Wie Trump die Wall Street auf den Kopf stellt

17. November 2016, 09:00
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Donald Trumps Sieg hat an den US-Börsen für Bewegung gesorgt. Bei Firmengröße und Branche stehen Paradigmenwechsel an

Wien – Gut zwölf Meter hoch und rund einen Viertel Meter dick soll sie werden – jene Mauer, mit der Donald Trump als nächster US-Präsident den Grenzverlauf zu Mexiko abschotten will. Allein dieses Vorhaben soll zwischen 15 und 25 Milliarden US-Dollar verschlingen, schätzen die Analysten von Sanford C. Bernstein – was massive Auswirkungen auf die regionale Bau- und Zulieferindustrie entfalten sollte. Allein an Zement würden ihnen zufolge mehr als 17 Millionen Tonnen für die Grenzeinrichtung benötigt.

Die Mauer ist zwar verglichen mit dem auf rund 500 Milliarden Dollar geschätzten Konjunkturprogramm, mit dem Trump die teilweise recht marode US-Infrastruktur auf Vordermann bringen will, nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ist aber sinnbildlich für die wirtschaftspolitischen Vorhaben des Republikaners. Mit ungezügeltem Freihandel hat er es nicht sehr, auch hier besteht eine Tendenz zur Abschottung. Im Gegenzug lassen seine Aussagen darauf schließen, dass eine Stärkung der US-Binnenkonjunktur im Fokus seiner Bemühungen steht. "Im Moment präsentiert sich das Wirtschaftsprogramm von Trump inflationistisch und protektionistisch", fasst Fondsmanager Igor de Maack vom französischen Vermögensverwalter Natixis zusammen.

Binnenmarkt im Fokus

Dies spiegelte auch die Wall Street wider. Eine Woche nach der Wahl legte der S&P-500-Index, in den die größten und überwiegend international tätigen US-Konzerne zusammengefasst sind, um fast zwei Prozent zu. Wesentlich stürmischer ging es jedoch bei den kleineren, auf den Binnenmarkt fokussierten Unternehmen zur Sache, die im Russell-2000 enthalten sind: Der Nebenwerteindex schoss im selben Zeitraum um mehr als neun Prozent auf ein neues Rekordhoch nach oben.

"Die Infrastrukturinvestitionen dürften sowohl den Arbeitsmarkt anschieben als auch für Bauunternehmen eine gute Nachricht sein", sagt Chefökonom Gerhard Winzer von der Erste Asset Management. "Zugleich sollen die Abgaben drastisch gesenkt werden, dabei hat Trump Firmen und Privatleute gleichermaßen im Blick." Aus Winzers Sicht dürfte dies zu "enormen Steuerausfällen" führen, die Trump nur durch weitere Schulden, also eine noch expansivere Fiskalpolitik, gegenfinanzieren könne.

Steigender Inflationsdruck

Zudem geht Winzer wie auch viele andere Experten von steigendem Inflationsdruck aus. Dieser dürfte sich neben dem Investitionsprogramm auch aus Steuersenkungen, die zu vermehrten Konsumausgaben führen sollten, und Schutzzöllen gegen Billigimporte zum Schutz von US-Anbietern speisen. Höhere Leitzinsen und Renditen wären in diesem Szenario wahrscheinlich.

Betrachtet man die US-Börsenlandschaft nicht nach Größe, sondern nach Branchen, springt der starke Anstieg der Finanzwerte ins Auge, die seit der Wahlentscheidung mehr als zehn Prozent dazugewonnen haben. Als Treiber dürften dahinter die Hoffnung auf ein verbessertes Zinsgeschäft stehen und die Erwartung geringerer regulatorischen Auflagen. Nach dem angekündigten Rücktritt der Chefin der US-Wertpapieraufsicht SEC, Mary Jo White, hat Trump bei der Nachbesetzung freie Hand, der Behörde eine neue Ausrichtung zu verpassen.

Auch die Erdöl- und Gasbranche zählte bisher zu den klaren Gewinnern – wobei in diesem Fall die Zuversicht auf erwarteten Erleichterungen beim Umweltschutz beruht, mit dem es der nächste US-Präsident wohl weniger genau nehmen wird, sowie auf der Ankündigung, die lokale Öl- und Gaserzeugung zu stärken.

Wo Licht, da auch Schatten

Auf der Verliererseite findet sich etwa die Immobilienbranche, die unter höheren Zinsen leiden würde, aber auch Technologiekonzerne. Trump seien "US-Unternehmen, die im Ausland produzieren lassen, ein Dorn im Auge", schreibt die Schoellerbank in ihrem aktuellen Analysebrief. Dazu zählt das Institut etwa die Technologieriesen, die Elektronikteile günstig in Asien fertigen lassen. Strafzölle wären auch in diesem Fall denkbar.

Generell wird Trumps angekündigte Wirtschaftspolitik als eher positiv für die Wall Street angesehen. Da Investitionen in US-Einzeltitel mit hohem Risiko verbunden sind, bieten sich alternativ Fonds oder passive Produkte wie ETFs auf die Gesamt- oder Branchenindizes an, da die Anlage auf viele Firmen gestreut wird. Das Wechselkursrisiko zum Dollar werden Anleger aus dem Euroraum allerdings tragen müssen. (Alexander Hahn, 17.11.2016)

  • Die Wall-Street-Akteure haben sich – gemessen an den Kursreaktionen – rasch mit Donald Trump als nächstem US-Präsidenten angefreundet.
    foto: reuters

    Die Wall-Street-Akteure haben sich – gemessen an den Kursreaktionen – rasch mit Donald Trump als nächstem US-Präsidenten angefreundet.

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