"Muss Mami jetzt nach Österreich zurück?"

Kommentar der anderen16. November 2016, 17:33
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Anmerkungen einer in den Vereinigten Staaten lebenden Österreicherin

Does Mommy have to go back to Austria?" Das war die erste Frage meines Sohnes, gerade einmal neun Jahre alt geworden, am Tag nach Donald Trumps unerwartetem Wahlerfolg. Die Antwort ist Nein: Gehen muss ich nicht. Ich bin ein "legal resident", wie es so schön heißt. Ich habe eine Green Card. Aber Tatsache ist, dass die Frage im Raum stand. Was wird uns, New York und ganz Amerika, ein Trump als Präsident bringen?

New York ist seit mehr als zehn Jahren meine Heimat. New York war meine Heimat vor 9/11 und noch viel mehr danach. Das Multikulturelle, Multiethnische und Multireligiöse an New York ist das, was ich liebe und schätze. New York verkörpert all das Positive der USA. Natürlich hat New York auch schwerwiegende Probleme wie jede Stadt. Dies nicht zu sehen, wär falsch. Aber New York ist Obama; New York ist Hillary. Mehr als 80 Prozent haben in Manhattan für Hillary gestimmt. Und obwohl Trump auch aus New York stammt, wurde er mehr toleriert als er sich integrieren hätte können. Und jetzt verkörpert der Trump Tower all das, wofür New York nicht steht: Intoleranz, Rassismus, Sexismus und Neofaschismus.

Aber Trump ist nicht allein. Egal, in welche Himmelsrichtung man schaut, so sehr ist der scheinbar nicht aufzuhaltende Rechtsruck der politischen Welt auf dem Vormarsch: Ungarn, Polen, bald Frankreich und Deutschland und in weniger als drei Wochen vielleicht auch Österreich? Hofer ist nicht Trump. Trump ist nicht Hofer. Aber ihre menschenverachtende, chauvinistische und arrogante Art und Weise verbinden sie. Anstatt füreinander zu sein, sorgen sie für ein Gegeneinander. Anstatt das Gute zu sehen und an dem zu arbeiten, scheinen wir den Fortschritt abzulehnen. Gehen wir zurück in die Vergangenheit? Oder ist das unsere Zukunft?

Überlebenden-Familie

Als Mitglied einer Familie von Überlebenden, als Historikerin und als Mutter fürchte ich, was ein Präsident Trump den USA, der Welt bringen kann. Wird er tatsächlich all die sozialen Fortschritte der letzten Jahre zunichtemachen? Wird er Millionen von Menschen ihre Krankenversicherung wegnehmen? Wird er einen Rechtspopulisten in den Supreme Court setzten und damit jeder Frau in den USA die Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper nehmen? Wird er die negativen Auswirkungen des Klimawandels tatsächlich als falsch, als Lüge ansehen? Wird er sich wirklich an Putin oder Erdogan annähern? Die Liste ist endlos. Vier verlorene Jahre stehen uns bevor. Vier Jahre der Unsicherheit, der Intoleranz, der Krise stehen uns bevor.

Verunsicherte Kinder

Meine drei Kinder sind jetzt schon verunsichert. Meine siebenjährige Tochter hatte fast Tränen in den Augen. Hillary hat es trotz allem nicht geschafft. Die erste Frau mit realistischen Chancen auf das Amt des Präsidenten wird von einem Bully mit falschen Versprechen an die Arbeiterklasse und populistischen, wenn nicht faschistischen Sprüchen abgedrängt. Statt einer Frau als Präsidentin zieht ein sexistischer und sich selbst liebender Mann ins Weiße Haus, unterstützt von einem rechten Kongress und Repräsentantenhaus.

Die Aussichten sind trüb. Dennoch, wer jetzt die Hoffnung aufgibt, riskiert den potenziellen Neofaschisten und Allzeitsexisten den Weg zu ebnen. New York, und viele andere Städte haben uns gezeigt, dass die Zivilgesellschaft, die eigentliche Mehrheit in den USA (man darf nicht vergessen, dass Hillary Clinton fast eine Million mehr Stimmen hatte als Trump), auf der Seite von Gerechtigkeit, Freiheit und Zusammenarbeit steht. Demonstrationen gibt es fast täglich.

Kinder – meine Kinder – lernen schnell und auf eine überraschende Art und Weise die wesentlichen Elemente einer demokratischen politischen Erziehung: Unrecht bekämpfen. Haltung zeigen. Und den Menschen helfen, die jetzt unsere Hilfe brauchen. Und sie lernen der Welt zu zeigen, dass wir anders sind. New York ist – und wird es auch bleiben – eine Bastion der Liberalen, der Toleranz und der Nabel des multikulturellen, multiethnischen und multireligiösen Zusammenlebens. Meine Kinder sind New Yorker. Mein Mann ist New Yorker. Ich bin eine New Yorkerin. Wir alle sind New Yorker. (Ruth Weinberger, 16.11.2016)

Ruth Weinberger ist Historikerin bei der Jewish Claims Conference.

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