Smart-Home-Experte: "System schlägt vor, beim Lieblingschinesen zu bestellen"

Interview17. November 2016, 09:00
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Marius Marek über Dash-Buttons, intelligente Systeme und das Entstehen neuer Jobs durch Smart-Home-Technologien

STANDARD: Mit Produkten wie Google Home und Amazon Echo kommen Sprachassistenten in die Häuser, die auf Zuruf Videos abspielen oder Online-Einkäufe erledigen. Ist gesprochene Sprache die Eingabeform der Zukunft, die Touchscreens im Smart Home ablösen wird?

Marius Marek: Die Sprachsteuerung wird definitiv dazu führen, dass man mit Smart-Home-Systemen auf komfortablere Art interagieren kann. Doch die Technik ist noch weit davon entfernt, dass sie alles versteht. Man stelle sich nur ein Abendessen mit mehreren Gästen, die durcheinanderreden, vor. Wenn man da die Musik per Sprachkommando lauter oder leiser haben will, funktioniert das nicht. Aber auch die Interaktion über Bildschirme wird sich verändern. Oberflächen und ganze Gegenstände werden zu Bedienoberflächen werden. Wände werden vielleicht erkennen, wo ich sie berühre.

STANDARD: Der einfache Schalter, der heute etwa das Licht regelt, hat im Smart Home der Zukunft ausgedient?

Marek: Ganz im Gegenteil. In vielen Fällen wird ein einfacher Tast-Schalter, der mit einer genau definierten Funktion verbunden ist, die bessere Alternative sein. Wenn der Kaffee aus ist, bestellt man per Knopf neben der Kaffeemaschine Nachschub – via Amazon Dash Buttons ist das bereits gängige Praxis. Dieses Prinzip ist für viele weitere Aktionen denkbar. Die Herausforderung ist, sie so zu positionieren, dass sie Sinn ergeben und benutzt werden.

STANDARD: Aktionen können nicht nur durch aktive Eingabe, sondern auch aufgrund von Sensordaten ausgelöst werden.

Marek: Anwesenheits- und Positionserfassung von Personen und Geräten im Raum ist ein großes Thema. Mit entsprechender Sensorik können Heizung, Licht und Musik automatisch geregelt werden und das Umfeld kann intelligenter reagieren – wobei die Hilfestellung über das einzelne Gebäude hinausgehen wird: Wenn ich zwei Tage nicht da bin, werden daheim eventuell Geräte abgeschaltet. Wenn ich abends nach Hause komme, weiß das System durch Smartphone-Daten vielleicht, dass ich noch nichts gegessen habe, und schlägt vor, etwas beim Lieblingschinesen zu bestellen. Meine Einstellungen, wie das Wohnumfeld reagieren soll, kann ich gegebenenfalls auch in andere Immobilien mitnehmen. Viele wesentliche Aspekte eines Smart Home werden für den Nutzer aber überhaupt nicht präsent sein.

STANDARD: Was zum Beispiel?

Marek: Die Energietechnik. Smart Homes der Zukunft werden über ein komplexes Regelsystem mit den Energieversorgungsnetzen verbunden sein. Geräte werden sich einschalten, wenn die Photovoltaik Strom liefert oder der Energiepreis gering ist. Das ist allerdings kein Thema, das sich gut verkaufen lässt. Die Multiroom-Musikanlage für die Partybeschallung ist viel attraktiver als die optimierte Ladestation fürs Auto, die sich mit heutigen Strompreisen ohnehin nicht rechnet. Die Ladestation braucht zumindest eine Visualisierung, die die Stromersparnis anzeigt, um sie für Käufer attraktiv zu machen.

STANDARD: Eine wirtschaftliche Motivation für Smart-Home-Produkte gibt es also kaum?

Marek: Produkte, die dem Komfort dienen, die ich herzeigen und über die ich Status transportieren kann, bieten Nutzern einen emotionalen Wert. Manche freuen sich daran, die Putzfrau zu ärgern, wenn sie aus der Ferne die Musikanlage einschalten. Aber auch die unscheinbaren Dinge werden sich durchsetzen, ähnlich wie früher das ABS-Bremssystem in Fahrzeugen. Da gab es auch Leute, die die Sinnhaftigkeit in Frage gestellt haben.

STANDARD: Für viele potenzielle Nutzer ist die Technik viel zu komplex, um sich dafür zu interessieren.

Marek: Es kommen immer mehr Einzelsysteme auf den Markt, die aber immer nur Teilbereiche abdecken. Wenn man die automatische Jalousiensteuerung nun sinnvoll mit anderen Technologien im Haus vernetzen möchte, scheitert man schnell an der Komplexität der Sache. Ich glaube, dass sich hier über kurz oder lang ein Dienstleistungssektor entwickeln wird, der aus den Teilsystemen individuell und nach Bedarf schlüssige Gesamtkonzepte entwirft. Dabei werden sie auf ein Netzwerk an Spezialisten – vom Architekten über den Elektroinstallateur bis zum Netzwerktechniker – zurückgreifen.

STANDARD: IT-Sicherheit wird im Smart Home auch für Türschlösser und Heizungstechnik relevant. Wie weit ist da das Bewusstsein gediehen?

Marek: Das Problem ist, dass sich hier viele Hersteller mit IT befassen, obwohl das nicht ihre Kernkompetenz ist. Ein Produzent von Garagentorantrieben versieht sein Produkt eben auch mit Netzwerktechnik. So entstehen viele Schwachstellen. Auf der anderen Seite geben die Benutzer nach wie vor der Einfachheit Vorzug gegenüber der Sicherheit – Hauptsache, es lässt sich einfach installieren und per App steuern. Es gibt aber auch nur wenige schwerwiegende Angriffe. Noch.

STANDARD: Unterstützende Technik im Haus wird oft nur im Sinne von Ambient Assisted Living als Sache für gebrechliche oder pflegebedürftige Personen gesehen. Ist das sinnvoll?

Marek: Automatische Türöffner, die für Pflegebedürftige ein Muss sind, sind für einen nicht-gebrechlichen Menschen einfach nur Komfort. Wird man zum Pflegefall, wird die Technologie wichtiger. Der Übergang von Komfort zu Bedarf ist fließend. Deshalb würde ich sagen: Designen wir diese Technologien doch so, dass wir sie schon gerne verwenden, solange wir sie noch nicht unbedingt brauchen! (Alois Pumhösel, 17.11.2016)

Marius Marek (44) ist Gründer des Unternehmens M-Smartsolution, das sich dem Design von individuellen Smart-Home-Konzepten widmet. Zuvor war der studierte Wirtschaftsingenieur Geschäftsführer des Smart-Home-Ausstatters Integius Systems

  • Marius Marek von M-Smartsolution kennt die möglichen Schwachstellen von Smart Homes.
    foto: 360perspektiven.at sven posch

    Marius Marek von M-Smartsolution kennt die möglichen Schwachstellen von Smart Homes.

  • Noch Zukunftsvision: Das smarte Home, das vorschlägt, Abendessen zu bestellen.
    foto: ap/matthew mead

    Noch Zukunftsvision: Das smarte Home, das vorschlägt, Abendessen zu bestellen.

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