Joschka Fischer: "China wird Klimaschutz vorantreiben"

15. November 2016, 17:55
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Der deutsche Exminister erklärt dies mit dem unbedingten Willen zum Machterhalt

Wien – "Es gab ein Vorher und ein Nachher," sagt der frühere deutsche Außenminister und Grünen-Politiker Joschka Fischer. "Vorher, das war bis etwa 2002/03. In der Zeit haben chinesische Gastgeber freundlich gelächelt. In ihren Augen konnte man aber sehen, was sie tatsächlich dachten: 'Lasst den nur reden, der will uns arm halten.' Bei meinen nächsten China-Reisen war das anders. Da gab es plötzlich Interesse an ökologischen Themen", sagte Fischer am Dienstag in Wien.

Die Signale aus den USA seien nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten nicht ermutigend. "Es ist damit zu rechnen, dass die Trump-Administration hinsichtlich Klimaschutz eine andere Haltung einnehmen wird als die Regierung Obama", sagte Fischer. Was China betreffe, werde selbst ein Ausstieg der Amerikaner aus dem Klimavertrag von Paris nicht viel ändern. "Der dortigen Einparteienherrschaft geht es nur um eines: den Machterhalt. Dazu braucht Peking Wachstum, jedoch anderer Qualität als bisher", meint Fischer.

Kritische Mittelklasse

Die wachsende Mittelklasse in China sei nicht länger bereit, tagtäglich mit schmutzigem Wasser, schlechter Luft und verseuchten Lebensmitteln umgehen zu müssen. Schon allein der politischen Stabilität wegen werde Peking alles daransetzen, die Transformation in Richtung eines nachhaltigen, ressourcenschonenden Wirtschaftssystems ehestmöglich zu schaffen.

Das sei eine Chance für Europa, das in Sachen Innovation auch und gerade im Bereich Umwelttechnik weltweit führend ist. Das Schlimmste, das unter dem Eindruck der Vorgänge in den USA passieren könne, sei, dass Europa in seinen Klimaschutzbemühungen nachlässt. Damit würden europäische Unternehmen mittel- bis langfristig ihre komparativen Wettbewerbsvorteile verspielen.

Eine Generation Zeit

Fischer, der auf Einladung der österreichischen Verpackungsindustrie in Wien weilte, glaubt, dass Länder wie China oder Indien maximal eine Generation Zeit haben, die "ökologische Vergesslichkeit" zu heilen.

Mit Innovationen, die einen sparsameren Einsatz von Ressourcen erlauben, will auch die Verpackungsindustrie punkten. Ob Greiner, Mondi oder Constantia Flexibles: Das Klimaabkommen von Paris werten diese als Fortschritt; selbst wenn die Staatengemeinschaft im vorigen Dezember ehrgeizigere Ziele vereinbart hätte, stünde man dahinter, so lautet der Grundtenor. Wichtig sei, dass es zumindest in Europa einheitliche Vorgaben gibt, besser noch, wenn weltweit unter vergleichbaren Voraussetzungen gearbeitet werden könne. Wettbewerbsverzerrungen sollten vermieden werden. (stro, 16.11.2016)

  • Joschka Fischer, Ex-Grünen-Politiker und von 1998 bis 2005 deutscher Außenminister, sieht China als starken Treiber von Klimaschutz.
    foto: reuters/wiegmann

    Joschka Fischer, Ex-Grünen-Politiker und von 1998 bis 2005 deutscher Außenminister, sieht China als starken Treiber von Klimaschutz.

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    foto: reuters/wiegmann
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