Zäher Sergej Karjakin hält die Burg, erneut Remis

Analyse mit Video16. November 2016, 06:53
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Weltmeister Carlsen vergibt zum zweiten Mal hintereinander einen gewinnbringenden Vorteil. Karjakin gelingt es im Endspiel, eine uneinnehmbare Festung zu errichten. Es steht 2:2

New York – Der Weltmeister schläft gerne. In mehreren Interviews hat Magnus Carlsen darauf hingewiesen, wie wichtig guter, langer Nachtschlaf für seine schachliche Leistungsfähigkeit ist. Frühes Aufstehen ist des Norwegers Sache nicht, auch vor Partien legt der Champ öfters noch ein kleines Nickerchen ein.

Ob Carlsen nach dem fast siebenstündigen Kampf vom Vortag, der für ihn mit einer herben Enttäuschung endete, ausreichend geschlafen hat, ist nicht überliefert. Sicher ist nur, dass er sich am Dienstag ausgangs der Eröffnung in den Ruheraum zurückzieht, um es sich dort auf dem Rücken liegend auf der Couch bequem zu machen, während Sergej Karjakin versucht, einen guten Zug zu finden. Schläft Carlsen während der Partie? Und, wenn ja: Ist das ein Zeichen von Erschöpfung oder Ausdruck weltmeisterlicher Tiefenentspannung trotz massiven Drucks?

Der Herausforderer hat jedenfalls keine Zeit, sich über derlei psychologische Spitzfindigkeiten den Kopf zu zerbrechen. Karjakin hat wieder 1.e4 gezogen, wieder steht – wie in seiner ersten Weißpartie – ein komplexer, geschlossener Spanier am Brett, wieder hat Carlsen auf die remisträchtige Berliner Verteidigung verzichtet. Und auch Karjakin scheint gewillt zu sein, auf den vollen Punkt loszugehen.

Damen bleiben zunächst am Brett

Im Gegensatz zu den bisherigen beiden Partien bleiben die Damen diesmal nämlich zumindest in der Eröffnung am Brett. Karjakin parkt die seinige im 15. Zug auf dem Feld f3, von wo aus sie ein gieriges Auge auf Carlsens Königsflügel wirft. Auch die beiden Läufer des Herausforderers haben offensichtlich dasselbe Ziel. Die taktischen Ideen sprießen. Wenn Carlsen jetzt die richtige Verteidigung verschläft, kann es mit jedem Zug vor seinem König einschlagen.

Und wenig später schlägt es tatsächlich ein. Nach langem Nachdenken bedient sich Karjakin im 18. Zug am Schutzwall vor dem schwarzen Monarchen und nimmt mit seinem Läufer den Bauern auf h6. Schlägt Carlsen zurück, dann hängt sein Springer, die weiße Dame könnte zugreifen und sich damit in unmittelbare Nachbarschaft von Carlsens entblößtem König begeben. Brennt jetzt der Hut?

Carlsen auf der Couch

Der Weltmeister scheint es nicht so zu sehen. Er hat soeben seine meditative Phase auf der Rückzugscouch beendet, kehrt ans Brett zurück und stellt gelassen ein paar Züge auf die Spielunterlage, die Karjakins aggressiven Plan infrage stellen. In gewisser Weise wiederholt sich damit ein Moment der dritten Partie vom Vortag: Als Karjakin da aktiv wurde und mit seinem Turm über die a-Linie in die weiße Stellung eindrang, verkehrte er bald darauf in erheblichen Schwierigkeiten, musste wenige Züge später einen Bauern geben.

Auch diesmal muss Karjakin zum Rückzug blasen. Zunächst tauscht er den anderen, weißfeldrigen Läufer gegen Carlsens aktiven Springer. Das hinterlässt hässliche weiße Felderschwächen im Lager des Russen. Dann muss er auch noch zulassen, dass Carlsen den wichtigen Zentralbauern auf e4 einstreicht und damit das materielle Gleichgewicht wiederherstellt.

Nach zwanzig Zügen lässt sich eine eindeutige Bilanz ziehen: Carlsen hat den Eröffnungskampf für sich entschieden, ab hier wird Karjakin ein weiteres Mal hart ums Remis zu kämpfen haben. Wohl kaum das, was er sich nach der gestrigen wundersamen Rettung für die heutige Partie vorgenommen hat.

Weltmeister im Vorteil

Nun, da er klaren Vorteil erlangt hat, tauscht Carlsen ein weiteres Mal die Damen und beendet damit jegliches Gegenspiel Karjakins, bevor es überhaupt begonnen hat. Karjakin drängt seine Figuren auf den ersten drei Reihen zusammen, versucht die Koordination herzustellen, seinen schwachen Bauern auf b2 zu decken und Carlsen kein Einfallstor für dessen aktive Figuren offen zu lassen. Vielleicht kann er überleben, einen wirklich aktiven Zug wird Sergej Karjakin an diesem Tag aber eher nicht mehr machen.

Obwohl der Weltmeister noch keinen Mehrbauern hat, verfügt er über soliden, dauerhaften Vorteil. Da ist erst einmal sein Raumvorteil im Zentrum, den er sichert, indem er seinem Bauern e5 einen starken Kollegen auf f5 zur Seite stellt. Gemeinsam lässt das Bauernpärchen den weißen Springern kaum mehr Felder übrig, die sie noch betreten könnten. Und da ist eine der Lieblingswaffen jedes starken Schachspielers: Carlsen verfügt über das Läuferpaar, das noch dazu ideal mit seinem Raumvorteil und der offenen Stellung harmoniert.

Defensivkünstler Karjakin

Aber wer die Partie am Montag verfolgt hat, wer Karjakin kennt, der weiß, dass es viel zu früh ist, ihn an dieser Stelle aufzugeben. Sein König wird hier nicht so bald Matt, er hat noch kein Material weniger – wie schlimm, so könnte man fragen, kann die Lage für einen Verteidigungskünstler wie ihn schon sein? Und wie frustriert wäre umgekehrt Carlsen, wenn er diese vor positionellen Trümpfen strotzende Stellung wieder nicht gewinnt?

Die letzte Frage erweist sich durchaus nicht als akademisch. Und die Duplizität der Ereignisse ist ausgesprochen erstaunlich: Gerade als Karjakin im Endspiel völlig überspielt und abgeschrieben scheint, als Carlsen zusätzlich zu seinem dominanten Läuferpaar auch noch die Möglichkeit erhält, am Königsflügel einen Freibauern zu bilden – da begeht der Weltmeister einen zunächst unmerklichen Fehler.

Errrichtung einer Festung

Großmeister Jan Nepomnjaschtschi ist der Erste, der via Chat auf der Webseite des Veranstalters darauf hinweist, dass Carlsen womöglich gerade den Sieg verschenkt hat. Mit seinem 45. Zug hat er es dem Herausforderer erlaubt, eine sogenannte Festung zu errichten. Soll heißen: Karjakin kann seinen Laden jetzt gerade so mit Hängen und Würgen zusammenhalten, Carlsen kann mit seinen überlegenen Figuren ganz einfach nirgendwo entscheidend eindringen.

Die mitrechnenden Computerprogramme, die von Festungen noch nie etwas gehört haben, spucken weiterhin locker zum Gewinn ausreichenden Vorteil für den Weltmeister aus. Und Carlsen wäre nicht Carlsen, würde er nicht noch buchstäblich mehrere Stunden lang weiterkurbeln in der Hoffnung, Karjakin möge ihm in der siebten Stunde vielleicht doch noch ein kleines Türchen zu seiner Burg öffnen.

Aber: Die Festung bleibt geschlossen. Im 94. (!) Zug stellt Carlsen seine Gewinnbemühungen entnervt ein. Die Enttäuschung dürfte beim Norweger diesmal noch größer sein als nach Runde drei. Nach dem vierten Remis steht es 2 zu 2.

Herausforderer wie Weltmeister können den Ruhetag, der nun folgt, gut und dringend gebrauchen. Ob Magnus Carlsen nach der zweiten verschenkten Großchance zu seinem guten weltmeisterlichen Schlaf kommt, darf bezweifelt werden.

Die fünfte Partie findet am Donnerstag statt, Carlsen führt die weißen Steine. (Anatol Vitouch, 16.11.2016)

Die Notation der vierten Partie:

Weiß: Sergej Karjakin (Russland)
Schwarz: Magnus Carlsen (Norwegen)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.O-O Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 O-O 8.h3 Lb7 9.d3 d6 10.a3 Dd7 11.Sbd2 Tfe8 12.c3 Lf8 13.Sf1 h6 14.Sh2 d5 15.Df3 Sa5 16.La2 dxe4 17.dxe4 Sc4 18.Lxh6 Dc6 19.Lxc4 bxc4 20.Le3 Sxe4 21.Sg3 Sd6 22.Tad1 Tab8 23.Lc1 f6 24.Dxc6 Lxc6 25.Sg4 Tb5 26.f3 f5 27.Sf2 Le7 28.f4 Lh4 29.fxe5 Lxg3 30.exd6 Txe1+ 31.Txe1 cxd6 32.Td1 Kf7 33.Td4 Te5 34.Kf1 Td5 35.Txd5 Lxd5 36.Lg5 Kg6 37.h4 Kh5 38.Sh3 Lf7 39.Le7 Lxh4 40.Lxd6 Ld8 41.Ke2 g5 42.Sf2 Kg6 43.g4 Lb6 44.Le5 a5 45.Sd1 f4 46.Ld4 Lc7 47.Sf2 Le6 48.Kf3 Ld5+ 49.Ke2 Lg2 50.Kd2 Kf7 51.Kc2 Ld5 52.Kd2 Ld8 53.Kc2 Ke6 54.Kd2 Kd7 55.Kc2 Kc6 56.Kd2 Kb5 57.Kc1 Ka4 58.Kc2 Lf7 59.Kc1 Lg6 60.Kd2 Kb3 61.Kc1 Ld3 62.Sh3 Ka2 63.Lc5 Le2 64.Sf2 Lf3 65.Kc2 Lc6 66.Ld4 Ld7 67.Lc5 Lc7 68.Ld4 Le6 69.Lc5 f3 70.Le3 Ld7 71.Kc1 Lf4 72.Lxf4 gxf4 73.Kc2 Le6 74.Kc1 Lc8 75.Kc2 Le6 76.Kc1 Lc8 77.Kc2 Le6 78.Kc1 Kb3 79.Kb1 Ka4 80.Kc2 Kb5 81.Kd2 Kc6 82.Ke1 Kd5 83.Kf1 Ke5 84.Kg1 Kf6 85.Se4+ Kg6 86.Kf2 Lxg4 87.Sd2 Le6 88.Kxf3 Kf5 89.a4 Ld5+ 90.Kf2 Kg4 91.Sf1 Kg5 92.Sd2 Kf5 93.Ke2 Kg4 94.Kf2

Damit steht es 2 zu 2.

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  • Herausforderer Sergej Karjakin (links) ging mit Weiß in die vierte Partie.
    foto: apa/ap/wenig

    Herausforderer Sergej Karjakin (links) ging mit Weiß in die vierte Partie.

  • Nach 20 Zügen: Titelverteidiger Magnus Carlsen hat zwei Läufer und die Initiative.
    grafik: jinchess.com

    Nach 20 Zügen: Titelverteidiger Magnus Carlsen hat zwei Läufer und die Initiative.

  • Nach 27 Zügen: Die Schwäche auf b2 sowie die starken Bauern auf e5 und f5 lähmen das weiße Spiel.
    grafik: jinchess.com

    Nach 27 Zügen: Die Schwäche auf b2 sowie die starken Bauern auf e5 und f5 lähmen das weiße Spiel.

  • Nach 45 Zügen: Carlsen zieht den f-Bauern vor, Karjakin errichtet eine Festung.
    grafik: jinchess.com

    Nach 45 Zügen: Carlsen zieht den f-Bauern vor, Karjakin errichtet eine Festung.

  • Die Schlussposition nach 94 Zügen: Nichts geht mehr, Remis.
    grafik: jinchess.com

    Die Schlussposition nach 94 Zügen: Nichts geht mehr, Remis.

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