Experte: Digitalisierung setzt Gesellschaft enorm unter Druck

17. November 2016, 10:56
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Podiumsdiskussion "Wenn Roboter unseren Job machen: Die Arbeitswelt im Umbruch"

"Roboter übernehmen immer mehr Arbeiten, die von Menschen gemacht werden", stellte der US-Sachbuchautor Martin Ford gestern, Mittwochabend, im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Wien fest. In der Zukunft könnten Menschen durch diese unaufhaltsame Entwicklung zwar von lästigen und schweren Arbeiten befreit sein, bräuchten dann aber auch ein von der Erwerbstätigkeit entkoppeltes Einkommen.

"IT und künstliche Intelligenz werden alle Bereiche durchdringen"

"Wir leben in einer disruptiven Zeit, die einen enormen Druck auf die Gesellschaft und die Wirtschaft ausübt", so der Autor des Bestsellers "The Rise of the Robots: Technology and the Threat of a Jobless Future" bei der vom Technologieministerium (BMVIT) veranstalteten Diskussion. Denn nicht nur in der klassischen Industrieproduktion würden Prozesse immer automatisierter ablaufen, auch Teilbereiche von "White Collar"-Jobs im Finanzwesen, in der Medizin oder im Journalismus würden zunehmend von Algorithmen gelenkt. Manchen Schätzungen zufolge könnten so mittelfristig die Hälfte aller Jobs wegfallen.

"Informationstechnologie und künstliche Intelligenz werden alle Bereiche quer durch die Wirtschaft durchdringen", verglich Ford die Digitalisierung mit der Omnipräsenz der Elektrizität. Von Jobverlusten betroffen wären vor allem Bereiche mit niedrigen Qualifikationen, die ohnehin kontinuierlich schlechter bezahlt würden. Dazu seien viele neue Industrien per se weniger arbeitsintensiv, benötigen also für gleiche oder höhere Erträge nur mehr einen Bruchteil der menschlichen Arbeitskraft früherer Zeiten. So hätte der Autohersteller General Motors 1979 mit 840.000 Arbeitern weniger Gewinne gemacht als Google 2012 mit nur 38.000 Mitarbeitern. "Letztendlich wird die ganze Wirtschaft viel mehr wie Google aussehen als General Motors", sagte Ford.

Auswirkungen nur zu erahnen

Die Auswirkungen dieser Entwicklungen könne man freilich heute erst erahnen. Wenn immer weniger Menschen arbeiten, geben sie auch weniger Geld aus, was zu verringerter Nachfrage, Stagnation und einer Deflationsspirale führen könnte. Die Freiheit, die mit weniger Arbeit einhergehe, könne so wegen der steigenden gesellschaftlichen Ungleichheit rasant zu einem gewaltigen Problem anwachsen. Ein kurzfristiger Ausweg sei mit dem Ausbau und der Stärkung sozialer Sicherheitsnetze möglich. "Irgendwann wird man Einkommen von traditionellen Jobs entkoppeln müssen", sprach sich der Autor langfristig für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus.

Ähnlich, wenn auch in anderen Worten formulierte das Anliegen Markus Tomaschitz, Vizepräsident des Bereichs Humanressourcen beim steirischen Motoren- und Antriebssystementwickler AVL List: "Wenn man Ökonomen glauben kann, dann müsste man das ideologiefrei als Technikdividende für alle diskutieren. Arbeit für alle war gestern."

Für Technologieminister Jörg Leichtfried (SPÖ) müsse es letztlich das Ziel sein, "eine möglichst hohe Zahl von guten, erfüllenden und gut bezahlten Arbeitsplätzen aus dieser Entwicklung herauszutragen. Alles andere wäre ein Rückschritt und würde eine Entwicklung forcieren, bei der große Sorgen und Ängste im Mittelpunkt stehen. Und das ist etwas, das ins Unglück führen kann, wie wir aus unserer europäischen Geschichte gut wissen."

Zu wenig Investitionen

"Das Problem ist nicht, dass die Betriebe zu rasch und schnell neue Technologien einsetzen und dadurch Arbeitsplätze vernichten, sondern dass sie gar nicht oder viel zu wenig investieren", befand Herbert Buchinger, Vorstandsvorsitzender des Arbeitsmarktservice (AMS). Eigentlich müssten aus Sicht der heimischen Wirtschaft die neuen technologischen Errungenschaften rascher eingesetzt werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben und neue Märkte zu erschließen.

"Riesenchancen" durch eine flexibler agierende Produktion sieht auch Andreas Kugi, Vorstand des Instituts für Automatisierungs- und Regelungstechnik der Technischen Universität (TU) Wien. Entscheidend sei eine Sensibilität für den richtigen Zeitpunkt, neue Technologien einzusetzen oder damit verbundene politische Maßnahmen wie etwa eine kürzlich von Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) zur Diskussion gestellte "Maschinensteuer".

Für mehr "soziale Fantasie" plädierte Ursula Holtgrewe vom Zentrum für Soziale Innovation (ZSI). Anstatt sich von einer "Inflation bedrohlicher Zahlen" einschüchtern zu lassen, sollte man beginnen, stärker außerhalb der üblichen "Boxes" zu denken und in der Berufswelt mehr Quereinstiege und Umstiege schaffen: "Es kommt darauf an, ob man einen Wandel nur erleidet oder ob man ihn gestaltet." (APA, 17.11.2016)

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