Redakteure warnen vor "massiver Schwächung" von Ö1

15. November 2016, 13:58
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Schema-Änderung "zu sehr im Zeichen von Sparvorgaben"

Wien – Die Redakteurinnen und Redakteure warnen in einer Resolution vor einer Schemaänderung, die aus ihrer Sicht "zu sehr im Zeichen von Sparvorgaben" stehe.

Sie fordern: "Zuerst soll das Budget von Ö1 auf dem jetzigen Stand gesichert werden. Dann erst soll – frei von Spardruck – eine Schemareform finalisiert werden, die intern und extern nicht (zwangsläufig) als geschöntes Sparpaket diskreditiert ist."

Die Redakteure haben ein Vorschlagsrecht für Schema-Änderungen. Der Stiftungsrat soll das neue Programmschema für Ö1 am Donnerstag beschließen. Sie soll mit Mai 2017 on air gehen.

Die Schema-Kritik der Redakteure im Überblick:

145 Minuten weniger Wissenschaft pro Monat

Durch die Schemareform verliere die Wissenschaft 145 Minuten Sendezeit pro Woche. Freitag um 19.05 Uhr entfallen die "Dimensionen". "Matrix" am Sonntag wandere um fünf Minuten gekürzt auf den Freitag-Termin der Dimensionen.

Ein Freitagtermin im Monat geht an ein neues Medienmagazin. Die Resolution dazu im O-Ton: "Warum dem wissenschafts- und technikinteressierten Publikum zur gewohnten Sendezeit plötzlich eine politische Informationssendung vorgesetzt werden soll, verstehen wir nicht. Und sollte es sich beim geplanten Medienmagazin nicht um eine politische Informationssendung handeln, ist nicht klar, warum es eingeführt werden sollte."

Zudem sollten die gekürzten Wissenschaftstermine äquivalent vom Budget für freie Mitarbeiter abgezogen werden.

Sparen am "Nachtquartier"

Die Streichung des "Nachtquartier" sehen die Redakteurinnen und Redakteure "außerhalb der Sparstiftlogik" als "nicht nachvollziehbar". Das "Nachtquartier" sei "eine der seltenen Sendungen, die ständiges Experimentieren ermöglicht. Keine punktuelle Spezialsendung mit Social-Media-Einbindung, sondern eine fortlaufende Forschungswerkstätte, wenn es darum geht, multimedial mit Einbindung der HörerInnen Radio zu machen, community building zu betreiben." Da werde eine Sendung eingestellt, "die alles repräsentiert, was von unserer Geschäftsführung seit Jahren eingefordert wird".

30 Stunden Musik weniger

Die Redakteure kommen auf 30 Stunden Musik pro Monat weniger – weil "Ö1 bis Zwei", "Aus dem Konzertsaal" am Sonntag, "Jet Lag All Stars Radio Show" (sechsmal jährlich) und "Zeit Ton Extended" gestrichen würden.

Sie begrüßen das journalistische "Musikmagazin", geplant von 11.30 bis 11.57 mit Beiträgen und Interviews, grundsätzlich. Es sei aber "kein Ersatz für wegfallende Musik-Sendezeit" – und sei "budgetärer Mehraufwand", den die entfallenden Sendungen nicht abdecken könnten. Beiträge aus den Bundesländern, bisher in "Intrada", fänden nicht genügend Platz im "Musikmagazin", vermuten die Redakeure: "Es ist darauf zu achten, dass solche Inhalte mit dieser Reform nicht verloren gehen."

Durch die Voraufzeichnung der "Klassiknacht" fielen insgesamt Sprecher- und Sprecherinnendienste weg, bei anderen Sendungen brauche Ö1 deshalb wohl mehr externe Kräfte für Zitate und Overvoices, erwartet die Belegschaft.

Auf ein Wort (weniger)

Das geplante Schema bedeute 60 Minuten weniger für Hörspiel. Das "Hörspiel-Studio" verliere "mindestens ein Drittel" der 30 heuer gesendeten Produktionen österreichischer Autorinnen und Autoren.

Die Belegschaft zeigt sich verwundert über die Abschaffung von "Café Sonntag", das "alle gewünschten Veränderungen" vollzogen habe, 35 Prozent Kosteneinsparung inklusive.

Kunstsonntag: Ja, aber

Die Redakteurinnen und Redakteure begrüßen grundsätzlich die für Sonntagabend geplante Programmstrecke "Kunstsonntag" als "Forum des Experimentierens". Dort dürfe aber "kein Flächenradio entstehend", sie fordern Eigenständigkeit bestehender Sendungen wie "Tonspuren", "Contra", "Texte" und "Kunstradio".

Das Positive

Die Mitarbeiter sehen aber auch positive Aspekte – etwa die neue Phone-In-Sendung ("Punkt eins") direkt nach dem Mittagsjournal statt "Von Tag zu Tag".

Sie begrüßen zudem die Verlängerung von "Moment – Leben heute" von 15 auf 25 Minuten ab 15.30 Uhr.

Und grundsätzlich haben sie nichts gegen eine Reform: "Die RedakteurInnen von Ö1 begrüßen eine Schema-Anpassung als solche. Ein Sender muss sich von Zeit zu Zeit wandeln, neue Formate, Ideen und Inhalte bieten."

Aber eben nicht unter Spar-Prämissen (die Ö1-Chef Peter Klein bestreitet): "Innovation braucht jedoch eine gesunde Ausstattung mit Ressourcen." (red, 15.11.2016)

  • Das Ohr vor dem ORF-Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße.
    foto: apa/georg hochmuth

    Das Ohr vor dem ORF-Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße.

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