Wunderpillen und Designergene für ein längeres Leben

26. Dezember 2016, 16:00
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Mit Genome-Editing, Organen aus dem Reagenzglas und Vitaminpillen wollen Wissenschafter zur Lebenszeitverlängerung beitragen

Wien – Eine Frau, die 1950 in Westeuropa geboren wurde, konnte mit einer Lebenserwartung von 67 Jahren rechnen. Eine 1980 geborene Frau konnte bereits auf 76 Jahre hoffen, Frauen Jahrgang 2010 auf 83 Jahre. Der rapide Anstieg der Lebenserwartung in den vergangenen Jahrzehnten hat vor allem mit einer höheren Lebensmittel- und Wasserqualität, Kanalisation und Infrastruktur zu tun sowie mit der medizinischen Versorgung.

Von jeher spielten wissenschaftliche Errungenschaften neben politischen Steuerungen und gesellschaftlichen Initiativen eine zentrale Rolle dabei, den Menschen zusätzliche Lebensjahre zu bescheren. Doch in Gesellschaften, in denen gewisse Hygiene- und Ernährungsstandards bereits durchgesetzt sind, ist jede zusätzliche Verlängerung der Lebenszeit fast ausschließlich auf wissenschaftliche Durchbrüche angewiesen.

Miniherz und Minihirn

An mehreren Fronten arbeiten Wissenschafter weltweit aktuell auf dem Gebiet der Langlebigkeitsforschung: Sogenannte antisenolytische Medikamente, die teilweise schon existieren, könnten die Lebenszeit verlängern. Körperbestandteile, die beschädigt sind, könnten durch Genome-Editing repariert oder ausgewechselt werden, die DNA könnte für Langlebigkeit optimiert werden.

Weiters boomt die Forschung im Bereich Gewebe- und Organzüchtung. Im wissenschaftlichen Jargon sind künstlich hergestellte Miniorgane als Organoide bekannt. Minihirne gibt es bereits, Miniherzen sind derzeit in Arbeit. Diese Organoide sind noch weit entfernt davon, die Aufgaben herkömmlicher Organe ohne Abstriche zu übernehmen. Vielmehr dienen diese biologischen Maschinen als Testfeld – und als Demonstration: Die Herstellung von Organen im Reagenzglas ist möglich und verbessert sich zunehmend.

Prozess des Alterns

Um die Durchschnittslebenserwartung zu erhöhen, lautet ein wichtiger Ansatz die Bekämpfung jener Krankheiten, denen das Gros der Menschen erliegt. Doch wie Berechnungen US-amerikanischer Forscher zeigten, würde die vollständige Eliminierung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nur ein Plus von 5,5 Jahren für die Durchschnittslebenserwartung in den USA bringen.

Die komplette Ausschaltung von Krebs würde sich mit 3,2 Jahre durchschnittlicher Lebenszeit auswirken. Dieser bescheidene Anstieg erklärt sich dadurch, dass Krankheiten zuschlagen, sobald Menschen altern, überspitzt ausgedrückt: Wenn einen die eine Krankheit nicht umbringt, wird es die nächste tun.

Warum es Forschern so schwer fällt, Durchbrüche in der Langlebigkeit zu erzielen, hat auch damit zu tun, dass der Prozess des Alterns eines der bisher am wenigsten verstandenen Phänomene der Biologie ist.

Ein Ansatz, um das Altern evolutionstheoretisch zu erklären, ist die sogenannte Disposable-Soma-Theorie von Thomas Kirkwood, auf Deutsch könnte man das Modell als Wegwerfkörper bezeichnen. Kirkwood geht davon aus, dass die Energieressourcen von Organismen begrenzt sind, folglich buhlen verschiedene Lebensabschnitte um möglichst viel Energie. Es gilt, Stoffwechsel, Reproduktion und die Instandhaltung des Körpers am Laufen zu halten. Nach Kirkwood hat der Körper zwei Möglichkeiten: Entweder er investiert in die Langlebigkeit (Soma) oder in die Reproduktion.

Energetisches Dilemma

Was der eine Prozess an Nährstoffen aufnimmt, steht dem anderen nicht mehr zur Verfügung. Wegen dieses Dilemmas investiert ein Organismus nach Kirkwoods Theorie nur so lange in das Soma, dass Überleben und Fortpflanzung gesichert sind. Für die Reparaturfunktion steht folglich nicht mehr ausreichend Energie zur Verfügung, wodurch wir altern.

So erklärt Kirkwood auch, warum Jugend überwiegend vor Krankheiten wie Demenz, Krebs oder Herzkreislaufproblemen schützt, denen wir im Alter ausgeliefert sind. Kirkwoods Theorie mag zwar nachvollziehbar klingen, in Versuchen mit Modellorganismen konnte sie jedoch nicht klar bestätigt werden.

So aussichtsreich diese Ansätze klingen, bisher sind sie nicht viel mehr als ein Versprechen. Denn ungeachtet der kleinen Teilerfolge gilt: Obwohl die Durchschnittslebenszeit ansteigt, stagniert die Maximallebenszeit in den vergangenen Jahrzehnten. Das zeigte zuletzt eine Studie amerikanischer Wissenschafter vom renommierten Institute for Aging Research am Albert Einstein College of Medicine in New York.

Maximalalter stagniert

Die Arbeit, die Anfang Oktober im Fachjournal "Nature" erschienen ist, stellt den jüngsten Paukenschlag in einer Jahrzehnte währenden Wissenschaftsdebatte dar, ob es eine natürliche Grenze des menschlichen Alters gibt: Jan Vijg analysierte mit seinem Team verschiedenste demografische Daten, darunter eine Datenbank der ältesten Menschen.

Dabei zeigte sich, dass seit den 1990ern kein Anstieg beim Maximalalter zu verzeichnen ist: Die ältesten Personen sind seit – bis auf ganz wenige Ausnahmen – nicht älter als 115 Jahre alt geworden. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir das Plateau erreicht haben", wird Yijg in der "New York Times" zitiert. Nachsatz: "Das war's. Menschen werden nie älter als 115 Jahre alt werden."

Yijg hat seine Rechnung allerdings ohne jene Beiträge gemacht, auf die vor allem Futuristen setzen: Versuche, die menschlichen Möglichkeiten durch technische Erweiterungen des Körpers zu steigern. Einer der bekanntesten Denker des sogenannten Transhumanismus ist der Leiter der technischen Entwicklung bei Google, Ray Kurzweil. 1948 in New York als Sohn einer jüdischen Familie, die 1939 aus Österreich vor den Nazis fliehen musste, geboren, studierte Kurzweil am Massachusetts Institute of Technology Informatik und Literatur. Er machte sich mit zahlreichen informatischen Entwicklungen einen Namen: So konstruierte er den ersten tauglichen Flachbettscanner, eine Reading Machine für Blinde, die bis heute als größter Beitrag zur Integration von Blinden nach der Brailleschrift gilt, und war Pionier bei der Entwicklung elektronischer Musikinstrumente.

250 Pillen täglich

In den vergangenen Jahren ließ er vor allem durch Beiträge zum Transhumanismus von sich hören: In Vorträgen und seinem Buch "The Singularity is Near" (2006) präsentierte er seine Singularity-Hypothese – mittlerweile widmet sich eine eigene, von Kurzweil mitgegründete Universität diesem Thema: Die Singularity University im Silicon Valley wird von Google und der Weltraumbehörde Nasa getragen.

Grob umrissen, besagt Kurzweils Singularity Hypothese, dass es bis zum Jahr 2045 eine derart exponentielle technologische Entwicklung von künstlicher Intelligenz geben wird, dass diese den Menschen oder, besser gesagt, den technologisch durchdrungenen Maschinenmenschen Unsterblichkeit bringen wird. Das soll etwa mit designten Genen gelingen oder mit Nanorobotern, die in unseren Körpern zirkulieren und aufkeimende Krankheiten eliminieren.

Um die verheißungsvolle Ära der Mensch-Maschinen-Wesen selbst noch zu erleben, schluckt er eigenen Angaben zufolge um die 250 Pillen pro Tag – Vitamine, Mineralien, Antioxidantien. Praktischerweise vertreibt er diese gleich selbst im Onlineshop Ray & Terry's Longevity Products. Einer der Topseller dort ist das Longevity MultiPack à 79,95 US-Dollar für Tabletten, Kapseln und Softgel für ein Monat. Der Glaube an die Unsterblichkeit lohnt sich also jedenfalls für den Erfinder. (Tanja Traxler, 26.12.2016)

  • Forscher Ray Kurzweil propagiert seine Singularity-Hypothese und schluckt selbst um die 250 Pillen pro Tag, um seine Lebenserwartung zu steigern.
    foto: istock

    Forscher Ray Kurzweil propagiert seine Singularity-Hypothese und schluckt selbst um die 250 Pillen pro Tag, um seine Lebenserwartung zu steigern.

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