Sorge um Spitzbergens Weltsaatgutbank

18. November 2016, 08:42
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Der Klimawandel bedroht die Kulturpflanzenreserve der Menschheit in Norwegen

Rund acht Jahre nach Inbetriebnahme der Weltsaatgutbank auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen müssen neue Vorkehrungen gegen den Temperaturanstieg in der Arktis getroffen werden. Die Regierung in Oslo gab dazu kürzlich Einzelheiten bekannt. Denn die Auswertung der Klimadaten vom Sommer zeigen neue Rekordwerte.

Künftig sollen zusätzliche Barrieren an der Innenwand des unterirdischen Archivs der Pflanzensamen und im Eingangsbereich verhindern, dass im Sommer Schmelzwasser eindringt und sowohl die dort eingelagerten Pflanzensorten als auch die Statik des Gewölbes bedroht. Zudem sollen unnötige Wärmequellen wie ein bisher im Gewölbe platzierter Transformator aus der Umgebung der Proben entfernt werden. Auch die Logistik soll künftig effizienter gestaltet werden, um den Kälteverlust beim An- und Abtransport der weltweit an- und ausgelieferten Samen zu verringern.

Vor einem Jahrzehnt galt der Standort in der Nähe der Spitzbergen-Hauptsiedlung Longyearbyen noch als klimatisch sicher. Befürchtungen, dass bauliche Verstärkung notwendig wird, gab es aber bereits in den vergangenen Jahren. Derzeit sorgt ein Thermostat dafür, dass die künstlich erzeugte Lagertemperatur von minus 18 Grad Celsius nicht überschritten wird.

Boden taute erstmals 2008

Die Idee bei Errichtung der Saatgutdatenbank war, dass selbst bei einem Ausfall aller Kühlsysteme das arktische Klima die Temperatur in den Lagerhallen nicht über den kritischen Wert von minus 3,5 Grad steigen lassen würde. Doch der auf den Inseln herrschende Permafrost taut. Bereits 2008 taute der Boden im Eingangsbereich des Depots erstmals auf.

Im vergangenen Sommer wurde eine Wassertemperatur von 8,3 Grad in elf Meter Tiefe im weiter nordwestlich gelegenen Kongsfjorden gemessen – ein absoluter Wärmerekord. In den vergangenen zehn Jahren stieg dort die Temperatur des Atlantiks während der Sommerperiode von 2,3 auf 3,3 Grad Celsius. Das bewirkt laut Philipp Fischer vom Alfred-Wegener-Institut eine steigende Lufttemperatur auf den Inseln.

"Wir sind zutiefst besorgt, wir müssen so rasch wie möglich handeln", sagt Hege Njaa Aschim vom Betreiber der Saatgutbank, der staatlichen Bauverwaltung Statsbygg. Die Maßnahmen seien zwar schon länger in Planung gewesen, die jüngst gemessenen Rekordtemperaturen hätten jedoch die Dringlichkeit der Umsetzung beschleunigt. Aschim hofft, dass die Arbeiten an der Anlage im Laufe des kommenden Jahres beendet werden. Derzeit sei man jedenfalls "gut in der Zeit".

4,5 Millionen Saatgutreserven

Derzeit lagern in Spitzbergen mehr als 900.000 Samenproben aus aller Welt. Insgesamt sollen dort bis zu 4,5 Millionen derartiger Saatgutreserven eingelagert werden können. Vor rund einem Jahr kam es zur ersten Abhebung einer "eisernen Reserve", als das Internationale Zentrum für landwirtschaftliche Forschung in Trockengebieten in Beirut zahlreiche eingeschickte Samenproben zurückholte, um ein neues regionales Saatgutdepot aufbauen zu können; das bisherige in Aleppo fiel dem Krieg in Syrien zum Opfer.

Finanziert wird das "Svalbard Global Seed Vault", wie die Saatgutbank international heißt, zum Großteil aus den USA. Einen kleineren Teil übernahm der norwegische Staat, der für den technischen Unterhalt der Anlage verantwortlich ist. Die Aufgabe der Saatgutbank ist es, die aus aller Welt hinterlegten Samenproben zu verwalten. Damit soll die weltweite Sortenvielfalt bei den wichtigsten Kulturpflanzen wie Weizen, Kartoffeln, Reis, Maniok, Mais und verschiedenen Obstgattungen bewahrt werden. (Andreas Stangl aus Stockholm, 18.11.2016)

  • Ziel der Pflanzensamenbank auf Spitzbergen ist es, wichtige Nutzpflanzenarten der Erde zu bewahren.
    foto: reuters/heiko junge

    Ziel der Pflanzensamenbank auf Spitzbergen ist es, wichtige Nutzpflanzenarten der Erde zu bewahren.

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