Diplomatische Kaderschmiede nach Trump-Sieg geschockt

Reportage17. November 2016, 14:07
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Viele Studenten in Georgetown zweifeln nun an einer Karriere im öffentlichen Dienst. Dabei ist die Uni für ihre Politikstudien bekannt

Es ist Mittwochvormittag am Unicampus in Georgetown, D.C., Studenten eilen mit ihren Büchern zum Unterricht. Reger Betrieb, und doch ist heute etwas anders. Der Lautstärkeregler wurde auf stumm geschalten. Keine enthusiastischen Begrüßungen mit dem obligatorischen "How are you?". Stattdessen bleiche, apathische und verheulte Gesichter, wohin man blickt. Stille. Georgetown befindet sich in Schockstarre nach dem Wahlsieg von Donald Trump.

Das Wahlergebnis hat im traditionell demokratischen Washington alle auf dem falschen Fuß erwischt. Wie abgeschottet vom Rest des Landes die Polithauptstadt ist, wird in der Wahlnacht klar. 93 Prozent haben Hillary Clinton gewählt, ein Ergebnis, wie es sich jeder autoritäre Staatschef wünschen würde. Joel Hellman, Dekan der School of Foreign Service, weiß nur von drei Studenten, die sich im Wahlkampf als Trump-Unterstützer offenbart haben.

Ausnahme-Uni

Auf dem Gang flüstern sich College-Studierende zu, dass der Spanischunterricht gerade vorzeitig abgebrochen wurde. Eine Lehrerin mit Familienmitgliedern ohne legale Aufenthaltsberechtigung sei vor der Klasse in Tränen ausgebrochen und sah sich nicht mehr imstande fortzufahren. Im Spanisch-Department herrsche Ausnahmezustand. Denn Georgetown hat als eine der wenigen US-Unis ein Stipendienprogramm eingerichtet, das sich speziell an junge Menschen richtet, die ohne Papiere in den Staaten aufgewachsen sind. Menschen, die – glaubt man den Worten von Trump – alsbald abgeschoben werden sollen.

Bei der Mehrheit der Studierenden in Georgetown löst Trump keine Existenzängste aus, sie zählen zu privilegierten Schichten. Dennoch hat die Wahl für viele persönliche Konsequenzen – ihre Karriere betreffend. Georgetown ist für seine Politikstudiengänge bekannt. Viele gehen in den öffentlichen Dienst, die Alumni der School of Foreign Service machen einen signifikanten Anteil im US-Außenministerium aus.

Wirtschaft statt Ministerium

Nach der Wahl stellt sich daher die Frage: Was nun? Unter Trump arbeiten, auch wenn man mit der Politik nicht einverstanden ist? Privatwirtschaft statt Ministerium? Kommentare von US-Beamten, die sich die Frage schon vor der Wahl gestellt haben, werden diskutiert. Offene Briefe, die sich an den zukünftigen Präsidenten richten, werden aufgesetzt.

Die meisten College-Studierenden haben noch die freie Berufswahl, John hingegen studiert mit einem Stipendium, das vom US-Außenministerium gesponsert ist. Sein Weg in den diplomatischen Dienst ist vorgezeichnet. Eine Umkehr kann er sich nicht mehr leisten, sagt der Afroamerikaner: "Würde ich mein Stipendium aufgeben, müsste ich die Studiengebühren zurückzahlen." Auch seine Kollegen mit lateinamerikanischen, arabischen und asiatischen Wurzeln würden derzeit große Zweifel plagen, ob sie einen Eid für einen Präsidenten ablegen können, der immer wieder mit rassistischen Aussagen aufgefallen ist. John ist optimistisch, dass er die vier Jahre durchtauchen kann.

Distanzierung als Gefahr

Tony Arend, Studiengangsleiter in Georgetown, sieht die Gefahr vor allem darin, dass sich renommierte Außenpolitikexperten schon im Vorfeld öffentlich von Trump distanziert haben. "Er wird Schwierigkeiten haben, ausreichend qualifiziertes Personal für die wichtigsten Posten zu finden. Es wird wohl die zweite und dritte Reihe zum Zug kommen. Im Hinblick auf die außenpolitischen Herausforderungen und den allgemeinen Zustand der Welt ist das gefährlich und unverantwortlich", sagt Arend. Den Wunsch, für die Regierung zu arbeiten, solle man jedenfalls nicht aufgeben, sagt Professor Daniel Byman. Sein Argument: Gerade mit einem Präsidenten Trump brauche es einen starken öffentlichen Dienst als Korrektiv. Allerdings rät auch er, sich zu überlegen, wann eine Kündigung unausweichlich sei.

Den Posten im diplomatischen Dienst wird Will, der im Mai sein Studium abgeschlossen hat, bald antreten. Ausgerechnet in Mexiko. "Im ersten Moment, als mir klar wurde, unter welchem Präsidenten ich dienen werde, ist mir alles hinuntergefallen. Aber ich nehme die Herausforderung an", sagt er, der bis vor kurzem mit seiner Kritik an Trump nicht hinter dem Berg gehalten hat. Die ersten zwei Jahre werde er nur konsularische Tätigkeiten ausüben, ob Trump danach noch im Amt sei, das werde man dann erst sehen. (Teresa Eder, 17.11.2016)

  • Versammlung von Studenten auf dem Unicampus in Georgetown, wo man einander nach dem Wahlergebnis Trost spendet. Der Schock sitzt an der Uni, die als Hochburg der Demokraten gilt, besonders tief.
    foto: elizabeth humphrey

    Versammlung von Studenten auf dem Unicampus in Georgetown, wo man einander nach dem Wahlergebnis Trost spendet. Der Schock sitzt an der Uni, die als Hochburg der Demokraten gilt, besonders tief.

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