Experte an der ersten Bar

Interview17. November 2016, 10:48
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Musik, Fußball, Bier. Das Wiener Chelsea gehörte zu den ersten Lokalen, die internationale Ligen übertrugen. Eigentümer Othmar Bajlicz im Gespräch

Eineinhalb Stunden vor Beginn des Champions-League-Abends erwacht das Chelsea langsam aus seiner Lethargie. Zwar ist erst ein Tisch des Lokals besetzt und der Chef noch nicht da, das Personal weiß aber, was zu tun ist. Zu Hardcore-Riffs aus den Boxen werden die Kühlschränke mit Flaschenbier gefüllt, auf der Bühne im hinteren Raum absolvieren die "Ramonas" ihren Soundcheck zum Konkurrenzprogramm zur Hochglanzfußballübertragung. Mit ein bisschen Verspätung betritt Othmar Bajlicz sein Lokal, schaut kurz nach dem Rechten und bittet uns dann zum ballesterer-Interview an die Bar, hinter der die Fotos aus seiner aktiven Kickerzeit langsam vergilben.

ballesterer: Seit wann zeigt das Chelsea Fußballspiele?

Othmar Bajlicz: Die großen Turniere haben wir schon im alten Chelsea auf einem kleinen Fernseher übertragen. Unten waren die Konzerte und die DJs, oben eine Bar, an der wir die Welt- und Europameisterschaften gezeigt haben. Der Raum war dann aber mit 20, 30 Leuten voll. Mit der Übersiedlung 1995 haben wir mit der Premier League angefangen. Das war die erste Meisterschaft, die wir regelmäßig gezeigt haben. Natürlich noch nicht in dem Umfang wie heute.

Was waren die Gründe, Fußball im Lokal zu zeigen?

Bajlicz: Da spielen mehrere Dinge rein. Ich war selbst Fußballer und bin seit meinem sechsten Lebensjahr Fan. Ich habe viele Stammgäste, denen das auch immer getaugt hat. Und dann gibt es noch ein paar Kellner, die das gerne machen. Fußball ist ein zweites Standbein vom Chelsea. Selbst wenn zu einem Spiel mal nur zwei Leute kommen, bringe ich es.

1995 hat es noch kein Pay-TV in Österreich gegeben. Wie hat das mit der Übertragung der Premier League funktioniert?

Bajlicz: Ich habe mir über eine Ex-Freundin, die nach London geheiratet hat, eine Karte besorgt. Früher ist das nur so gegangen. Du hast jemanden gebraucht, der in dem jeweiligen Land lebt, die Karte kauft und mit der Post rüberschickt.

Waren Sie der Erste, der die Premier League in Wien gezeigt hat?

Bajlicz: Wir waren sicher unter den Ersten. Ich weiß nicht, wie viele Pubs es damals in Wien schon gegeben hat. Viele waren es nicht. Dann hat es sich herumgesprochen, und es sind immer mehr Leute gekommen. Als ich gemerkt habe, dass es funktioniert, habe ich mir ein Sky-Abo nach dem anderen besorgt. Zuerst England, dann Deutschland, dann habe ich einen albanischen Sender gefunden, der internationale Ligen überträgt. Den Sender habe ich immer noch. Über den Bruder eines italienischen Stammgasts habe ich mir Sky Italia besorgt. Ich hatte auch einmal einen ungarischen Sender, der hat aber nur wenig gezeigt. Den habe ich dann durch einen polnischen ersetzt. Also heute kann ich rundum übertragen.

Zieht die Premier League die meisten Gäste ins Chelsea?

Bajlicz: Nein. Seitdem es in Wien so viele deutsche Studenten gibt, ist es die deutsche Bundesliga. Es gibt einen Stamm von Bayern- und Dortmund-Fans, die regelmäßig kommen. Das bestbesuchte Spiel im Jahr ist sicher der Clasico zwischen Barcelona und Real. Auf Platz zwei folgt dann Bayern gegen Dortmund und auf dem dritten Manchester United gegen Liverpool. Also abgesehen von den österreichischen Länderspielen, wenn das Schlagerspiele sind.

Blutet Ihnen das Herz, wenn die deutsche Liga der Premier League den Rang abläuft?

Bajlicz: Nein, es ist, wie es ist. Ich sehe es auch als Geschäftsmann, ich muss die sechs Abos ja schließlich bezahlen. Das deutsche ist für Lokale sehr teuer. Dafür brauche ich natürlich Frequenz. Außerdem ist die deutsche Liga nicht unsympathisch. Borussia Dortmund und Bayern München spielen einen super Fußball, und auch andere Mannschaften kann man sich ohne Weiteres anschauen.

Österreichische Bundesliga läuft selten im Chelsea, gibt es da keine Interessenten?

Bajlicz: Es gibt wirklich wenige Interessenten. Ich zeige jedes Rapid-Match, da kommen aber auch wenige Leute. Wenn ich Sturm zeige, kommen immer die drei, vier selben, die in Wien studieren. Aber klar, wer soll sich Altach gegen den WAC anschauen? Das nehme ich gar nicht ins Programm.

Wie läuft denn die Programmplanung ab?

Bajlicz: Ich mache den Plan selbst, ich kenne das Lokal und die Fangruppen ja am besten. Ich zeige zum Beispiel jedes HSV-Match, weil es da Leute gibt, die immer kommen und auch ordentlich trinken – jeder drei, vier Bier. Egal, wie ihr Team spielt. Ich übertrage die Spiele der großen englischen Mannschaften: Manchester United, Chelsea, Liverpool und Arsenal. Dann immer Bayern, Dortmund und Barcelona. Und Juventus, einem alten Stammgast zuliebe. Atletico brauche ich aber nicht zeigen, egal, wie gut die spielen. Da kommt keiner.

Wie viele Gäste brauchen Sie, damit sich eine Übertragung überhaupt lohnt?

Bajlicz: Ich habe mir das nie ausgerechnet, aber ich sehe, dass es funktioniert. Wie viel Prozent vom Umsatz der Fußball ausmacht, weiß ich nicht, weil wir alle Bereiche gemeinsam berechnen. Wenn wir am Nachmittag übertragen, haben wir aber einen Fußballkellner, der mit einer eigenen Rechnung abschließt. Daran sehe ich, dass die Umsätze nicht schlecht sind. Und mir macht es immer noch Freude, reinzukommen und den englischen Kommentator zu hören oder die Vorberichte zu Chelsea zu sehen. Das macht das Lokal auch internationaler.

Im Internet gibt es immer mehr, auch legale, Streamingdienste. Spüren Sie diese Konkurrenz?

Bajlicz: Nicht wirklich. Es gibt ja jetzt diesen neuen Anbieter, dazn, um 10 Euro im Monat. Da habe ich aber gehört, dass der bei Topspielen überlastet ist und nicht wirklich funktioniert. So etwas könnte ich mir nicht erlauben. Ich merke aber definitiv, dass plötzlich jeder die Großturniere überträgt. Seit der EM 2008 machen das alle. Im Sommer hat es ja keine Pizzeria und kein Café mehr gegeben, das keine Fernseher aufgehängt hat. Auch Lokale, die mit Fußball absolut nichts am Hut haben. Ich möchte in so einem Lokal nicht schauen – mit Leuten, die sich nur alle vier Jahre für Fußball interessieren.

Also ist es die Stimmung, die Fußball in einem Lokal ausmacht?

Bajlicz: Die fachlichen Kommentare, definitiv. Ich sitze immer an der ersten Bar, da kommt man automatisch ins Fachsimpeln. Im WUK oder so sind dann die Leute, die in ihrem Leben noch nie auf einem Fußballplatz waren. Das kann es ja nicht sein.

Glauben Sie, dass die Leute kommen, weil Sie früher Profi waren?

Bajlicz: Nein, auf gar keinen Fall. Man sagt ja, dass Österreich acht Millionen Teamchefs hat. Da freut sich jeder, wenn er mir widersprechen kann.

Sie sind also nicht der Herbert Prohaska des Chelsea?

Bajlicz: Nein, dem Prohaska widerspricht ja niemand. Der redet in eine Kamera. Außerdem, wenn neben mir als Chelsea-Fan ein Arsenal-Anhänger sitzt und es um eine strittige Situation geht, ist ja klar, dass wir das anders beurteilen.

Haben Sie neben Chelsea noch weitere Favoriten?

Bajlicz: Nein, aber ich besuche alle Vereine in England gerne. Ich war in Liverpool, Manchester, Newcastle, Southampton. Mein erstes Match dort habe ich in den 1970er Jahren gesehen. Das war Arsenal an einem 1. Jänner. Damals sind ins Highbury noch 65.000 Leute gegangen, 70 Prozent waren Stehplätze. Mit den Sitzplätzen waren es plötzlich nur noch 40.000.

Passt die Premier League mit ihrem Glamourimage überhaupt noch in ein Lokal wie das Chelsea?

Bajlicz: Wenn man genauer darüber nachdenken würde, könnte man mit Fußball ja gar nichts mehr machen. Die Diskussion würde bei den Transfersummen anfangen und nicht mehr aufhören. Alles ist viel kommerzialisierter geworden. Das heißt aber nicht, dass jetzt plötzlich alle Fußball schauen, im Grunde sind es immer noch die Gleichen, die kommen.

Unterscheidet sich das Fußballpublikum von den restlichen Gästen im Chelsea?

Bajlicz: Ja, schon. Es kommen auch ältere Fans, Leute, die mit dem Rest gar nichts zu tun haben. Vor allem bei Spielen am Nachmittag. Bei manchen überschneidet sich das natürlich, Musik und Fußball, aber im Endeffekt sind es schon zwei verschiedene Gästegruppen. So soll es auch sein.

Gibt es Bands, die schon früher gekommen sind, um sich noch ein Spiel anzusehen?

Bajlicz: Der Damon Albarn, der Sänger von "Blur", ist einmal unangekündigt aufgetaucht. Die haben zwar nicht bei mir, sondern im Gasometer gespielt, aber er ist für das Vier-Uhr-Spiel von Chelsea hergekommen. Danach ist er mit seiner Entourage zum Soundcheck zurückgefahren.

Haben Sie auch mit ihm gesprochen?

Bajlicz: Nein, ich habe mich nicht getraut. Ich wollte mich nicht aufdrängen. Außerdem war das ein Sonntag, vermutlich war ich also noch vom Vorabend verkatert, weil ich damals auch noch selber aufgelegt habe. Aber was man so hört, muss er ein echter Fan sein.

Und Ihr persönliches Highlight war der Abend, als Chelsea 2012 die Champions League gewonnen hat?

Bajlicz: Nein, da gibt es viele. Ich bin ja schon abgebrüht. Es hat sicherlich bessere Spiele gegeben als das Finale in München. (Michael Graswald & Reinhard Krennhuber, 17.11.2016)

Othmar Bajlicz (64) brachte es auf mehr als 160 Einsätze in der höchsten Spielklasse. Der Mittelfeldspieler stand beim SC Eisenstadt, VÖEST Linz und Wacker Innsbruck unter Vertrag, mit den Tirolern gewann er 1975 den Meistertitel. Nach seiner aktiven Karriere eröffnete er 1986 das Chelsea, seit 1995 ist das Lokal am Lerchenfelder Gürtel in Wien beheimatet.

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    foto: daniel shaked/ballesterer

    Othmar Bajlicz: "Der Damon Albarn, der Sänger von "Blur", ist einmal unangekündigt aufgetaucht. Die haben zwar nicht bei mir, sondern im Gasometer gespielt, aber er ist für das Vier-Uhr-Spiel von Chelsea hergekommen. Danach ist er mit seiner Entourage zum Soundcheck zurückgefahren."

  • Rollt im Chelsea der Ball auf den zahlreichen Monitoren und Großbildleinwänden, dann ist an der Bar meist wesentlich mehr los als zu diesem Zeitpunkt.
    foto: daniel shaked/ballesterer

    Rollt im Chelsea der Ball auf den zahlreichen Monitoren und Großbildleinwänden, dann ist an der Bar meist wesentlich mehr los als zu diesem Zeitpunkt.

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