Historiker: "Europas Wettbewerbsvorteil war die Gewalt"

16. November 2016, 13:47
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Die Händler der indischen Stadt Surat waren den Europäern lange Zeit überlegen, sagt der Historiker Sanjay Subrahmanyam.

STANDARD: Surat, eine Millionenstadt im heutigen nordwestindischen Bundesstaat Gujarat, war vom 16. bis zum 18. Jahrhundert nach ihrer Beschreibung eine weltoffene, tolerante und dynamische Handelsstadt. Das ist ein Bild, das man eher mit europäischen Handelsstädten assoziiert. Wie ähnlich war Surat etwa Amsterdam?

Subrahmanyam: Amsterdam gilt für diese Zeit als eine Art Messlatte. Dabei war die Offenheit dort eher beschränkt. Da waren nur Protestanten, einige Juden, kaum Katholiken und keine Muslime. Viele Städte im Indischen Ozean waren diverser und offener. In Surat konnte sich jeder niederlassen.

STANDARD: Hat diese Offenheit Surat auch wohlhabend gemacht?

Subrahmanyam: Steuern und Zölle waren niedrig. Das Mogulreich war vor allem am freien Handel mit Edelmetallen interessiert, die wurden gar nicht besteuert. Die Reichsten in Surat waren sicher so reich wie die Händler in Amsterdam. Es war eine ungleiche Gesellschaft, aber die Ungleichheit war nicht so groß wie heute.

STANDARD: Wie global war dieser Handel?

Subrahmanyam: Schiffe aus Surat segelten bis nach China und nach Ostafrika. Dass sie nicht nach Europa kamen, lag daran, dass die Europäer das nicht erlaubt haben. Sie verteidigten ihr Handelsmonopol rund um Afrika.

STANDARD: Und Kolonialreiche wollten die Moguln nicht errichten?

Subrahmanyam: Nein, das taten nur die Westeuropäer, das waren seltsame Menschen. Sonst hat niemand daran gedacht, in die Welt hinauszusegeln und und ferne Kolonie zu gründen. Erobert wurden nur angrenzende Gebiete.

STANDARD: Aber die chinesische Ming-Dynastie baute im 15. Jahrhundert riesige Flotten.

Subrahmanyam: Ja, aber sie haben ihre Schiffe nie für die Eroberung von Kolonien genutzt. Sie segelten bis nach Ostafrika, sie demonstrierten ihre Macht und forderten Tribut. Aber sie blieben nicht.

STANDARD: Aber auch muslimische Reiche wollten Macht und den Glauben überallhin tragen.

Subrahmanyam: Das war anders. Muslime eroberten Indien und ließen sich dann dort nieder. Die Europäer hatten das nie vor. Für sie blieb die Metropole immer anderswo, sie schickten nur temporäre Vertreter.

STANDARD: Wie erklärt sich dieser Unterschied?

Subrahmanyam: Die Europäer betonten den Unterschied zu den anderen viel mehr. Sie waren nicht bereit, Teil einer anderen Gesellschaften zu werden, zumindest nicht, wenn sie Macht hatten. Das war eine andere ganz Vorstellung eines Imperiums. Jeder kann Muslim werden, aber man konnte kein Europäer werden und kein Weißer, wenn man nicht weiß ist.

STANDARD: Surat wurde 1759 von der East India Company erobert. Wurde der Niedergang eher durch interne indische Konflikte oder durch externe Kräfte verursacht?

Subrahmanyam: Es war eine Kombination von Gründen. Im 18. Jahrhundert wurde die Verbindung zum Hinterland durch politische Instabilität gebrochen. Das ließ die Märkte schrumpfen. Und dann kam der Aufstieg des Hafens von Bombay durch die Briten.

STANDARD: In Europa, etwa in den Niederlanden, waren die Händler eine starke politische Kraft. Wie war das in Indien?

Subrahmanyam: Die Händler spielten in der regionalen Politik eine Rolle, aber nicht in der imperialen Politik. Das hängt auch mit der Größe eines Staates zusammen. Ein wichtiger Händler in Amsterdam war auch politisch einflussreich. Ein Händler in Surat oder in Kanton war weit weg vom politischen Zentrum. Selbst in einem Land wie Frankreich oder im Habsburgerreich war der Einfluss von Händlern beschränkt. Und Indien und China sind so groß wie ganz Europa. Es ist eines der Momente in der Geschichte, in denen Größe ein Nachteil war. Kleine Staaten mit starkem Händlereinfluss waren im Vorteil.

STANDARD: Welche Rolle spielt diese Geschichtsperiode in der heutigen indischen Politik?

Subrahmanyam: Eine umstrittene. Die Regierungspartei BJP verfolgt einen Hindu-Nationalismus und schätzt die muslimische Herrschaft nicht. Heute wird die Mogulära daher meist als dunkle Zeit der Unterdrückung beschrieben. Das sehe ich gar nicht so.

STANDARD: Und andere politische Kräfte, wie die Kongress-Partei?

Subrahmanyam: Ihr Bild vom Mogulreich ist auch seltsam. Sie betont deren Stärke und Macht und interessierte sich nicht für autonome Städte. Alles Positive wird dem Staat zugeschrieben. Mich interessiert hingegen nicht die staatliche Macht, sondern die Lebendigkeit sozialer Kräfte in einer Hafenstadt wie Surat. Dafür war der Staat nicht verantwortlich.

STANDARD: Steckt darin eine Botschaft für das heutige Indien?

Subrahmanyam: Ja. In Indien fehlt das Verständnis für die unternehmerische Tradition. Man glaubt, man habe den Markt erst vor kurzem entdeckt. Das ist ein falscher Mythos, den die Inder über sich erfunden haben. Der Markt hat früher eine wichtige Rolle gespielt. Ich zitiere gerne aus einem Brief eines florentinischen Händlers aus der Strozzi-Familie, der im frühen 16. Jahrhundert nach Indien kam, die Händler vergleicht und sagt: Sie lachen über uns. Diese Menschen können besser kopfrechnen als wir mit einem Abakus. Ihre Handelstechniken sind viel besser als unsere. Wir Florentiner glauben, wir sind die Klügsten, aber hier schauen wir nicht so klug aus. Aber wenn man heute indische Intellektuelle fragt, ob es etwa im 16. Jahrhundert eine große Handelskultur gab, dann streiten sie das ab.

STANDARD: Kann man sagen, Kapitalismus wurde in Indien erfunden?

Subrahmanyam: Nicht ganz. Das Gleiche gilt für die Handelsstädte in China oder für Kairo. Das ist kein indisches Phänomen.

STANDARD: Und warum haben dann die Europäer den Weltmarkt erobert?

Subrahmanyam: Weil die Europäer es nicht beim Handel belassen haben. Sie haben ihn mit Gewalt kombiniert. Der größte Wettbewerbsvorteil der Europäer lag in der Produktion von Gewalt. Das war ihr großer Export. In den Dokumenten der Niederländer kann man nachlesen: Wir haben versucht, mit dem Iran zu handeln, aber die Inder sind uns überlegen. Was tut man dann? Man gebraucht Gewalt. Das war erfolgreich, aber auch sehr zerstörerisch.

STANDARD: Kann Indien an diese Tradition wieder anschließen?

Subrahmanyam: Ja, aber das geschieht derzeit nicht. Die Inder denken zu sehr in Großmachtkategorien, sie ziehen die falschen Schlüsse aus dem Erfolg der Europäer. So baut man eine große Kriegsflotte, ebenso wie die Chinesen. Es wäre besser, sich auf die lange Tradition großer Händler und Unternehmer zu besinnen. (Eric Frey, 16.11.2016)


Sanjay Subrahmanyam (55) ist Professor für Geschichte an der UCLA in Los Angeles. Er begann als Wirtschaftshistoriker in Neu-Delhi und ist heute einer der führenden Forscher über außereuropäische Sozialgeschichte in der frühen Neuzeit. Er hat den Begriff "connected history" geprägt. Subrahmanyam war kürzlich als Vortragender der JESHO-Lectures Series des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien.

  • Der indische Tophistoriker Sanjay Subrahmanyam.
    foto: bryn mawr college

    Der indische Tophistoriker Sanjay Subrahmanyam.

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