Erste Tests von Macbook Pro mit Touchbar: "Ist noch nicht sein Geld wert"

15. November 2016, 11:28
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Touchscreen-Leiste als interessanter, aber unfertiger Ansatz – Lob für neue Hardware, Kritik an Portmangel

In zwei Versionen hat Apple vor wenigen Wochen neue Macbook Pro-Modelle vorgestellt. Neben einer Verschlankung und allgemeinem Hardwareupgrade gibt es nun auch eine 13-Zoll- und eine 15-Zoll-Ausgabe, die ein neues Feature mitbringt. Sie verfügen wiederum über etwas bessere Hardware und anstelle der üblichen Funktionstasten über einen Touchscreen, der je nach gerade verwendeter App unterschiedliche Schaltflächen anbieten und damit das Arbeiten erleichtern soll.

Der Schritt vom "klassischen" zum Touchbar-Modell ist in preislicher Hinsicht allerdings beachtlich. 1.999 Euro will Apple für die 256-GB-Ausgabe, 300 Euro mehr als für die Grundversion mit 13 Zoll. Wer lieber die 15-Zoll-Variante möchte, muss zumindest 2.699 Euro hinlegen. Mittlerweile liegen in den US-Medien auch erste Tests der Laptops mit "Zweitbildschirm" vor.

Die Meinungen gehen etwas auseinander, ein großer Wurf scheint Apple jedoch nicht gelungen zu sein. Herangezogen wurden die Tests von Engadget, The Verge, Ars Technica und Gizmodo.

Unterschiede

Am Anfang bietet sich ein kurzer Blick auf die Unterschiede an: Die Touchbar-Modelle bringen Touch ID mit und nutzen einen etwa etwas flottere Version des Core-i5-Prozessors von Intel und auch einen höher getakteten LPDDR3-Arbeitsspeicher. Dafür beträgt ihre Leistungsaufnahme allerdings auch maximal 28 statt 15 Watt bei einem kleineren Akku.

Sie verfügen über zwei statt einem Thunderbolt 3-Controller sowie über vier statt zwei USB-C-Ports, von denen zwei allerdings mit reduzierter Geschwindigkeit arbeiten. Die 15-Zoll-Ausgaben der Version mit berührungsempfindlicher Leiste beherbergen neben der "Intel HD"-Onboardgrafiklösung auch einen Radeon Pro-Chip von AMD mit zwei GB an eigenem Arbeitsspeicher. Die Laptops ohne Touchbar nutzen wiederum ausschließlich Intel Iris Pro, das leistungstechnisch zwischen diesen beiden Komponenten steht.

Eigenschaften, die sich alle neuen Macbooks teilen: Eine deutliche Verschlankung des Gehäuses, neue Displays und Lautsprecher und ein Wechsel auf ein Keyboard mit flacheren Tasten nach Apples "Butterfly"-Design, die trotzdem ein gutes Schreiberlebnis liefern sollen. Dazu gibt es ein größeres Touchpad, wie gehabt mit Force Touch, das eine zusätzliche Bedienebene freischaltet und den Eindruck des Vorhandenseins von drückbaren Tasten auf der ebenen Glasfläche schaffen soll. Eine weitere Gemeinsamkeit: Abseits von USB-C und der 3,5mm-Audioklinke hat Apple alle Anschlüsse abgeschafft.

Gelungenes Upgrade für Display und Sound

Unisono Lob erhält das neue Display-Panel. Der Unterschied zur letzten Macbook-Generation mag auf den ersten Blick nicht unbedingt auffallen, betont man bei Engadget, doch wer im direkten Vergleich auf die bessere Darstellung verschiedener Farben hingewiesen wird, erkennt den Vorteil vom Schritt zum P3 Gamut.

Als gut erweisen sich auch die Lautsprecher, die nun deutlich lauter und klarer erschallen. Die Klangqualität ist für ein Notebook sehr ordentlich und kleinere Treffen in einem Raum lassen sich damit gut untermalen. Einen Ersatz für ein eigenständiges Soundsystem sind sie wenig überraschend aber nicht.

foto: reuters

Neues Keyboard

Das Keyboard wird von den Testern wechselweise gelobt oder als gewöhnungsbedürftig beschrieben. Probleme abseits häufiger Vertipper beim Umlernen wurden nicht beschrieben, die Umstellung wirkt sich für die Nutzer also zumindest nicht nachteilig aus. Die Integration von Touch ID wird als Beitrag zu mehr Sicherheit und erhöhtem Bedienkomfort positiv aufgenommen.

Der Leistungsunterschiede zwischen den verschiedenen Modellen sind in der Praxis selten spürbar. Die Touchbar-Varianten machen in der Videobearbeitung mit Final Cut Pro eine bessere Figur, sind aber mit längeren 4K-Videos spürbar überfordert, berichtet man bei The Verge. Sie schlagen sich zwar besser, als die Macbook Pros aus 2014, erreichen aber nicht das Niveau eines 2013er iMacs.

Anschluss-Diät sorgt für Ärger

Durch die Bank für Verärgerung sorgt Apples Kahlschlag bei den Anschlüssen. Dass das Unternehmen auf USB-C statt – wie nicht selten – auf eine proprietäre Eigenlösung setzt, ist löblich. Dass aber bereits jetzt alle anderen Anschlüsse weichen mussten, erweist sich als ausgesprochen unpraktikabel. Denn der Standard ist unter Peripheriegeräten noch nicht sonderlich verbreitet. Nicht einmal Apples neuestem Smartphone, iPhone 7, liegt ein entsprechendes Kabel bei.

Wer nun Handy, USB-Stick, externe Festplatte oder seine Lieblingsmaus anstecken oder Bilder von der SD-Karte der eigenen Kamera auslesen will, muss zusätzlich Geld ausgeben. Das Mitführen eines eigenen Docks und Adaptern ist zudem nicht gerade eine Erleichterung für mobile Arbeit.

Den Karteneinschub und zumindest einen USB-A-Port zu belassen, hätte sich als Kompromiss angeboten. Dass Zwischenlösungen in Cupertino allerdings nicht besonders beliebt sind, weiß man spätestens seit dem MacBook Air mit einem einzelnen USB-C-Anschluss oder der Entfernung des Kopfhörersteckers beim iPhone 7.

Touchleiste statt Funktionstasten

Die prestigeträchtigste Neuerung ist freilich die Touchbar, die sich über 2.170 x 60 Pixel spannt und in mehrere Bereiche aufteilt. Am linken und rechten Rand reserviert sich Apple Platz für Systemfunktionen. Links tauchen etwa die "Escape"-Taste oder Buttons zum Bestätigen oder Abbrechen von Aktionen auf. Rechts findet man beispielsweise Schnellzugang zu Siri, eine Screenshot-Funktion oder Regler für Lautstärke und Bildschirmhelligkeit. Bis zu vier Schaltflächen finden hier Platz, der Nutzer kann selber festlegen, was er hier platziert sehen möchte.

Der mittlere Bereich wird von jeder App individuell angesteuert. Dabei müssen nicht sämtliche Funktionen direkt angezeigt werden. Man kann sowohl seitlich scrollen, als sich auch durch Menüebenen klicken. Unterstützt wird das System bislang nur durch einige von Apples eigenen Programmen, diverse Software anderer Hersteller, beispielsweise Adobes Photoshop oder Microsoft Office, sollen aber ebenfalls aufgerüstet werden.

Wer es lieber klassisch hat, kann auch eine Standardkonfiguration für die Touchbar wählen, die das gewohnte Funktionstasten-Layout nachahmt. Wer dies nur temporär braucht, kann die Leiste mit einem Druck auf die "Fn"-Taste umschalten.

Potenzial vorhanden

Wie nützlich die Touchbar in dieser Form auf lange Sicht sein wird, bleibt offen. Als praktisch erweist sich etwa der Direktzugang zu Smileys bei Textnachrichten. Helligkeit und andere Einstellungen mit Touchregler konfigurieren zu können ist ebenso sinnvoll. Nett ist auch die Replikation der Tasten von Systemdialogen, die schnelle Umstellung von Schriftgrößen in Notes oder das flotte Öffnen neuer Tabs in Safari. Die Einblendung von Wortvorschlägen ergibt wiederum auf Geräten mit Touchscreen Sinn, wer aber einigermaßen schnell tippt, findet dafür auf einem Laptop keine Verwendung.

Der individuelle Nutzen für den User wird letztlich stark davon abhängen, welche Apps man häufig nutzt und wie diese künftig mit der Touchbar arbeiten. Dementsprechend bescheinigt man der Leiste Potenzial, sieht aber keinen großen Sprung.

Akkulaufzeit

Die Erfahrungen hinsichtlich der Akkulaufzeit laufen auseinander, selbst innerhalb einzelner Redaktionen. Zehn Stunden verspricht Apple an Nutzung. Während etwa ein Test mit dem Durchlauf populärer Webseiten bei 65 Prozent Bildschirmhelligkeit bei The Verge diese Angabe verifizierte, halbierte sich die Verwendungsdauer im etwas intensiveren Alltagsbetrieb. Weil es noch schwer zu sagen ist, ob einzelne Apps möglicherweise den Verbrauch über die Maßen erhöhen, sind hier Langzeiterfahrungen abzuwarten. Die Touchbar sollte auf die Betriebsdauer jedenfalls keine Auswirkung haben, denn sie schaltet sich ab, wenn des Keyboard nicht aktiv verwendet wird.

Gut, aber teuer

Insbesondere im Hinblick auf den doch deutlichen Preisunterschied will sich ob des Macbook Pro mit Touchbar kein großer Enthusiasmus breit machen. Das Hardwareupgrade bringt Verbesserungen, die Notebooks sind nun noch leichter, dünner und somit portabler. Eine klare Aufwertung sind auch das bessere Display und die integrierten Lautsprecher.

Doch im Gegenzug zwingt Apple seinen Kunden den Einsatz von Docks und Adaptern durch den Verzicht auf alle Schnittstellen abseits von USB-C auf. Eine Umstellung, die als zu radikal und verfrüht eingestuft wird. Ein Manko, das auch die Touchbar auf einem insgesamt als gut bewerteten Laptop nicht kompensieren kann. Diese ist, so formuliert es Gizmodo, ein "Gimmick, das noch nicht sein Geld wert ist." (gpi, 15.11.2016)

  • Der Touchbar wird Potenzial bescheinigt, als großer Wurf wird sie vorerst jedoch nicht gesehen.
    foto: reuters

    Der Touchbar wird Potenzial bescheinigt, als großer Wurf wird sie vorerst jedoch nicht gesehen.

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