Bildungspsychologin: Neues Wissen muss genützt werden können

Interview17. November 2016, 08:00
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Verbesserungsmöglichkeiten bei der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik sieht Christiane Spiel auf beiden Seiten

STANDARD: Der Transfer wissenschaftlicher Ergebnisse zu Politik und Praxis ist Ihnen ein großes Anliegen. Wie schwierig ist das?

Spiel: Ich halte den Transfer aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen für sehr wichtig. Für die erfolgreiche Realisierung fehlen jedoch noch die Rahmenbedingungen. Das liegt auch an den Anerkennungsparametern der Wissenschaft, bei denen es hauptsächlich darum geht, in welchem Fachjournal Erkenntnisse publiziert werden. Die Personen, die diese Erkenntnisse eigentlich brauchen könnten, werden damit aber nicht erreicht. Auch deshalb nicht, weil die Ergebnisse in einer Sprache geschrieben sind, die sich an ein wissenschaftliches Fachpublikum richtet. Es braucht daher eine Übersetzungsleistung. Da haben wir nicht nur im Bildungsbereich große Defizite.

STANDARD: Ist das der Auftrag an die Wissenschaft, ihre Erkenntnisse und Ergebnisse alltagstauglicher zu formulieren?

Spiel: Es geht weniger darum, dass Wissenschafter ihre Sprache anpassen, sondern viel mehr darum, dass dieser Transfer als "third mission" der Universitäten – neben Forschung und Lehre – verstanden und systematisch umgesetzt wird. Die Wissenschaft produziert nicht nur neues Wissen, sie sollte sich auch daran beteiligen, dass dieses Wissen genutzt werden kann – auch im Sinne einer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Das heißt aber nicht, dass alle Wissenschafter auch den Transfer machen müssen; wir brauchen auch die reine Grundlagenforschung. Die Third Mission sollte jedoch ganz bewusst als dritte Aufgabe der Universitäten verstanden und Transferaktivitäten anerkannt werden.

STANDARD: Stichwort Bildungsreform – wie hat hier die Zusammenarbeit mit der Politik funktioniert, wie weit finden sich aktuelle Erkenntnisse wieder?

Spiel: Wir haben generell eine Bewegung in Richtung "evidence-based policy" – sprich: dass Erkenntnisse der Wissenschaft anerkannt und Entscheidungen nicht rein ideologisch getroffen werden. Und wenn ich mir anschaue, welche Reformen das Bildungsministerium nun vorgeschlagen hat, passt das auch gut zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wir haben aber zwei Problembereiche. Zum einen kann vieles, was wir aus der Forschung wissen – wie Bildungsmotivation und selbstreguliertes Arbeiten gefördert werden kann, wie man unterstützendes Feedback gibt -, nicht in ein Gesetz gegossen werden. Der andere Problembereich ist die Implementierung, also wie ich von einer forschungsbasierten Entscheidung dazu komme, dass diese auch flächendeckend umgesetzt wird. Der Implementierung wird häufig zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Oft werden Maßnahmen in Pilotprojekten erprobt und dann als Gesetz beschlossen; und das war es dann. Ein Strategiekonzept zur flächendeckenden Implementierung fehlt jedoch.

STANDARD: Ist das für eine Forscherin nicht sehr frustrierend?

Spiel: Ich bin keine Politikerin. Als Wissenschafterin kann ich nur Erkenntnisse präsentieren, entscheiden muss dann die Politik, das muss man akzeptieren; sonst wird man wirklich frustriert. Zumeist braucht es ja das Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Praxis. Jedes dieser Felder folgt seiner eigenen Logik. Hier ein Verständnis füreinander zu entwickeln und über die Logiken der verschiedenen Bereiche zu lernen erleichtert dann auch die Kooperation.

STANDARD: Trotzdem funktioniert es nicht immer optimal. Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Spiel: Ein Problem, das ich in letzter Zeit schon ein paar Mal erlebt habe, ist, dass durch den Wechsel von Ministern oft auch viel Wissen verlorengeht. Wir haben zum Beispiel bereits unter Bildungsministerin Claudia Schmied an einer nationalen Strategie zur Gewaltprävention an Schulen gearbeitet. Es wurden unter anderem Präventionsprogramme für Kindergärten und Schulen finanziert und auch evaluiert. Dann wurde Gabriele Heinisch-Hosek Bildungsministerin und hat aufgrund der Widmung des Ministeriums den Fokus auf Gewaltprävention in der Familie gelegt, und die nationale Strategie an Schulen wurde zurückgefahren. Damit blieb ein riesiger Wissensschatz ungenützt. Es wäre wünschenswert, dass stärker darauf geachtet wird, was man vom Vorgänger mitnehmen kann. Denn oft fängt man dann später mit etwas Ähnlichem an, weil es wieder brennend geworden ist. Dabei könnten bereits aufgebautes Know-how und Erfahrung genutzt werden. Besonders schade ist das im Bildungsbereich, weil es hier ohnehin sehr lange dauert, bis Maßnahmen ihre Wirkung zeigen. (Gudrun Ostermann, 17.11.2016)

  • Christiane Spiel (1951) leitet das Institut für Angewandte Psychologie an der Universität Wien. Ihr wurde am Dienstag das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse verliehen.

    Christiane Spiel (1951) leitet das Institut für Angewandte Psychologie an der Universität Wien. Ihr wurde am Dienstag das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse verliehen.

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