Jüdisches Filmfestival Wien: Alte Motive und neue Möglichkeiten

14. November 2016, 17:23
posten

Das Filmfestival bestreitet ab Dienstag sein 25-jähriges Jubiläum

Wien – Es ist eine nur auf den ersten Blick eingeschworene Gruppe, dich sich abends in einer Wohnung mitten in Jerusalem im Jahr 1947 eingefunden hat. Vier Männer bereiten sich darauf vor, die Nacht hier gemeinsam zu verbringen, wenig später stößt eine junge Frau zu ihnen. Nackte Glühlampen tauchen den Raum in ein Halbdunkel, das Mobiliar ist spärlich, das Wohnzimmer mit einem schweren Tisch in der Ecke wird zur Kommandozentrale. Denn im Keller des Hauses befindet sich eine Geisel, ein britischer Soldat, der im Morgengrauen erschossen werden soll. Es sei denn, London stimmt einem Gefangenenaustausch zu. Doch die Chance, dass die Besatzungsmacht einwilligt, steht schlecht.

foto: jüdisches filmfestival
Jüdische Widerstandskämpfer warten auf den Morgen: Liron Levo nimmt in "Dawn" den entscheidenden Anruf entgegen.

Dawn (Morgenröte), inszeniert vom Schweizer Filmemacher Romed Wyder nach dem Roman L’Aube von Elie Wiesel aus dem Jahr 1961, folgt den typischen Charakteristika eines Kammerspiels, in dem der äußere Druck auf die Eingesperrten sich sukzessive erhöht. Und hier wiederum vor allem auf den Jüngsten, Elisha (Joel Basman), der dazu angehalten ist, den Befehl im Morgengrauen auszuführen. Bis der innere Konflikt zu einer unumkehrbaren Flucht nach vorne führt.

Dawn, zu sehen als österreichische Premiere, ist eine von zahlreichen Produktionen, mit denen das Jüdische Filmfestival seine mittlerweile 25-jährige Ausgabe bestreitet. Die auf mehrere Programmschienen verteilten Themenschwerpunkte bilden dabei einmal mehr die unterschiedlichen Zugänge ab, mit denen Fragestellungen zu jüdischem Leben in der Vergangenheit und in der Gegenwart abgebildet werden.

Und immer wieder Querverbindungen nachzeichnet: Wenn etwa Otto Premingers Exodus (1960) mit Paul Newman davon erzählt, wie ebenfalls 1947 tausende jüdische Flüchtliche auf Zypern festgehalten werden und ihnen die Überfahrt nach Palästina verweigert wird, rücken die Motive der Widerstandskämpfer in Dawn in ein neues Licht.

dschoint ventschr

Was diesem Festival über die Jahre aber vor allem gelungen ist, ist die Festigung seiner kulturpolitischen Relevanz. Wiederkehrende Themen wie Shoa und Diaspora werden wiederholt mit gegenwärtigen Fragen in Zusammenhang gebracht. So bedarf die aktuelle Diskussion nach den Auflagen für die Vorführung von "Vorbehaltsfilmen" der NS-Propaganda noch einer eingehenden Auseinandersetzung, die ein solches Festival zu leisten imstande ist.

Da darf ein Rahmenprogramm, das der Bedeutung der jüdischen Musik beziehungsweise des jüdischen Geigenspiels nachgeht, gerne als Nebenschauplatz betrachtet werden – mit dem Auftritt des russisch-deutschen Virtuosen Aleksey Igudesman im Gartenbaukino (28.11.) als Höhepunkt. (Michael Pekler, 14.11.2016)

Share if you care.