Maßschuhmacher Scheer: "Sieben Zentimeter ist die magische Grenze"

19. November 2016, 08:00
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Die meisten Frauen finden, dass ihre Füße zu groß sind, sagt der Wiener Maßschuhmacher Markus Scheer. Er muss es wissen. Jetzt hat er jahrhundertealtes Wissen in ein Buch gegossen

STANDARD: Frauenschuhe sind viel stärker als Herrenschuhe modischen Entwicklungen unterworfen. Machen Maßschuhe für Frauen überhaupt Sinn?

Markus Scheer: Frauen sind emotionale Sammler von Schuhen und Accessoires. Dass ein Schuh die Füße nicht malträtiert, kommt oft erst an zweiter Stelle. Viele besitzen einen regelrechten Schuhpark, teilen diesen aber in zwei Teile: in Schuhe für modische Anlässe und in jene, die einen viele Jahre lang begleiten. Genauso wie bei Herrenschuhen gibt es auch bei Damenschuhen Klassiker. Sie werden oft auf Maß hergestellt.

STANDARD: Historisch gesehen stammen viele Klassiker aus der Damenwelt und wurden von den Herren übernommen.

Scheer: Ja, man denke nur an den Budapester. Frauenschuhe wurden von Schuhmachern oft aus den Resten der Herrenschuhe geschnitten. Sehr oft hatten die Lederreste Fehler oder Löcher, die es zu verbergen galt. So wurde die Lochung erfunden, die dem Budapester seine Charakteristik verleiht. Der Budapester war ursprünglich also eine Budapesterin.

STANDARD: Damen- und Herrenfüße unterscheiden sich. Auf was muss man als Schuhmacher achten, wenn man einen Damenschuh herstellt?

Scheer: Viele Damen finden, dass ihre Füße zu groß sind. Man kann sich darüber Gedanken machen, welche Normen und Zwänge da dahinterstecken. Das Schönheitsideal bei Damen ist: kleine Füße. Da hilft es nichts, dass die anatomische Entwicklung in eine andere Richtung geht. Auch der Markt hinkt der Entwicklung hinterher. Vor zehn Jahren gab es keinen 40er, heute gibt es keine 42er. Männer wollen phallushaft lang und schmal erscheinen, die Damen möglichst zart und zierlich. Das macht im Grunde den einzigen Unterschied beim Leistenbau. Alle anderen Kriterien sind der Anatomie und der Behandlung der Füße geschuldet.

STANDARD: In der Absatzhöhe unterscheiden sich Männer- und Frauenschuhe allerdings.

Scheer: Interessant ist, dass Herrenschuhe, was die Absatzhöhe betrifft, immer höher werden, Frauenschuhe immer niedriger. Die Konjunktur von Ballerinas ist ein gutes Beispiel.

STANDARD: Zehn-Zentimeter-Heels sind aber nicht vom Markt verschwunden, im Gegenteil.

Scheer: Sie halten sich, der Trend geht aber in eine andere Richtung. Für mich sind sieben Zentimeter eine magische Grenze.

STANDARD: Wie kommen Sie auf dieses Maß?

Scheer: Das ist eine physikalische Gesetzmäßigkeit. Bei einer Höhe von mehr als sieben Zentimetern verlagert sich der Schwerpunkt des Körpers. Bei Damen gibt es einen grünen Bereich bis 3,5 Zentimeter, einen gelben Bereich bis fünf bzw. 5,5, und einen gelbroten Bereich bis sieben Zentimeter. Darüber hinaus kann ich einen Absatz als orthopädischer Schumacher nicht verantworten.

STANDARD: Woher kommt es, dass gesundheitliche Aspekte bei Schuhen so stark vernachlässigt werden?

Scheer: Der Hintergrund ist, glaube ich, jener, dass wir von Körpermenschen zu Geistesmenschen geworden sind. Je weniger wir den Körper einsetzen müssen, desto weniger Rücksicht nehmen wir auf ihn. Mir ist es unverständlich, was wir Füßen im Laufe eines Lebens alles antun.

STANDARD: Was erzählen Füße über uns?

Scheer: Bei Frauen gibt es das Phänomen, dass sie nicht zu ihren Füßen stehen können. Sie genieren sich dafür. Als Schuhmacher teste ich aus, wie weit eine Person mit ihren Füßen verknüpft ist. Welche Problemzonen es gibt. Wenn ich daraufhin einen Schuh baue, reagiere ich darauf. Die Kunst des Schuhmachers besteht darin, einem Fuß nur das Beste angedeihen zu lassen. Ohne, dass man an der Optik allfällige Korrekturen sehen könnte. Ein Schuh muss gesund und schön sein. (Stephan Hilpold, RONDO, 19.11.2016)

Markus Scheer (geb. 1972 in Wien) ist Schuhmacher in siebenter Generation. Bei Ecowin erschien gerade "Der Fuß weiß alles".

www.scheer.at

  • Wer sich bei Scheer Schuhe anfertigen lässt, muss tief in die Tasche greifen. Verständlich, dass vor allem Klassiker gefragt sind.
    foto: peter rigaud

    Wer sich bei Scheer Schuhe anfertigen lässt, muss tief in die Tasche greifen. Verständlich, dass vor allem Klassiker gefragt sind.

  • Markus Scheer: "Für mich ist eine Absatzhöhe von sieben Zentimetern eine magische Grenze. Darüber hinaus kann ich einen Absatz als orthopädischer Schumacher nicht verantworten."
    foto: peter rigaud

    Markus Scheer: "Für mich ist eine Absatzhöhe von sieben Zentimetern eine magische Grenze. Darüber hinaus kann ich einen Absatz als orthopädischer Schumacher nicht verantworten."

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