Trump: Eine ganz normale Wahl – mit einem abnormalen Kandidaten

Blog15. November 2016, 11:40
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Erstaunlich ist nicht, dass der republikanische Kandidat gewählt wurde. Erstaunlich ist, dass Trump republikanischer Kandidat werden konnte

Die Frage, warum Donald Trump die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen hat, kann man nur beantworten, wenn man sie in zwei Teile teilt. Erstens: Wie wird jemand wie Trump Kandidat einer der zwei großen amerikanischen Parteien? Zweitens: Wie gewinnt so ein Kandidat nach der Nominierung auch die Wahl?

Beginnen wir mit der zweiten Frage – die Antwort darauf ist nachgerade trivial. In den USA sind die Parteibindungen der Wähler – ganz im Gegensatz zu Europa – über die letzten Jahrzehnte stärker geworden. Echte Wechselwähler sind eine verschwindend kleine Gruppe. Auch wenn sich viele in Umfragen als unabhängig deklarieren, ihr Wahlverhalten ist meist das eines loyalen Parteianhängers.

Daraus folgt, dass die überwiegende Mehrheit der Wähler in den USA wählt, wen auch immer ihre Partei nominiert. Den ideologischen Graben zur anderen Partei zu überwinden ist also selbst bei einem unorthodoxen Kandidaten wie Trump für die meisten Republikaner zu viel verlangt. Anders gesagt: Die Trump-Wähler von 2016 sind zum größten Teil Romney-Wähler von 2012 und McCain-Wähler von 2008.

Die Grafik unten zeigt dementsprechend, dass mit kleinen Abweichungen das demografische Profil der demokratischen und republikanischen Wähler im Jahr 2016 mit jenem der Wahlen 2012 und 2008 übereinstimmt: In puncto Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Bildung, Einkommen, Religion, Familienstand und sexuelle Orientierung unterscheiden sich Trump-Wähler nur marginal von Romney- und McCain-Wählern.

Trump schnitt etwas besser bei Leuten mit niedriger Bildung und geringem Einkommen ab, ebenso bei evangelikalen Protestanten und unverheirateten Personen. Starke Parteibindungen bedeuten allerdings, dass schon kleine Verschiebungen in einigen Bundesstaaten den Wahlausgang entscheidend beeinflussen können (was Trump am Ende zum Sieg verholfen hat). Insgesamt gilt aber, dass 2016 in puncto Wahlverhalten eine absolut normale Wahl war.

Bleibt die erste – und spannendere – Frage: Wie konnte Trump Kandidat der Republikaner werden? Die Erklärung beginnt damit, dass in den USA die Parteieliten über die Jahre immer stärker die Kontrolle über die Kandidatenauswahl verloren haben. Begonnen hat dieser Prozess mit der flächendeckenden Einführung von Vorwahlen Anfang der 1970er-Jahre. Das Erstarken von Interessengruppen und politischen Bewegungen außerhalb der traditionellen Parteistrukturen war die Folge. Auf republikanischer Seite trat noch der wachsende Einfluss von Fox News und konservativen Talkradio-Shows hinzu.

All das führte zu einer dramatischen Schwächung der Republikanischen Partei als Institution. So nimmt es wenig Wunder, dass im Jahr 2016 ein Kandidat die Vorwahlen gewinnen konnte, der praktisch keine Unterstützung des Parteiestablishments hatte und von einem Gutteil der republikanischen Elite bis heute als inakzeptabel betrachtet wird.

Fazit: Außergewöhnlich an der Wahl 2016 war nicht das Wahlverhalten, sondern der Nominierungsprozess. Die Kombination von starken Parteibindungen auf Wählerseite und schwacher Elitenkontrolle bei der Kandidatenauswahl führte dazu, dass ein Präsident Trump möglich wurde.

Doch obwohl es zu Trump inhaltlich viele Parallelen in der europäischen Politiklandschaft gibt, sind die Lehren aus dieser Diagnose begrenzt. Gerade in Österreich etwa beobachten wir nämlich die gegenteilige Entwicklung: schwächer werdende Parteibindungen der Wähler, aber anhaltend starke Elitenkontrolle über Kandidaturen für politische Ämter. So erfolgreich eine Partei in Österreich also auch ist, so wenig kann sie sich ihrer Wähler von einer Wahl zur nächsten sicher sein. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 15.11.2016)

  • Obwohl es zu Trump inhaltlich viele Parallelen in der europäischen Politiklandschaft gibt, sind die Lehren aus dieser Diagnose begrenzt.
    foto: ap

    Obwohl es zu Trump inhaltlich viele Parallelen in der europäischen Politiklandschaft gibt, sind die Lehren aus dieser Diagnose begrenzt.

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