Obama in Griechenland: Warten auf die große Vermächtnisrede

15. November 2016, 06:00
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Der scheidende US-Präsident wird in Athen Premier Tsipras treffen und am Mittwoch eine Rede halten

Die Pnyx hätte es angeblich sein sollen, der Hügel unterhalb der Akropolis, wo die Stadtbürger der Antike sich versammelten und ihre Entscheidungen trafen. Rund 2.200 Jahre bevor es die USA gab und 2.500 Jahre vor Barack Obama und Donald Trump. Eine solche Kulisse wäre recht gewesen für die große Rede, die der scheidende US-Präsident in Athen halten sollte – die "Vermächtnisrede", wie sie schon genannt wird. Jetzt wird es das Kulturzentrum der Reeder-Familie Niarchos in Piräus im Süden Athens. Eine Burg aus Beton und Glas, gerade neu eröffnet und schwer zu stürmen für Anarchisten, Autonome oder gar Mitglieder der griechischen Terrorszene. Sie versprachen Obama einen "heißen Empfang".

Vergangene Woche wurde eine Granate vor die französische Botschaft geschleudert, trotz Kameras und Wachleuten. Es sollte eine Machtdemonstration sein, sagt die Polizei. Ein Wachmann wurde verletzt.

Solidarität gegenüber den Flüchtlingen

Zwei Tage wird Obama in Athen sein. Am Dienstagvormittag wird er landen und dann in ein Hotelresort im Athener Süden gefahren. Ein Abstecher nach Lesbos, aus Solidarität gegenüber den Flüchtlingen, kann – sofern er denn tatsächlich überlegt worden war – nicht stattfinden, denn die Landebahn auf der Insel ist viel zu kurz für die Air Force One.

So wird Obama zunächst den griechischen Präsidenten treffen, der vorwiegend protokollarische Aufgaben zu erfüllen hat, und nach dem Besuch bei Prokopis Pavlopoulos ein Haus weitergehen zu Alexis Tsipras, dem politisch weit links stehenden Premier. Teile des Zentrums um den Regierungssitz sind abgeriegelt, offiziell 300 amerikanische Sicherheitsleute sollen zuletzt eingeflogen worden sein. Am Mittwoch ist dann doch die Akropolis an der Reihe. Zumindest das Museum, wenn nicht schon ein Gang auf den Hügel. Und anschließend die Vermächtnisrede über die zwei Amtszeiten, wohl auch ein Ausblick auf das, was unter dem Nachfolger Donald Trump kommen könnte.

Finanzen und Flüchtlinge

Griechenland ist der politisch symbolische Teil dieser Abschiedsreise Obamas nach Europa, Deutschland der handfeste, praktische. In Athen geht es um den Wert der Demokratie und die Herausforderungen der Europäer durch Finanz- und Flüchtlingskrise. Deutschland aber ist einer der oder der wichtigste Verbündete der USA.

Im Vorfeld hatten US-Diplomaten abgewiegelt: Obama werde in Athen keine neuen Konditionen für die Kreditverträge aushandeln oder in irgendeiner Weise als Vermittler auftreten. Doch in einem Interview mit der konservativen, Tsipras-kritischen Tageszeitung "Kathimerini" schlug der US-Präsident dann doch deutlichere Töne an und bekräftigte die Auffassung seines Finanzministers Jacob Lew wie des Internationalen Währungsfonds: Griechenland brauche eine "bedeutsame Schuldenerleichterung". Die deutsche Regierung sperrt sich dagegen.

Skepsis und Erschöpfung nach sieben Jahren Sparkurs

Für Tsipras ist dies das wichtigste Thema, der eine Sieg über die Gläubiger, den er seinen Bürgern präsentieren will. Doch im Volk herrschen Skepsis und Erschöpfung nach sieben Jahren Sparkurs.

"Tsipras spielt nach den Regeln der USA und der EU, wie wir gesehen haben. Deshalb hofft er, dass er etwas aus diesem Besuch herausholt", sagt der Grafiker Dionisis Lialos. "Doch jetzt, wo Hillary verloren hat und die Demokraten auch im Kongress keine Kontrolle mehr spielen, ist Obamas Besuch etwas nutzlos." (Markus Bernath aus Athen, 15.11.2016)

  • US-Präsident Barack Obama bei seiner Ankunft in Athen.
    foto: apa/afp/brendan smialowski

    US-Präsident Barack Obama bei seiner Ankunft in Athen.

  • Obama mit dem griechischen Verteidigungsminister Panagiotis Kommenos.
    foto: apa/afp/brendan smialowski

    Obama mit dem griechischen Verteidigungsminister Panagiotis Kommenos.

  • Niedergeschlagen reagierte man in Athen auf Trumps Wahl.
    foto: afp / louisa gouliamaki

    Niedergeschlagen reagierte man in Athen auf Trumps Wahl.

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