"Mister Universo": Die Suche nach dem ehernen Glück

15. November 2016, 06:00
posten

In ihrem neuen Film tauchen Tizza Covi und Rainer Frimmel einmal mehr in die Welt des Zirkus ein: eine fiktionale Suche mit dokumentarischem Anstrich

Wien – Im Abspann widmen Tizza Covi und Rainer Frimmel ihren jüngsten Film Mister Universo all jenen, die durch die Digitalisierung von Film ihre Arbeit verloren haben. Das italienisch-österreichische Filmemacher-Paar selbst dreht konsequent mit analogem Material, wohl wissend, dass diese Technologie nur noch in Nischen eine Zukunft haben kann. Genauso hat die Welt des Zirkus, die Covi und Frimmel nach La Pivellina (2009) und Der Glanz des Tages (2012) erneut für eine fiktionale Arbeit aufsuchen, ihre goldene Zeit bereits hinter sich.

foto: stadtkino
"Mister Universo" kommt seinen Figuren nahe. Hier der Schlangenfrau Wendy Weber.

Einmal mehr hat sich auch bei Mister Universo die erzählte Geschichte aus der Lebensrealität der Laiendarsteller entwickelt, wodurch der Film seinen dokumentarischen Anstrich erhält. Hauptakteur ist Tairo Caroli, der als 14-Jähriger bereits in La Pivellina zu sehen war und mittlerweile in einem Wanderzirkus die Raubtiere bändigt. Als bewegtes Subjekt kreist er um das gravitätisch in der Ferne ruhende Zentrum des Films, den Mister Universum von 1957, Arthur Robin.

Glückssuche

Dieser arbeitete noch vor wenigen Jahren selbst als Schausteller. Seine bekannteste Übung war das Verbiegen von Metall zu hufeisenförmigen Glücksbringern, auch Tairo hatte einen solchen einst geschenkt bekommen und zum Bestandteil seines täglichen Vorbereitungsrituals gemacht. Als ihm der Talisman eines Tages abhandenkommt, beschließt Tairo, für den es in der Manege bereits suboptimal läuft (auch Löwen und Tiger werden nicht jünger), Arthur Robin zu suchen und um ein neues Eisen zu bitten. Dass ihn seine Reise, die ihn von Familienmitglied zu Familienmitglied führt, letztlich auch ans Ziel bringt, darf als kleines Wunder gesehen werden. Sein Glück wird ihm tatsächlich jedoch in unerwarteter Form gebracht werden, wobei die junge Kontorsionistin Wendy Weber eine nicht zu kleine Rolle spielt.

Tairos rothaarige Kollegin ist in diesem Film ein weiteres Beispiel, das alle Vorstellungen von der Freiheit der fahrenden Leute Lügen straft. Zweimal täglich muss sie die Schlangenfrau geben, obwohl ihr der Arzt bereits dringend von den Verrenkungen abgeraten hat. In ihrem Wohnwagen herrscht wie in denen ihrer Kollegen eine Beengtheit, die ihn mit dem Käfig von Tairos Großkatzen vergleichbar macht. Einfühlsam und doch deutlich machen die mit der Handkamera gedrehten grobkörnigen Aufnahmen Frimmels sowohl diese Enge wie auch die Vergänglichkeit des Gezeigten erlebbar.

stadtkino filmverleih

Dass Mister Universo nicht zu einem melancholischen Requiem mit wundersamen Einsprengseln gerät, ist seinen Protagonisten zu verdanken. Trotz seiner verantwortungsvollen Position in der Manege erscheint Tairo nach wie vor als großes Kind, das mit seinem Verhalten am Lenkrad den Puls des Betrachters verlässlich schneller schlagen lässt. Seine Verwandtschaft ist ebenso sympathisch wie die vom Aberglauben parallel zur Hufeisensuche getriebene Wendy. Und dann gibt es natürlich noch Arthur Robin.

Einst konnte er als erster Schwarzer die Bodybuilderkrone gewinnen, heute, mit 88 Jahren, führt er als anscheinend glücklicher Mensch mit seiner österreichischen Frau ein beschauliches Leben als Kartenabreißer in einem norditalienischen Safaripark – und ist noch immer in bestechender Form. Gut könnte man sich einen Film vorstellen, der sich allein seinem Leben widmet, so ist er der ideale Gegenpol zu Tairo, dem die Hummeln noch ordentlich im Podex brummen. Beide Männer brauchen unterschiedliche Formen der Kraft für ihre Arbeit. Wie man diese aktiv lenkt und nutzbar macht, das kann der junge Dompteur noch lernen. Für das notwendige Glück werden Tairos patente Mutter und Wendy schon sorgen. (Dorian Waller, 15.11.2016)

Share if you care.