Mädchen und Technik: Auf der Suche nach Rolemodels

16. November 2016, 17:59
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Spielerisch Vorurteile abzubauen und Mädchen für technische Berufe zu begeistern ist das Ziel des EU-Projekts Hypatia

"Soziologie, das klingt so nach sozial", sagt ein 15-Jähriger auf die Frage, warum er das Kärtchen mit der Aufschrift "Soziologie" dem Bereich "weiblich" zugeordnet hat. Jeweils zwei SchülerInnen spielen ein Assoziationsspiel zu den Begriffen "Natur- und Geisteswissenschaften" sowie den möglichen Zuordnungen männlich oder weiblich. "Sie machen das um die Wette", erklärt Anna Frühwirth, die die Station "Wissen-Macht-Geschlecht" beim 1. Internationalen Science Center and Museum Day im Naturhistorischen Museum in Wien betreut, "damit sie das möglichst intuitiv tun, ohne viel nachzudenken. Im Anschluss sprechen wir darüber."

Frühwirth ist selbst Studentin der Technischen Chemie an der TU Wien und hatte in ihrem Studium bisher noch nie Probleme mit geschlechtsbezogenen Vorurteilen. "Zu meiner Studienwahl hat mich mein Chemieprofessor gebracht, der mich sehr motiviert hat", erzählt sie. Vorbilder in der Familie habe es nicht gegeben. Das sei auch bei den meisten Schülerinnen so, mit denen sie beim Science Day gesprochen habe. "Ein einziger hatte eine Automechanikerin in der Familie." Wenn die Rolemodels im familiären Umfeld fehlen, seien Lehrerinnen in technischen Fächern oft die einzigen Wegweiserinnen zur Erkenntnis, dass auch Frauen in technischen Berufen reüssieren können.

Rolemodel-Memory

Deswegen ist das zweite Spiel an dem Infostand ein Wissenschafterinnen-Memory: Die Kärtchen erinnern zum Beispiel an Walentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltraum, oder an die Physikerin Chien-Shiung Wu. Die chinesisch-amerikanische Wissenschafterin war am Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe beteiligt, nach ihr ist das bahnbrechende "Wu-Experiment" benannt. Den Nobelpreis für Physik bekamen 1957 aber männliche Kollegen. Ähnlich erging es Rosalind Franklin: Ihre Röntgendiffraktionsbilder waren die Grundlage zur Erforschung der Doppelhelixstruktur der DNA, den Nobelpreis dafür erhielten Watson und Crick.

17 Nachhaltigkeitsziele

Geschlechtergleichstellung zu erreichen und alle Mädchen und Frauen zur Selbstbestimmung zu befähigen ist eines der 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen. Unter dem Motto "In 17 Zielen um die Welt" präsentierten die PartnerInnen des Science-Center-Netzwerks im Naturhistorischen Museum 17 Stationen zu diesen Zielen, "Wissen-Macht-Geschlecht" war eine davon und eine Einstimmung auf das EU-Projekt Hypatia, das Mädchen für die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) begeistern soll.

Hypatia liefert Werkzeuge

"Unsere Zielgruppe sind Mädchen im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren", erklärt Projektleiterin Sarah Funk – um die Mädchen "in einer Phase zu erwischen, wo sie Entscheidungen in Richtung Berufswahl treffen". Hypatia – die Namensgeberin war eine spätantike Mathematikerin und Astronomin – ist ein EU-übergreifendes Projekt und umfasst 15 Länder und 18 ProjektpartnerInnen. Bis 2018 stehen dafür 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Die Mädchen will man erreichen, indem Schulen, Museen und IndustriepartnerInnen "Toolkits" zur Verfügung gestellt werden. Teil dieser Toolkits, also Werkzeuge, sind Aktivitäten wie die eingangs genannten, die einen spielerischen Zugang zum Thema ermöglichen.

"Ab Februar 2017 gibt es fünf Treffen mit ProjektpartnerInnen", erklärt Funk, "darunter Siemens, die OMV, femOVE – Frauen in der Elektronik", und viele mehr, zum Beispiel auch die Montanuniversität Leoben. Daneben wird es Lehrkräftefortbildungen für AHS und Neue Mittelschulen geben. "Wir sehen das als MultiplikatorInnenschulungen", sagt Funk, "wir erreichen vielleicht nur einige, aber die geben ihr Wissen weiter." Anna Frühwirth jedenfalls war mit den Toolkits am Science Day zufrieden: "Sie sind eine gute Diskussionsgrundlage. Mein Eindruck ist, dass auch bei den jungen Burschen die Vorurteile abnehmen. Die meisten sind ganz anders drauf als noch die Generation davor." (Tanja Paar, 16.11.2016)

  • Das EU-Projekt Hypatia soll Mädchen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik begeistern.
    foto: getty images/istockphoto/asiseeit

    Das EU-Projekt Hypatia soll Mädchen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik begeistern.

  • Hypatia von Alexandria (ca. 370–415) war eine bedeutende Naturwissenschafterin der Spätantike.
    foto: wikimedia commons

    Hypatia von Alexandria (ca. 370–415) war eine bedeutende Naturwissenschafterin der Spätantike.

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