Warum die Arbeiterschaft nach rechts rückt

17. November 2016, 09:35
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Trump im Rust Belt, Hofer in der Obersteiermark: In alten Industrieregionen räumen Rechtspopulisten ab

Reinhard Richter spielt den Fremdenführer, doch seine Sehenswürdigkeiten haben nichts Liebliches an sich. Mit seinem SUV kurvt der 1,90-Meter-Riegel – vier Flinserln im rechten Ohr, Schladminger-Joppe mit FPÖ-Emblem – durch die engen Gassen der Altstadt, vorbei an verstaubten Auslagenscheiben. Bunt angefärbelt sind sie, die Fassaden, doch dahinter gähnt in vielen Geschäftslokalen die Leere. "Es ist traurig", sagt Richter, als er zwei Wirtshäuser passiert: "Das nennen sie jetzt Gastromeile."

Schönreden, übertünchen, verschleiern – so würden die Kapfenberger am Schmäh gehalten, schimpft Richter, Vizebürgermeister ohne Ressort: "Die SPÖ sagt, es ist eh alles super. Doch gar so super is des net."

foto: heribert corn
FPÖ-Chef Reinhard Richter in der Kapfenberger Innenstadt: "Die SPÖ sagt, es ist eh alles super. Doch gar so super is des net."

Gemessen an den Wahlergebnissen scheint das ein immer größerer Teil der 23.000 Einwohner ähnlich zu sehen. Bei den letzten beiden Gemeinderatswahlen hat die SPÖ, vor 2010 noch bei 77 Prozent, mehr als ein Drittel ihrer Stimmen eingebüßt, und die Präsidentenwahl glich einer wahren Revolution. Schon in der ersten Runde räumte FPÖ-Kandidat Norbert Hofer trotz fünf Konkurrenten 44 Prozent ab, bei der Stichwahl waren es fast 60 Prozent.

Es ist eine Geschichte, die sich ständig wiederholt – zuletzt im sogenannten Rust Belt im Nordosten der USA, einem Industriegebiet, das, wie die Obersteiermark, schon bessere Zeiten gesehen hat. Auch dort fuhr ein Rechtspopulist – Donald Trump – fette Ernte ein, auch dort verlor eine seit Ewigkeiten dominante Partei – die Demokraten – ihre Erbpacht. Was treibt die Arbeiterschaft nach rechts?

Wer zu Schichtwechsel vor dem Böhler-Stahlwerk, seit über 100 Jahren industrielles Herz Kapfenbergs, nachfragt, bekommt einen Schwall von Antworten ab. Kaum einer verteidigt hier die rote Sache, fast alle outen sich als Hofer-Wähler. Selbst ein Arbeiter, der noch konsequent bei der SPÖ sein Kreuzerl macht, sagt: "Die Proteste verstehe ich schon."

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Die Böhler-Werke, industrielles Herzstück Kapfenbergs: Fast alle Arbeiter outen sich als Hofer-Wähler.

Die Begründungen sind so vielfältig wie diffus, sie reichen von "Brüssel woll'n ma net" über "Die Roten vertreten die Arbeiter nicht mehr" bis zu "Es g'hört einmal was anderes her". Einen gemeinsamen Nenner gibt es aber. "Es sind einfach zu viele Ausländer da", sagt ein junger Böhlerianer mit Hipsterbart und tiefgelegtem Hosenbund: "Nach 18 Uhr kannst dich nicht mehr auf die Straße trauen, da wirst angegangen!"

Als Bürgermeister Manfred Wegscheider diesen Vorwurf hört, greift er zum Telefon. Zwei Minuten später steht der Chefinspektor der Stadtpolizei im Büro und rapportiert: Nein, die Kriminalitätsrate sei keinesfalls gestiegen. Wegscheider lässt trotzdem längst Polizisten gezielt durch die Stadt patrouillieren – zu Fuß: "Kommen die mit dem Auto, heißt's erst recht, da ist etwas passiert."

"Es ist ein Trauerg'spiel", sagt der SP-Politiker, der nach einem Intermezzo als Landtagspräsident seit 2012 wieder Stadtchef ist und trotz aller Verluste noch eine knappe absolute Mandatsmehrheit hält: "Über jedem Stammtisch hängt das Ausländerthema wie eine Dunstglocke." Wer als Politiker erklären wolle, was er konkret in einer Sache tue, stoße zunehmend auf taube Ohren. Die Schuld daran gibt Wegscheider der FPÖ, die nur "aufs Zerstören" aus sei, aber auch der Bundesregierung: Die Bilder von der Grenze, "als diese Massenbewegung quasi mit einem 'Herzlich willkommen' hineingelassen wurde", hätten die Ängste erst so richtig angefacht.

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Bürgermeister Manfred Wegscheider, SPÖ: "Über jedem Stammtisch hängt das Ausländerthema wie eine Dunstglocke."

Ob man beipflichten will oder nicht: Ein regionales Spezifikum ist dieses Phänomen nicht, folglich auch keine Erklärung für Hofers Vormacht in der Obersteiermark und in ähnlichen Gebieten Österreichs. Der Ausländeranteil – 17 Prozent der Kapfenberger sind nicht in Österreich geboren – ist für steirische Verhältnisse zwar hoch, aber weitaus niedriger als in Wien, Graz oder Vorarlberger Städten – und dort hat Van der Bellen die Mehrheit.

Auch eine andere Gleichung – wirtschaftliche Misere mündet in FPÖ-Erfolg – ist nur auf den ersten Blick schlüssig. Die Arbeitslosigkeit liegt im Bezirk Bruck-Mürzzuschlag, zu dem Kapfenberg zählt, mit 8,2 Prozent unter dem Österreich-Schnitt von 9,1 Prozent und erst recht unter den Werten von Wien (13,5) und Graz (10,1). Experten attestieren der Region, die düsteren Tage der großen Stahlindustriekrise hinter sich gelassen zu haben. "Im Rückblick wird man von einer Hochblüte sprechen", sagt der Bürgermeister, selbst FPÖ-Mann Richter räumt ein: "Bei der Beschäftigung sind wir gut aufgestellt."

Meinungsforscher Günther Ogris vom Sora-Institut hält die ökonomische Lage dennoch für entscheidend, relevant sei aber nicht der Status quo, sondern der Blick in die Zukunft: Zentrale Frage für die Wähler sei, ob es mit dem Land bergauf oder bergab gehe. Dass die Zukunftspessimisten zu den Rechtspopulisten strömen, die eine Rückkehr zur heimeligen, alten Ordnung verheißen, wundert den Demoskopen nicht: "Es gibt keine linke Zukunftsfantasie, und das einzige Versprechen der EU lautet: Wir sanieren das Budget."

In ehemaligen Krisenregionen wie der Obersteiermark sei der Pessimismus ebenso wie in abgelegenen landwirtschaftlichen Räumen stark, sagt Ogris: Wenn junge, bildungshungrige, weltoffene Bürger wegziehen, nähre das eben nicht gerade die Zuversicht.

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Grün sind in Kapfenberg das Landeswappen und das Bier – die gleichfarbige Partei fasst hingegen nicht Fuß.

Die Grünen spüren diesen Braindrain an Wählern, die für Rechtspopulismus kaum anfällig sind, schmerzlich. In der Obersteiermark hält die Partei nur vereinzelt Gemeinderatssitze, in Kapfenberg im Gegensatz zur KPÖ keinen. In Dörfern, sagt Elisabeth Jobstmann, die in Leoben die grüne Fahne hochhält, "sind Grünwähler wie Außerirdische".

Weil die Gegend anders als etwa Tirol vom Tourismus weitgehend unbehelligt sei, fehle die Aufgeschlossenheit gegenüber der Vielfalt, glauben Jobstmann und ihr Brucker Kollege Siegfried Schausberger, konservative Werte à la Andreas Gabalier dominierten. Vor allem aber gehe der Wandel hin zu einer konkurrenzträchtigeren Arbeitswelt den Leuten "zu schnell", sagt Schausberger: "Und wir Grünen bieten ja nicht unbedingt etwas an, was einem das Leben leichter macht."

Das würde Reinhard Richter von seinesgleichen nie behaupten. Der FPÖ-Politiker, der sein privates Nachhilfeinstitut selbst lieber im modernen Einkaufszentrum beim Bahnhof untergebracht hat, verheißt für eine blaue Zukunft eine wiederbelebte Altstadt, billigere Wohnungen und, und, und. Simpel sei das Erfolgsrezept, sagt Richter: "Wir nehmen die Leut' beim Handerl – und die Medien sind auf unserer Seite, weil sie gegen uns schreiben."(Gerald John, 17.11.2016)

Die Obersteiermark rostet weniger, als man glaubt

Industrieruinen, Kriminalität, Massenabwanderung: Städte wie Detroit, Flint und Youngstown im Rust Belt, der sich im Nordosten der USA von den Großen Seen bis an den Atlantik erstreckt, gelten als Synonym für industriellen Niedergang. Dem Österreicher drängen sich da Parallelen auf: Denn auch hierzulande gibt es mit der Obersteiermark eine Gegend, die in den Köpfen als "Krisenregion" punziert ist.

In der Geschichte des Abstiegs gebe es durchaus Gemeinsamkeiten, sagt Peter Mayerhofer vom Wirtschaftsforschungsinstitut, in der Bewältigung sei die Obersteiermark aber weitaus erfolgreicher: Nach der Strukturkrise der Stahlindustrie der 1970er- und 1980er-Jahre sei es vielfach gelungen, überholte Spezialisierungen zu technisch anspruchsvollen Produktionen weiterzuentwickeln. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zählt die Region keineswegs zu den ärmsten Österreichs: Die östliche Obersteiermark, in der Kapfenberg liegt, rangiert ziemlich genau im Mittelfeld.

Im Gegensatz zu großen Teilen des Rust Belts weise die Obersteiermark auch ein positives Wirtschaftswachstum auf, rechnet Mayerhofer vor. Pro Kopf verbuchte der östliche Teil von 2000 bis 2013 mit nominell 4,1 Prozent pro Jahr sogar das dritthöchste Wachstum in ganz Österreich, Wien kam zum Vergleich gerade einmal auf 1,9 Prozent. Das liegt aber auch daran, dass die Bevölkerung im Gegensatz zur Hauptstadt nicht gewachsen ist, sondern seit den Neunzigern schrumpft: Seit 2002 verlor die östliche Oststeiermark 7,5 Prozent der Bevölkerung, der westliche Teil 6,7 Prozent.

Dieser Umstand schlägt sich auch im Arbeitsmarkt nieder. Die Beschäftigungszahlen sind nicht berauschend gewachsen, dies gilt aber auch für die erwerbstätige Bevölkerung. Die Arbeitslosenrate liegt zwischen 6,8 Prozent in Mürzzuschlag und 8,7 Prozent in Judenburg und ist damit deutlich niedriger als in Graz (10,1 Prozent) oder Wien (13,5 Prozent). Künftig seien sogar Engpässe bei der Rekrutierung von Arbeitskräften zu erwarten, sagt Mayerhofer, zumal die Bevölkerungsprognosen nicht rosig sind: In der östlichen Obersteiermark soll die Zahl der 20- bis 64-Jährigen bis 2030 um 16 Prozent schrumpfen. Bildungshungrigen jungen Menschen bietet die Industrie nur ein eingeschränktes Jobangebot, die Städte glänzen nicht mit urbanem Flair.

In Kapfenberg soll die Bevölkerung heuer erstmals seit langem wieder wachsen, für die Zukunft hängt viel von einem Schlüsselprojekt ab. Die Voest wollte 300 Millionen in ein Elektrostahlwerk investieren – doch wegen Unsicherheiten am Strommarkt wackelt das Investment.

  • Leicht lachen hatte FPÖ-Kandidat Norbert Hofer bisher in Kapfenberg. Obwohl sich die "Krisenregion" aufgerappelt hat, ist die einst tiefrote Arbeiterschaft angespeist: "Es g'hört einmal was anderes her."
    foto: heribert corn

    Leicht lachen hatte FPÖ-Kandidat Norbert Hofer bisher in Kapfenberg. Obwohl sich die "Krisenregion" aufgerappelt hat, ist die einst tiefrote Arbeiterschaft angespeist: "Es g'hört einmal was anderes her."

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