Auf dem besten Weg in die Pöbelherrschaft?

Kommentar der anderen16. November 2016, 09:30
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Demokratie – was kommt danach? Angesichts der aktuellen politischen Lage ist es hilfreich, sich die zyklischen Geschichtsmodelle der Antike noch einmal vor Augen zu führen. Polybios, der griechische Geschichtsphilosoph, ist lesenswert

Spätestens seit Francis Fukuyama nach dem Fall des Kommunismus seine (höchst umstrittene) These vom "Ende der Geschichte" und dem endgültigen Siegeszug der Demokratie publizierte, sind wir Bewohner der westlichen Welt davon überzeugt, dass wir nicht nur im besten aller möglichen Systeme leben (das wussten wir auch vorher schon), sondern dass es nur mehr eine Frage der Zeit sei, bis sich auch der Rest der Welt (also die überwiegende Mehrheit der Staaten) zu den Werten der Demokratie bekehrt, weil das nun erwiesenermaßen die beste aller Staatsformen sei, wie uns schon Winston Churchill in seinem unsterblichen Bonmot erklärt hat.

Diese (durchaus verständliche) Hoffnung geht von einer rein linearen Entwicklung von Staatsformen aus – die Menschheit probiert alle möglichen Formen des Zusammenlebens aus und bleibt dann (Homo sapiens!) bei derjenigen, die sich als die beste herausgestellt hat.

Weniger optimistisch sah das allerdings der griechische Historiker und Geschichtsphilosoph Polybios, der im 2. Jahrhundert vor Christus lange Zeit in Rom lebte, als Freund und Berater des jüngeren Scipio am Dritten Punischen Krieg teilnahm und, beeindruckt vom raschen Aufstieg Roms zur Weltmacht, eine "Universalgeschichte" schrieb.

Kreislauf der Verfassungen

Eine zentrale und vielzitierte Stelle in diesem Werk ist die These vom "Kreislauf der Verfassungen": Anknüpfend an ähnliche Theorien bei Platon und Aristoteles geht Polybios von drei grundlegenden Staatsformen aus, der Monarchie, der Aristokratie und der Demokratie. Alle drei haben ihre Vor- und Nachteile, vor allem aber gibt es sie nicht nur in ihrer "reinen" Form, sondern auch in einer Art degenerierten Version, nämlich der Tyrannis, der Oligarchie und der Ochlokratie ("Pöbelherrschaft"). Jede gute Staatsform wird, so Polybios, im Laufe der Geschichte durch ihre "entartete" Form abgelöst, und wenn diese allzu schlecht beziehungsweise unerträglich wird, kommt es durch eine Revolution zur nächsten (wieder guten) Staatsform.

Eine am Beginn der Entwicklung stehende Urmonarchie (Basilie) wird also irgendwann durch Sittenverfall des Herrschers, Machtmissbrauch oder dergleichen zu einer Tyrannis. Die wachsende Unzufriedenheit in diesem System bewirkt ein Erstarken einer Oberschicht, der Adeligen, die den Tyrannen stürzen, um selbst zu regieren. Wenn auch unter diesen Adeligen die Korruption zunimmt, sie also keine "aristoi" (die Besten), sondern nur mehr "oligoi" (die Wenigen) sind, geht ihre Herrschaft in die schlechte Form der Oligarchie über. Diese endet, sobald das Volk die Unterdrückung der Wenigen nicht mehr ertragen kann und durch eine Revolution eine Demokratie etabliert.

Verwilderung

Nach einigen Generationen sieht das Volk die Freiheit und seine Privilegien als selbstverständlich an, weil es gar keine andere Staatsform mehr kennt; wieder kommt es unter dem Souverän, also diesmal dem ganzen Volk, durch Verrohung der Sitten zu Korruption und Gier (Polybios schreibt wörtlich von "Verwilderung"), was letztlich in einer Ochlokratie oder Pöbelherrschaft resultiert. Diese dauert an, bis ein Einzelner dem Ganzen ein Ende setzt und wieder eine (zunächst positive) Monarchie etabliert.

Mehr als 2.000 Jahre später wissen wir aus der Geschichte, dass der Kreislauf der Verfassungen nicht immer in genau der Reihenfolge stattfindet, wie er von Polybios postuliert wurde. Dennoch gibt es Momente in der Geschichte, die der Theorie annähernd zu folgen scheinen. Der Umsturz in vielen Staaten Osteuropas im Jahre 1989 ist eindeutig die Ablöse einer Oligarchie durch eine Demokratie. Ob und wie schnell sich diese allmählich zu ihrer negativen Variante weiterentwickelt, bleibt abzuwarten.

Im Jahr 1789 hingegen wurde die Tyrannis einer degenerierten Dynastie in Frankreich nicht von Aristokraten, sondern von den Bürgern gestürzt, die folgende Demokratie "entartete" allerdings in kürzester Zeit zur Ochlokratie, und es brauchte einen Monarchen, um diese wiederum zu beseitigen. Inwieweit Napoleon sich dann zum Tyrannen entwickelte, hängt vermutlich vom Standpunkt (und vielleicht auch der Nationalität) des Betrachters ab.

Die Frage, die sich uns heute stellt, ist, ob eine wirklich gefestigte Demokratie ad infinitum stabil ist oder ob dieser Kreislauf auch in so einem Fall weitergehen kann (oder vielleicht sogar muss). Die jüngsten Entwicklungen in vielen europäischen Ländern und nun auch in den USA scheinen Polybios recht zu geben. Dass der antike Historiker konkret von nationalistischen Ideen und Rechtspopulisten noch nichts wusste, kann man ihm nicht vorwerfen.

Eindeutige Anzeichen

Doch Entwicklungen wie die von rücksichtslosen Populisten vorangetriebene Brexit-Abstimmung, die Erstarkung von rechtspopulistischen Parteien in Ungarn und Polen, bis zu einem gewissen Grad auch die Fünf-Sterne-Partei in Italien und nun natürlich vor allem das Ergebnis der Wahl in den USA (Symptome in Österreich übergehe ich aus Gründen der Befangenheit) sind eindeutige Anzeichen, dass sich die westlichen Demokratien auf dem Weg in die Ochlokratie befinden.

Wie man diesen Trend aufhalten kann, davon steht bei Polybios leider nichts. Wir können nur hoffen, dass er irrte und Francis Fukuyama doch recht hatte. Seit dem 9. November 2016 sind die Wettquoten für den alten Gelehrten Polybios aber eindeutig hinaufgeschnellt. (Christian Goldstern, 15.11.2016)

Christian Goldstern ist Englischlehrer an einer Wiener AHS.

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