EZB-Chefstatistiker: Griechische Zahlen so gut geprüft wie nie zuvor

19. November 2016, 09:00
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Mogeleien sind heute wesentlich schwerer als zuvor versichert EZB-Statistikdirektor Aurel Schubert

STANDARD: Regulatorik und Meldewesen für Banken haben stark zugenommen. Sieht man den Wald vor lauter Bäumen noch?

Schubert: Man sieht den Wald sehr wohl. Es gibt vieles, das vorher nicht abgedeckt war. Seit Jahren harmonisieren wir die geldpolitischen Statistiken im Euroraum. 2014 wurde nun auch das Aufsichtsrecht so weit harmonisiert, dass alle Banken das Gleiche melden. Manche Dinge sind noch in der Pipeline, aber der große Teil der bankenaufsichtsrechtlichen Datenerhebung steht schon.

STANDARD: In welche Richtung ging diese Harmonisierung?

Schubert: Die Tendenz geht zu Verteilungsinformationen, um die "tail risks" (Eintritt unwahrscheinlicher Ereignisse, Anm.) zu finden, und zu Mikrodaten. Man erhebt nicht mehr das jeweilige Aggregat als Ganzes, sondern versucht, Einzeltransaktionen zu erheben, etwa über Wertpapierkennnummern. Zum Beispiel: Wer hält wie viele irische oder griechische Staatspapiere?

STANDARD: Was ist der nächste Schritt?

Schubert: Das Nächste sind Kredite, damit man bis Ende 2018 alle an Unternehmen vergebenen Kredite erfassen kann. Geht es der Schifffahrtindustrie nicht gut, kann man herausfinden, welche Bank ein Schifffahrtsportfolio hat. Um so große Datenmengen bearbeiten zu können, ist Standardisierung entscheidend.

STANDARD: Wenn Sie merken, dass es da oder dort ein erhöhtes Risiko gibt, schlagen Sie dann Alarm?

Schubert: Nein, wir als Statistiker sind Moderatoren zwischen Meldern und Nutzern. Die Rolle der Statistik ist es, mit den Anwendern eine Datennotwendigkeit zu definieren. Die Anwender sind die Geldpolitik, Finanzmarktstabilitätsleute, Bankenaufsichtsleute oder Risikomanager. Dann arrangieren wir die standardisierten Meldungen. Wenn die Daten da sind, stellen wir sie den Nutzern qualitätsgeprüft zur Verfügung. Wir machen keine eigenen Analysen oder Schlussfolgerungen.

STANDARD: Wie viele Leute braucht die EZB, um das Zahlenwerk zu beherrschen?

Schubert: Es sind etwa 200 Mitarbeiter. Wir decken nicht nur den Euroraum ab, sondern teilweise auch die gesamte EU. Mit der Hereinnahme der Bankenaufsicht sind wir mit diesen neuen Aufgaben auch stark gewachsen. Es ist in der Zwischenzeit eine große Maschinerie. Die ist aber auch notwendig, denn ohne eine solide Datenbasis können keine guten geldpolitischen, aufsichtsrechtlichen oder Finanzmarktstabilitäts-Entscheidungen getroffen werden. Dabei ist die Sicherung der Qualität ein großes Thema.

STANDARD: Apropos Qualität: Griechenland ist mit falschen Daten in den Euroraum gekommen. Wäre das heute noch möglich?

Schubert: Die griechischen Statistiken sind heute so gut geprüft wie nie zuvor.

STANDARD: War damals das Vertrauen in die gemeldeten Zahlen zu groß?

Schubert: Für eine gute Statistik brauche ich gute Primärdaten, unabhängige, kompetente Statistiker und Institutionen, die diese Daten nach Luxemburg oder Frankfurt melden. Es muss alles zusammenpassen. Bei Griechenland hat es an mehreren Fronten nicht gepasst.

STANDARD: Was passiert, wenn gemeldete Daten unstimmig sind?

Schubert: Es gibt Qualitätskontrollen, von der Plausibilitätsprüfung bis zu den inhaltlichen Kontrollen, wenn Entwicklungen nicht mit den vorherigen oder denen in anderen Ländern übereinstimmen. Dann gibt es Rücksprachen mit den nationalen Notenbanken.

STANDARD: Wie legt ein EZB-Statistiker sein Geld an?

Schubert: Er baut sein Haus um. Wir haben strikte Compliance-Regeln einzuhalten, viele Geldanlagen sind uns also nicht erlaubt. (Alexander Hahn, 19.11.2016)

Aurel Schubert ist seit 2010 Statistikdirektor der EZB. Das Gespräch fand im Rahmen einer Investorenkonferenz von Merito Financial Solutions statt.

  • Schubert: Ohne solide Datenbasis können keine guten Entscheidungen getroffen werden.
    foto: apa/hochmuth

    Schubert: Ohne solide Datenbasis können keine guten Entscheidungen getroffen werden.

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