Trump-Symphony

Userkommentar17. November 2016, 16:53
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Kälber wählen ihre Schlächter selber. Ein Gedicht über den Zustand der Welt nach der Präsidentenwahl in den USA

In einer Welt, die immer schon die Starken und Erfolgreichen verehrt hat und die immer schon auf die Schwachen und Gescheiterten heruntergeschaut hat. In einer Welt, die eine sozialdarwinistische Ellbogengesellschaft darstellt, in der du sowieso immer selbst schuld bist, wenn du scheiterst, aber sicher nicht die Welt, an der du scheiterst. In einer Welt, in der keiner deine Hilferufe hört. In einer Welt, in der du direkt neben den anderen verrecken kannst, und sie glotzen alle nur blöd und meinen, dass es dir ja eh super geht. In einer Welt, in der du zum Teufel gehen kannst, wenn du nicht die richtigen Beziehungen hast, egal, was du machst, es interessiert keinen. In einer Welt, in der einer den anderen übersieht und alle voneinander entfremdet existieren. In einer Welt, in der einer von dem anderen keine Ahnung hat. In einer Welt, in der alle aneinander vorbeileben, jeder sich durchschlägt, wie er kann, und das Schicksal der anderen einem selbst immer schon fast wurscht ist.

In einer Welt, in der die Frauen ihre Körper verschachern, und die schwachköpfigsten Männer von ihnen angehimmelt werden, nur deswegen weil sie großmäulig und mächtig sind. In einer Welt, in der alles Fassade ist. In einer Welt, in der so viele Menschen so hundsteufelseinsam sind, aber in den Medien spricht keiner von ihnen. In einer Welt, in der wirkliche Kommunikation durch Nachrichten auf Facebook oder Twitter ersetzt ist. In einer Welt, wo alle andauernd so tun, als ob sie miteinander reden, aber tatsächlich weiß keiner, was mit dem anderen los ist. In einer Welt, wo du mitten im Treffen, das seit Wochen ausgemacht war, drauf kommst, dass du dich nun nicht unterhalten kannst, wie du dir das gedacht hast, weil die Person, mit der du das eigentlich tun wolltest, stattdessen dauernd am Smartphone nachschaut, wer ihm dort gerade was geschrieben hat.

Blindwütige Naturbeherrschung

In einer Welt, in der seelenlose Computer einen höheren Stellenwert einnehmen als die lebendige Natur, und ein Artikel über ein Videogame, das nicht richtig funktioniert, mehr Klicks bekommt als einer, der davon berichtet, dass bedauerlicherweise wieder einmal eine Tierart ausgestorben ist. In einer Welt, in der Fortschritt mit blindwütiger Naturbeherrschung gleichgesetzt wird. In einer Welt, in der die Ökonomie alles geworden ist und das, was es darüber hinaus gibt, nur mehr so tut, als ob es noch existiert. In einer Welt, in der die Menschen enthusiastisch vom wissenschaftlichen Fortschritt schwärmen, wenn sie ein totes Mini-Teilchen namens Boson entdeckt haben, aber sich kaum mehr dafür interessieren, dass sie gleichzeitig drauf und dran sind, die letzte Wildnis auf dem Planeten auszurotten. In einer Welt, in der Geld alles ist, aber ein gefällter Baum nichts.

In einer Welt, in der die Errichtung des neuen Supermarkts wichtiger war als die Wiese, die zuvor an derselben Stelle geblüht hat. In einer Welt, in der allein in Deutschland jährlich 50 Millionen männliche Küken kurz nach dem Schlüpfen geshreddert werden, damit du dein Frühstücksei auf den Tisch bekommen kannst und der Hersteller dabei keine Verluste macht. In einer Welt, mit deren restloser Zerstörung sich schon viele Menschen abgefunden haben, die aber im nächsten Augenblick enthusiastisch jauchzen, dass man dafür ja dann den Mars besiedeln könne. In einer Welt, wo es manchmal scheint, die einzigen, denen noch was an der Erde liegt, sind verschrobene Esoteriker. In einer Welt, in der es unberührte Natur bald nur mehr als Panorama auf dem Bildschirmschoner geben wird.

Blutbäder

In einer Welt, in der dieselbe Französische Revolution, die uns die Menschenrechte brachte, gleichzeitig schon auch schon jenes menschenverachtende Blutbad veranstaltete, das die stalinistischen Gräueltaten und den Holocaust vorwegnahm. In einer Welt, die sich immer so stolz für liberal und demokratisch hält, aber nie ein Problem damit hatte, aus wirtschaftlichen Interessen mit Diktatoren und Regimen gute Freundschaft zu pflegen. In einer Welt, in der die Linken wie die Rechten sich gern alles Mögliche ausdenken, nur nicht mehr die Realität, in der die Menschen wirklich leben, anschauen.

In einer Welt, in der die Feministinnen froh darüber sind, dass sie endlich mit genauso dämlichen Stereotypen über die Männer herziehen können, wie es zuvor die Männer jahrhundertelang mit den Frauen getan haben. In einer Welt, in der die Arbeiter stets auf die linken Studenten schimpfen, die für sie demonstrieren, und stattdessen lieber zu den Rechtspopulisten gehen, die ihnen den Lohn kürzen werden. In einer Welt, in der die Kälber ihre Schlächter schon immer selber gewählt haben. In einer Welt, in der diejenigen, die gegen die Lügen der Medien protestieren, dies nur mehr deswegen tun, um selbst noch viel größere Lügen verbreiten zu können.

Angepasstes Fachtrotteltum & Quotennutten

In einer Welt, in der das einzige, was vom Projekt der Aufklärung übrig geblieben ist, das Internet ist, in das alles wirkliche Leben langsam überführt und damit ausgelöscht wird. In einer Welt, in der das, was Bildung einmal war, nur mehr die Erziehung zum angepassten Fachtrotteltum ist. In einer Welt, in der darum jeglicher Glaube an Aufklärung nur mehr ein hoffnungsloses Unterfangen ist, weil alle Wahrheit bloß noch zerfällt. In einer Welt, in der recht nur mehr der hat, der die meisten Likes erhält. In einer Welt, in der Quotennutten regieren, dort, wo man früher einmal nach der Wahrheit gesucht hat. In einer Welt, in der der Stumpfsinn der Leitmedien endlich seine Bedeutung verloren hat, nur damit er durch noch viel größeren Stumpfsinn abgelöst wird. In einer Welt, in der sich die Neoliberalen über den Weg in die Barbarei wundern, den sie doch selbst geebnet haben.

In einer Welt, in der es zugeht wie einem absurden Stück von Beckett, das jeder Analyse spottet.

In einer solchen Welt muss man sich eigentlich eher wundern, dass nicht schon längst einer wie Donald Trump amerikanischer Präsident geworden ist. (Ortwin Rosner, 17.11.2016)

Ortwin Rosner (Jahrgang 1967), abgeschlossenes Studium der Germanistik und Philosophie in Wien, Diplomarbeit 2003 bei Wolfgang Müller-Funk mit dem Titel "Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns 'Der Sandmann"', erschienen 2006 im Verlag Peter Lang; lebt als Schriftsteller in Wien.

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