Trump dementiert Chaos in seinem Team

17. November 2016, 06:35
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US-Medien zitieren Quellen aus dem Übergangsteam: "Kampf mit gezogenem Messer" und Säuberungen

Washington – Dienstagabend war es endlich so weit: Ein von Mike Pence, dem künftigen US-Vizepräsidenten, unterzeichnetes Papier langte im Weißen Haus ein. Dort hatte man schon seit Tagen sehnsüchtig darauf gewartet. Strenggenommen handelt es sich um einen Formalakt: Die Mitglieder jenes Teams, das die kommende Präsidentschaft vorbereitet, verpflichten sich darin, nichts über die Vorgänge im Weißen Haus an die Öffentlichkeit zu tragen. Ungewöhnlich ist, dass es so lange dauert, bis das Papier einlangt.

Eine Woche nach dem Wahlsieg werden auch in konservativen Kreisen in den USA die Sorgen über die anhaltenden Turbulenzen im Übergangsteam des designierten Präsidenten Donald Trump immer größer. Sie fürchten, dass wichtige Posten an völlig unvorbereitetes oder dafür ungeeignetes Personal vergeben werden könnten. Die Zahl jener, die das Team verlassen, scheint jedenfalls fast schneller zu wachsen als die Zahl derer, die für Posten infrage kommen.

Nicht mehr zur Verfügung stehen mittlerweile unter anderen echte und mutmaßliche Mitstreiter des bei Trump in Ungnade gefallenen Gouverneurs von New Jersey, Chris Christie. Zudem schieden mehrere außen- und sicherheitspolitische Spezialisten aus, die in weiteren Kreisen der Republikaner angesehen waren.

"Es läuft alles glatt!"

Trump selbst, der sich seit der Wahl vor einer Woche nur in zwei Interviews an die Öffentlichkeit gewandt hat, sah sich am Mittwoch zu Dementis genötigt. "Die scheiternde 'New York Times' liegt völlig falsch. Es läuft alles so derart glatt!", beschied er via Twitter. Nur er kenne "die Finalisten" um die Kabinettsposten, schrieb der einstige Präsentator der Reality-TV-Show "The Apprentice".

Trump könnte Schwiegersohn als Berater ins Weiße Haus holen

Trump könnte einem Medienbericht zufolge seinen Schwiegersohn Jared Kushner als wichtigen Berater ins Weiße Haus holen. Es sei unklar, ob ein Gesetz gegen Günstlingswirtschaft auch für eine derartige Position gelte, berichtete das "Wall Street Journal" am Mittwoch.

Demnach hat der 35-Jährige angedeutet, auf ein Gehalt verzichten und das Problem so umgehen zu können. Kushner ist mit Trumps Tochter Ivanka verheiratet und war bereits im Wahlkampf ein wichtiger Berater. Trumps Vertraute und frühere Wahlkampfmanagerin Kellyanne Conway sagte aber nun, sie gehe nicht davon aus, dass Kushner einen offiziellen Posten im Weißen Haus anstrebe. Er wolle seinem Schwiegervater nur helfen. Trumps Team hat mehrfach dementiert, bei den Behörden eine Sicherheitsüberprüfung Kushners beantragen zu wollen. Diese wäre Voraussetzung dafür, dass der 70-Jährige mit ihm über Fragen der nationalen Sicherheit reden könnte.

Chef von JP Morgan Chase weiter als US-Finanzminister im Gespräch

Nach dem Wahlsieg von Donald Trump herrscht weiter Unklarheit, ob der Chef der größten US-Bank JP Morgan Chase sein neuer Finanzminister wird. Für Aufsehen sorgte am Mittwoch eine Twitter-Nachricht der Fernsehmoderatorin Mario Bartiromo, wonach Jamie Dimon den Posten bekommen wird.

Die Aktie des Finanzkonzerns fiel daraufhin um mehr als drei Prozent und ging mit einem Minus von 2,5 Prozent aus dem Handel. Später schränkte Bartiromo ein, dass auch der frühere Goldman-Sachs-Manager Steve Mnuchin immer noch im Gespräch sei. Klarheit werde es erst Ende der Woche geben. Bartiromos Kollege Charles Gasparino twitterte, Dimon wolle das Amt nicht, würde aber beratend zur Seite stehen. Bartiromo und Gasparino arbeiten beide für den Wirtschaftssender Fox Business Network.

Der TV-Sender CNN hatte am Mittwoch anonyme Quellen aus dem Trump Tower zitiert, die von einem "Kampf mit gezogenen Messern" zwischen den unterschiedlichen Lagern gesprochen hatten. Die "New York Times" hatte von "völligem Chaos" geschrieben und berichtet, dass die Regierungschefs verbündeter Staaten Schwierigkeiten dabei gehabt hätten, mit Trump oder dessen Team in Kontakt zu treten.

Der Eindruck fehlender Vorbereitung ist jedenfalls groß. Aus dem Weißen Haus war nach dem Besuch Trumps und seiner Berater am Donnerstag gar berichtet worden, diese seien überrascht darüber gewesen, dass sie bis Jänner rund 4.000 Mitarbeiter für ihren Stab finden müssten.

Wachsende Kritik gibt es auch an möglichen beruflichen Unvereinbarkeiten. Neben Trumps erwachsenen Kindern, die zugleich Teil des Übergangsteams sind und die Firmen Trumps führen, bezieht sie sich auf einige Kandidaten für hohe Posten. So hat die Beratungsfirma des früheren New Yorker Bürgermeisters Rudy Giuliani, der nun als ein Favorit für das Außenministerium geführt wird, etwa die Regierungen von Katar und Venezuela vertreten und für die iranischen Volksmujahedin lobbyiert, als diese in den USA noch als Terrorgruppe geführt wurden.

Sanders fordert von Trump Verzicht auf Bannon

Der bei den demokratischen Vorwahlen unterlegene Senator Bernie Sanders hat Trump aufgefordert, den ultrarechten Wahlkampfmanager Stephen Bannon nicht zum neuen Chefstrategen zu machen. Die Nominierung eines "Rassisten" für eine Leitungsposition sei "völlig inakzeptabel", erklärte der Senator aus dem Bundesstaat Vermont am Mittwoch. Trump will indes abwanderungswilligen Regierungsmitgliedern einen zu schnellen Wechsel zu Lobby-Unternehmen verbieten.

Treffen mit Strache

Exgeneral Michael Flynn, der ebenfalls als Kandidat für mehrere Posten gilt, hat hingegen für eine Firma gearbeitet, die der türkischen Regierung von Tayyip Erdogan nahesteht. Er schrieb am Wahltag in der Onlinezeitung "The Hill" einen Gastbeitrag, in dem er die Auslieferung des umstrittenen Predigers Fethullah Gülen aus den USA in die Türkei fordert. Flynn hatte kurz vor der Wahl laut "Kurier" auch eine Delegation der FPÖ und deren Parteichef Heinz-Christian Strache empfangen.

Auch tut das Trump-Team wenig, um Sorgen bezüglich radikaler Einflüsse entgegenzutreten. Nach Bannon, Chef der Rechtsaußen-Website "Breitbart" und Kampagnenmanager Trumps, hat laut Berichten auch der umstrittene Publizist Frank Gaffney einen Beraterjob bekommen. Er hatte in der Vergangenheit etwa die Vermutung geäußert, Iraks Diktator Saddam Hussein sei hinter dem tödlichen Bombenanschlag von Oklahoma City 1995 gestanden (den in Wahrheit der Rechtsradikale Timothy McVeigh verübt hatte). Zudem hatte er gesagt, das Logo eines US-Raketenverbands sei der Beweis für die islamische Unterwanderung der Regierung von Barack Obama. Das Übergangsteam dementierte am Mittwochabend, dass Gaffney eine offizielle Rolle habe. (red, 16.1.12016)

  • Ein Kommen und Gehen: Senator Jeff Sessions, Kandidat für einen Ministerposten, im Trump Tower in New York.
    foto: afp / timothy a. clary

    Ein Kommen und Gehen: Senator Jeff Sessions, Kandidat für einen Ministerposten, im Trump Tower in New York.

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