Thiems zweite Chance gegen das Spektakel

14. November 2016, 17:23
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Nach der Auftaktniederlage gegen Novak Djokovic steht Dominic Thiem bei den ATP Finals in London vor seiner zweiten, schon entscheidenden Partie gegen den Franzosen Gael Monfils. In der Arena wartet aber alles auf den Schotten Andy Murray

London – Und dann wirkt alles wieder normal. London ist grau, es nieselt leicht, der Wind weht. Man kennt das. Taxifahrer Navinder ist gebürtiger Inder, er lebt seit 20 Jahren in der britischen Hauptstadt. Fast ein halbes Jahr nach dem Brexit Referendum schimpft er auf die Politik und ist grantig, dass der Englische Pfund im Vergleich zur indischen Rupie an Wert verloren hat. Die richtige Ausfahrt verpasst er dabei zwei Mal.

Auch in der O2-Arena und ihrem Speckgürtel aus Fastfood-Restaurants und Entertainment-Shops ist im Vergleich zum ersten Tag der ATP Finals nicht viel los. Ein paar Kinder schreien, weil sie Iron Man sehen wollen, ein älterer Mann im schicken, wohl teurem Business-Outfit sitzt fast einsam auf einem Stuhl und ist beeindruckt von der Virtual-Reality-Brille. Auch London muss am Montag arbeiten.

Dass Dominic Thiem seinen Auftakt gegen die Nummer zwei der Welt Novak Djokovic am Sonntag verloren hatte, ist auch normal. Das Match war sinnbildlich für das Jahr des 23-Jährigen: starker Beginn, dann deutlich abgefallen. Drei Doppelfehler im Tie-Break des ersten Satzes werfen Fragen auf.

Ein bisschen trösten konnte den Chelsea-Anhänger ein kurzes Treffen mit dem Fußballtrainer-Star José Mourinho, der neben Barcelona-Kicker Gerard Piqué, in der "Stars Box" saß: "Wir haben kurz gesprochen. Er hat mir zu meiner Saison gratuliert. Es war lustig", sagte Thiem.

Mit seinem ersten Satz, der immerhin über eine Stunde dauerte, war Thiem "zufrieden. Den Energieabfall im zweiten Satz nützt ein Spieler wie Djokovic natürlich sofort." Von der Kulisse und den 17.000 Fans ist er angetan.

Im zweiten Spiel der Gruppe zeigte sich der Kanadier Milos Raonic staubtrocken. Die Nummer vier der Weltrangliste ließ Herausforderer Gael Monfils wenig Licht, setzte sich gegen das Tennis-Spektakel unspektakulär mit 6:3 und 6:4 durch. Die Gruppenfavoriten Djokovic und Raonic sind damit im Plan. Normal.

Augenhöhe

Am Dienstag geht es in der Gruppe weiter. Thiem und Monfils spielen die Nachmittags-Session. Gegen den Franzosen kann sich Thiem durchaus Chancen ausrechnen, im direkten Vergleich führt der Österreicher mit einem Sieg beim Sandplatzturnier in Umag 2015 mit 1:0. Normalerweise sollten beide auf Augenhöhe sein.

Monfils, Sechster der Weltrangliste, ist eine Show. Seine Akrobatik und spektakulären Bälle sind Wind in den Mühlen des Publikums. Die Beinarbeit manchmal näher am Turniertanz, geht oft auf Kosten der Effizienz. Für einen Spaß und eine Überraschung ist der 30-Jährige immer zu haben: eine Wundertüte. 2016 konnte Monfils das Turnier in Washington gewinnen, bei den US-Open kam er bis ins Halbfinale und scheiterte an Novak Djokovic.

Auf den Rängen ist es am Nachmittag auch noch ruhig. Der Japaner Kei Nishikori besiegt ein wenig überraschend den Schweizer Stan Wawrinka klar mit 6:2, 6:3. Die Halle ist nicht ganz voll, die Show bleibt trotzdem.

Am Abend griff der Schotte Andy Murray mit seiner Partie gegen den Kroaten Marin Cilic in das Geschehen ein. Da war mehr los sein, er gewann 6:3, 6:2. Murray ist die neue Nummer eins der Tenniswelt. Der 29-Jährige spielt eine fantastische Saison, triumphierte in Wimbledon, bei den Olympischen Spielen und zuletzt beim ATP-1000-Turnier in Paris-Bercy. Ein Schotte, als britischer, also auch englischer Liebling. Schon bei den Spielen zuvor hallen immer wieder "Come on Andy"-Rufe durch die Halle. Man freute sich.

Taxifahrer Navinder mag Murray: "Er wirkt immer so cool und gelassen. Ein richtiger Sir." Die Ausfahrt hat er beim dritten Mal dann erwischt. Manch anderer mag Murray nicht so: "Arrogant", heißt es. Auf jeden Fall zählen für Murray und England nur der Turniersieg, trotz der hohen Qualitätsdichte rechnen alle mit dem krönenden Abschluss der Saison. (Andreas Hagenauer aus London, 14.11.2016)

  • Jetzt kommt, in Riesenschritten sozusagen, Gael Monfils  auf Dominic Thiem zu. Dieser hat gegen den Franzosen immerhin eine positive Bilanz (1:0) aufzuweisen.
    foto: reuters/o'brien

    Jetzt kommt, in Riesenschritten sozusagen, Gael Monfils auf Dominic Thiem zu. Dieser hat gegen den Franzosen immerhin eine positive Bilanz (1:0) aufzuweisen.

  • Respekt hat er natürlich auch. Monfils sei "der wahrscheinlich beste Athlet im Tennis".
    foto: reuters/o'brien

    Respekt hat er natürlich auch. Monfils sei "der wahrscheinlich beste Athlet im Tennis".

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