Das ist keine Überschrift

Kolumne16. November 2016, 17:00
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Dieser Text ist nie erschienen

Auf der Suche nach Erklärungen für das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl kann sich ein Blick ins Archiv lohnen. Konkret in die Ausgabe des Kurier vom 3. November 2006. Dort findet sich folgende Meldung:

"Aus Protest gegen ihren Bürgermeister haben die Bewohner von Müsküle im Nordwesten der Türkei absichtlich vier als Dorftrottel verschriene Männer in den Gemeinderat gewählt. Die Neo-Politiker sind begeistert, aber heillos überfordert. Der Bürgermeister unternahm angesichts der Schmach einen Selbstmordversuch – schoss sich aber nur in den Arm."

Dazu muss man lediglich anmerken, dass die gedemütigten Demokraten sich nicht nach der Wahl in den Arm, sondern schon vorher mit der Festlegung auf Clinton ins Knie geschossen haben. Ansonsten trifft die Geschichte den Kern der Sache punktgenau, der da lautet: Protest ist Protest ist Protest.

Wer seine Wahlentscheidung konsequent nach diesem Prinzip ausrichtet, dem ist es letztlich vollkommen wurscht, ob er dafür seine Stimme Beppe Grillo, Frauke Petry, Norbert Hofer, Donald Trump, Kim Kardashian, Long Dong Silver, Bernie Madoff, Felix Baumgartner, dem Hustinettenbären oder einer alten Campingliege gibt.

Zu dieser Einsicht hat sich faszinierenderweise sogar Donald Trump selbst durchgerungen, als er feststellte: "Ich könnte mitten auf der 5th Avenue stehen und jemanden erschießen und würde keinen Wähler verlieren."

Das Motto "anything goes" gilt hier also wirklich für "anything", und das wiederum erklärt die Begeisterung über Trumps Sieg bei Leuten wie Heinz-Christian Strache. Jahrelang musste er sich anhören, eine nicht nur beim Sprach- und Stimmgebrauch misslungene Haider-Kopie zu sein, die versucht, ohne Talent, Intelligenz und Charisma des Originals durchzukommen. Nun kann er diesen Kritikern ein herzhaftes "Wer lasst fragen?" entgegenschmettern.

Sein neu gewonnenes Selbstbewusstsein äußerte sich bereits am vergangenen Wochenende in einem Facebook-Eintrag des FPÖ-Obmanns, in dem er sich vorgeblich auf Trump bezieht, offensichtlich aber einen Frontalangriff auf den parteiinternen Rivalen Norbert Hofer reitet, dem Strache mit folgenden Worten in den Rücken fällt: "Wie wäre es, wenn man einfach ein demokratisches Wahlergebnis und den Willen der Wähler einmal respektiert und als Unterlegener auch akzeptiert, verloren zu haben."

Der parteiinterne Machtkampf ist also eröffnet. Falls Strache sich auch dabei an Trump orientiert, werden wir wohl bald hören, dass Hofer nicht in Österreich geboren wurde, den IS gegründet hat, wo er die Paraglider-Selbstmord-Schwadronen kommandiert hat, und eigentlich ins Gefängnis gehört.

Denn wenn uns der amerikanische Wahlsieg des psychopathischen Bankrotteurs etwas gelehrt hat, dann ist es die Falsifikation der These, dass Lügen ab einem gewissen Absurditätsgrad von niemandem mehr geglaubt werden.

Und deshalb: Sollte Ihnen dieser Text nicht gefallen haben, gibt es eine gute Nachricht für Sie: Er ist nämlich nie erschienen. Ich habe ihn nie geschrieben. Es gibt ihn gar nicht. Und dafür gibt es Beweise: Diese Kolumne hat nicht nur keine Überschrift, sondern auch kein Ende und hört deshalb niemals auf! (Florian Scheuba, 16.11.2016)

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