, 1.9.1966
Artikel in der "Montreal Gazette" am 1. September 1966 über den Entführungsfall Audrey Klewer.

Kriegspsychologie als Beginn der Traumaforschung

Bei Erwachsenen wurden psychische Traumata bereits im 19. Jahrhundert erforscht. Vor allem die Auseinandersetzung mit psychosozialen Folgen von Kriegsereignissen trug zu den Kenntnissen der Psychotraumatologie bei. Während des Ersten Weltkriegs wurden posttraumatische Störungen von Militärärzten untersucht – unter der vorherrschenden Annahme, der Soldat habe die Störungszeichen selbst zu verantworten. Nach dem Vietnamkrieg bekamen die Patienten in Form der Veteranenverbände schließlich eine Lobby, und die Wissenschaft widmete sich dem Krankheitsbild verstärkt.

Eine erste große Untersuchung zu posttraumatischen Belastungsstörungen bei Kindern führte die amerikanische Psychiaterin Lenore Terr durch. Im Jahr 1976 wurde ein Schulbus mit 26 Kindern und dem Busfahrer in der Ortschaft Chowchilla im US-Bundesstaat Kalifornien entführt. Die Forderung der Kidnapper: fünf Millionen US-Dollar. Die Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren wurden in einem Kleinbus unter der Erde lebendig begraben. Der Fahrer und die Kinder gruben sich schließlich stundenlang einen Weg ins Freie.

foto: ap photo/jim palmer, file
Der Truck, in dem im Juli 1976 die Schulkinder und der Busfahrer in Chowchilla lebendig begraben wurden.

Depressionen und Straffälligkeit

Eigentlich ein guter Ausgang, doch Terr sprach mit den Überlebenden und stellte fest, dass auch Traumen im Kindheitsalter einen langanhaltenden Effekt haben. Terr blieb in Kontakt mit den Kindern von Chowchilla und beobachtete, dass einige von ihnen Drogen nahmen, Depressionen entwickelten oder in Konflikt mit dem Gesetz gerieten. Vor allem rund um den Jahrestag des Verbrechens zeigten sich starke Reaktionen der damaligen Opfer.

Obwohl die Untersuchungen von Terr zeigten, dass ein akutes Trauma auch Auswirkungen auf jüngere Kinder hatte, wurde die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung im amerikanischen DSM-III, dem diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen, zunächst nur bei Erwachsenen anerkannt. Erst in den späten 1980er-Jahren, mit dem Verfeinern der Diagnosekriterien, wurde zum ersten Mal explizit erwähnt, dass auch Kinder solche Störungen entwickeln können.

foto: ap photo, file
Viele Überlebende von Chowchilla entwickelten eine posttraumatische Belastungsstörung.

Zusammenhang zwischen Psyche und Physis

Besonders deutlich zeigten sich die möglichen Auswirkungen in der sogenannten ACE-Studie, die vom Gesundheitsunternehmen Kaiser Permanente und den örtlichen Behörden in den Jahren 1995 bis 1997 durchgeführt wurde. In der "Adverse Childhood Experiences"-Studie oder "Negative Kindheitserinnerungen"-Studie wurden mehr als 17.000 Krankenversicherte über ihre Kindheitserlebnisse, den aktuellen Gesundheitsstatus sowie ihre Verhaltensweisen befragt. Fast zwei Drittel aller Befragten gaben an, dass sie mindestens eine potenziell traumatische Kindheitserinnerung haben, jeder Fünfte berichtete sogar von mehr als fünf solchen Erlebnissen. Außerdem zeigte sich ein Zusammenhang zwischen dem Erlebtem, physischen Erkrankungen der jeweiligen Person und negativen Auswirkungen auf deren weiteres Leben.

Auch bei Klewer wirkte das Trauma nach. Zwar schaffte sie es mithilfe von zwei Psychologen, Selbstreflexion und eigenen Studien, ihre Folgeerscheinungen durch ihren Intellekt zu kontrollieren, doch kommt die Angst immer wieder. "Vor allem, als ich selber Mutter wurde, bekam ich Angst, dass mein Kind entführt werden könnte", erzählt die 54-Jährige: "Kindesentführungen sind doch heute viel wahrscheinlicher als damals."

Außerdem hat Klewer große Probleme zu vertrauen, vor allem, wenn es um Männer geht, und immer wieder plagt sie die "Reue der Überlebenden". Warum habe ich überlebt, wenn ich doch zum Sterben zurückgelassen wurde? Warum überleben so viele andere nicht? Das sind Fragen, die sie dann quälen. Gleichzeitig weiß sie aber auch, dass "es mir Kraft gegeben hat, dass ich mich dem Monster stelle", erinnert sich die Kanadierin. Es sei auch eine "heilende Vorstellung" – das Wissen darum, überlebt zu haben. Zwar versuchte sie vor einigen Jahren, ihren Entführer Henschel via Facebook zu kontaktieren, doch antwortete er nicht auf ihre Nachricht. Sie wollte eine Entschuldigung von ihm, ein Zeichen, dass ihm bewusst ist, was er ihr damals angetan hatte.

Erste Hilfe für psychische Erkrankungen

Dass auch nach 50 Jahren die Gesellschaft noch nicht weit genug ist, um Kindern mit Traumafolgeerscheinungen gut genug zu helfen, dessen ist sich Andreas Krüger sicher: "Die Versorgungssituation ist definitiv nicht zufriedenstellend." So würden viele Kinder bereits vor dem Schulalter eine Traumatisierung erfahren und erst im Pubertätsalter bei Traumaambulanzen vorstellig werden. "Das sind Jahre, in denen die Folgeerscheinungen nicht behandelt werden", so Krüger. Er plädiert dafür, dass Menschen zudem eine Erste-Hilfe-Schulung in Sachen psychische Erkrankungen erhalten – so wie das bei physischen Problemen bereits Usus ist.

Doch selbst wenn eine mögliche posttraumatische Belastungsstörung jahre- oder jahrzehntelang unbehandelt bleibt, sei es für eine Therapie nicht zu spät: "Es ist wichtig, dass man die Menschen nicht nur als Opfer sieht", sagt Gabriele Juri vom psychologischen und psychotherapeutischen Dienst für Kinder, Jugendliche und Familien in Kärnten. Die Personen hätten noch so viele Anteile an ihrer Persönlichkeit, nicht nur den traumatisierten und verletzten Teil: "Man sollte den Leuten das Gefühl geben, dass es super ist, wie sie überlebt haben, und sie nicht über das Trauma definieren", sagt Juri. "Auch in einer späteren Therapie kann man noch Verbesserungen für sein Leben erreichen", so Krüger.

Klewer ist sich sicher, dass die Entführung ein Teil von ihr bleibt, doch arbeitet sie im Moment an einem ersten Abschluss. Die passionierte Künstlerin und studierte Philosophin schreibt ein Buch über das Erlebte, um "Opfern und Angehörigen Mut zu machen" und "um endlich das Konvolut an Zeitungs- und Magazinartikeln über das Verbrechen ad acta legen zu können". Denn: "Mittlerweile ist mein Mitgefühl um so vieles größer als meine Trauer und meine Wut." (Bianca Blei, 1.1.2017)

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