Populismus: Wider die Kaninchenstarre

Kommentar der anderen15. November 2016, 17:00
5 Postings

Nach der Wahl ist vor der Wahl? Zumindest hat man vieles, was jetzt wortreich beklagt wird, vorher längst schon gewusst bzw. hätte es wissen können. Ein paar Anmerkungen zur Bad Bank der Empörung

Es gibt einen Running Gag in den sozialen Netzwerken, der lautet: "Das hilft ja doch nur dem Hofer!" Egal, was man postet, egal, welcher Skandal, welche Aufregung, am Ende hilft alles dem Hofer. Das klingt skurril, ist aber realitätsnäher, als man denkt (oder befürchtet). Die Logik dahinter ist erschreckend banal: Alles, was empört, erzürnt, misstrauisch macht und mit Angst erfüllt, zahlt offenbar auf das falsche Konto ein, auf die Bad Bank der Empörung. Es fördert den Hass, nicht die Mitmenschlichkeit, setzt Zeichen der Ausgrenzung, anstatt Mauern einzureißen. Das gilt nicht nur für Norbert Hofer oder die FPÖ, das gilt für den europäischen Populismus generell – und besonders natürlich für das Phänomen Trump.

Ein bisschen überheblich

Es ist bemerkenswert, welche Erkenntnisse nach einer Wahlniederlage verkündet werden, Wortmeldungen, die offenbar zuvor von bangem Hoffen zurückgehalten wurden, aber nun, da alle Hoffnung dahin ist, öffnet die Enttäuschung seltsame Schleusen der Selbsterkenntnis. Plötzlich meint man zu erkennen, dass man als aufgeschlossener, weltoffener Wähler – mit natürlich sozialdemokratischem Gewissen – immer schon ein wenig überheblich war, da man das restliche Wahlvolk unterschätzt, seine Ängste, seine Sorgen als Folge eines Bildungsproblems marginalisiert hat. Was hat man gelacht darüber, als sogar Die Zeit Donald Trump als "blonden Mussolini" bezeichnet hat. Nein, hätte man nicht tun sollen. Jetzt weiß man es wieder, diese Modernisierungsverlierer, die darf man nicht unterschätzen.

Auch erkennt man nach der Wahl endlich, dass die Medien heutzutage anders funktionieren, dass die eigene, fundierte Meinung, die man in den Feuilletons der Qualitätspresse meist genauestens nachlesen kann, nicht mehr denselben Stellenwert hat. Nein, die unzufriedenen Massen gieren nach Informationshäppchen und Appetitanregern, wir reden vom Zeitalter der Postfaktizität, wie erschütternd! Trotzdem übersieht so mancher Kommentator, dass man selbst dazu beigetragen hat, denn ausgewogen war die Berichterstattung selten, kann es auch nicht sein. Sie ist gewissermaßen unfreiwillig negativ, weil eben auch Medien nach der Quote schielen bzw. schielen müssen.

Ein hübsches Beispiel lieferte der STANDARD im Zuge des Hofer-Wahlplakatslogans "So wahr mir Gott helfe". In zwei elendslangen Artikeln an ein und demselben Tag (29./30. 10. 2016) erklärten Haus Rauscher und Alexandra Föderl-Schmid den Populismus als fast schon fatalistisch zu deutende Bedrohung, als Schreckgespenst. Man fragt sich, ob den beiden alten Hasen vielleicht der Blick auf das Gesamte verlorengegangen ist? Ist ihnen nicht bewusst, dass jeder Quadratzentimeter ihrer Zeitung, den sie populistischen Angstszenarien widmen, ein Quadratzentimeter ist, der Gegenentwürfen und Alternativen vorenthalten bleibt? Ist das Ausgewogenheit, wenn nahezu alle Kommentare einer Tageszeitung den Teufel an die Wand malen? Zementiert nicht das Schüren von Ängsten diese ein, macht man nicht auf die Weise das faktenlose Gefasel erst zum Fact? Was übrigens das eigentliche Dilemma der Postfaktizität ist.

Schreckensflut ...

Zurück zu Trump und den Erkenntnissen danach. Gegen die Flut der Schreckensszenarien auf den Titelblättern in den Tagen nach der Wahl waren die zwei Kommentare im STANDARD nur Peanuts (wie man auf gut Österreichisch sagt). Und weil man ohnehin schon am Jammern ist, meckerte man gleich auch über Barack Obama, der nämlich versagt hat, selbst wenn er irgendwo eine Leuchtfigur war. Doch er hat ja viel zu schwach, viel zu wenig bestimmt in die richtige Richtung gesteuert. Ja, wenn Obama nur toller gewesen wäre!

... und Gejeiere

Oder man jeiert über den "abstoßenden wirtschaftshörigen Konsens" der Gegenkandidatin Hillary Clinton, so wie es der slowenische Philosoph Slavoj Zizek zelebriert hat. So ist das eben, zur Selbstherrlichkeit des kritischen Bewusstseins gehört eine Unze Selbstzerfleischung dazu. Es ginge zwar darum, das größere Übel zu verhindern, aber auf dem Weg dorthin will man es sich ums Verrecken nicht nehmen lassen, in eigener Sache recht zu behalten. Ergo pisst man dem kleineren Übel ans Bein. Bis man sich dann so richtig einzementiert hat in einer globalen Opferrolle und wie das Kaninchen vor der neoliberalen Schlange steht. Man weiß nicht aus, nicht ein, weil all diese Argumentationen letztendlich darauf hinauslaufen, dass man mit Argumenten und fundiertem Wissen kein Leiberl mehr hat. Twitter und Skandale, Lügen und Randale, das ist, was das Volk will.

Schon sinkt sie erneut hin, die Prinzessin der differenzierten Wahrheit, nahezu ohnmächtig ergibt sie sich dem großen populistischen Schrecken und betet Schreckensszenarien vor sich her. Als Riechsalz kursieren dann Artikel, in denen man zu erkennen meint, dass tatsächlich nur 18 Prozent der US-Amerikaner Donald Trump gewählt haben, da ja nur 45 Prozent als Wähler registriert sind. Eine Logik, die so natürlich ebenso wenig funktioniert, denn wer sagt denn, dass die restlichen 55 Prozent nicht ebenso Trump gewählt hätten – wenn sie hätten wählen können. Aber immerhin, warum kam man nicht schon viel früher auf den Gedanken, dieses andere Amerika zu stärken? Und warum muss man diese Kaninchenstarre auch hierzulande weiterführen, weiterbeten, unentwegt?

Muss man echt Leute wie den Industriellen Hans Peter Haselsteiner als Vorbild anrufen, die ihr Geld dazu aufwenden, um einen Norbert Hofer zu verhindern? Muss man sich an die Caritas wenden, deren Facebookinitiative "Wir helfen" mitunter deutlich mehr Online-Traffic hat als die abscheuliche Strache-Seite? Sind diese zwei Beispiele nicht Hinweis genug, dass man auch über dieses andere, dieses zwar nicht unbedingt bessere, aber wenigstens nicht völlig verblödete Österreich berichten könnte?

Eben diese Erkenntnis ist es, die bei all dem Jammern über Donald Trumps (und womöglich bald Norbert Hofers) Triumph schmerzlich fehlt. Dass man die ganze Zeit übersehen hat, die eigenen Stärken hervorzukehren, weil man womöglich selbst nicht mehr daran geglaubt oder sich die ganze Zeit über vor dem Schlimmsten gefürchtet hat.

Kein Aufruf

So darf es nicht weitergehen. Aber das ist hier kein Aufruf an die Politik, keiner an den Journalismus, keiner an die Zivilgesellschaft. Es ist ein Aufruf an jeden Einzelnen, der noch immer nicht zu reagieren bereit ist. Es geht um eine ganz einfache Erkenntnis: Pessimismus und Angst führen zu einem Opferdenken. Was aber passiert mit Opfern? Richtig, sie werden zur Schlachtbank geführt. Also bitte, macht endlich Schluss mit diesem Gejammere. (Curt Cuisine, 15.11.2016)

Curt Cuisine ist Chefredakteur der Satireprojekts "Hydra".

Link www.hydrazine.at

Share if you care.