Nur keine Umstände

14. November 2016, 14:10
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Rosberg: "Was soll ich mir Gedanken machen?" – Hamilton: "Ich bin auf der Jagd "

Interlagos – Peter Luttenberger hat 1996 die Tour de Suisse gewonnen und die Tour de France auf Rang fünf beendet, also hat er sich nun zum Formel-1-GP von Brasilien geäußert. "Hunderte Radrennen bei wesentlich schlechteren Wetterbedingungen" habe er seinerzeit bestritten, hielt Luttenberger fest, und das hat nicht wenigen Social-Media-Konsumenten gefallen. Natürlich ist Radfahren nicht gleich Formel-1-Fahren, PS-mäßig kein Vergleich. Doch Luttenbergers Ergänzung ist nicht von der Hand zu weisen: "Rennfahrer passen sich den Umständen an, das ist Rennsport."

In Interlagos haben sich etliche Formel-1-Rennfahrer am Sonntag an gar nichts angepasst, etliche Unfälle waren die Folge, dann passten die übrigen Rennfahrer immerhin ihr Tempo jenem des Safety-Cars an. So stand das Ergebnis nach geraumer Zeit erst fest, Lewis Hamilton vor Nico Rosberg, Überraschung! Man brauchte das Safety-Car gar nicht dazurechnen, um zu dem Schluss zu kommen, dass Mercedes wieder einmal ein Rennen dominiert hatte.

In der WM bleibt es spannend, allerweil. Das Finale steigt in zwei Wochen in Abu Dhabi, und der Brite Hamilton wahrte seine Chancen auf den vierten Titel nach 2008, 2014 und 2015. Doch der Deutsche Rosberg hat die besseren Karten, ihm reicht selbst bei einem neuerlichen Erfolg seines Teamkollegen ein dritter Platz zum Titelgewinn. Rosberg sagt, auf eine Zitterpartie habe er keine Lust. "Ich will in Abu Dhabi gewinnen. Was soll ich mir Gedanken machen über andere Wege?"

Ob er in zehn Tagen wirklich so locker an die Aufgabe herangehen wird, bleibt aber abzuwarten. Drei zweite Plätze en suite, das sieht schon nach Verwalten aus – und in Brasilien hatte Rosberg gegen Hamilton nicht den Funken einer Chance. Im Gegenteil – Rosberg müsste dankbar sein. In Austin hatte ihm das Safety-Car den zweiten Rang gerettet, in Mexiko hatte er von den Scharmützeln zwischen Max Verstappen und Sebastian Vettel in seinem Rückspiegel profitiert, in Brasilien kam ihm ein verpatzter Reifenpoker von Verstappen zu Hilfe.

Hamilton hatte bereits, wenn auch nicht mit sich, so doch mit Gott und der Welt gehadert. Nun wittert er wieder eine Chance. "Ich bin auf der Jagd." Zwölf Punkte beträgt sein Rückstand auf Rosberg, der aus eigener Kraft Weltmeister wird, wenn er in Abu Dhabi aufs Stockerl fährt. Hamilton muss hoffen, dass Rosberg Unbill widerfährt. "Er fährt mit dem Herzen im Hals", beschrieb die Gazzetta dello Sport Rosbergs Vorstellung in Brasilien.

Für Mercedes-Sportchef Toto Wolff ist Rosbergs Leistung aber nicht als Zeichen der Schwäche zu werten. In einem unübersichtlichen Rennen wie am Sonntag könne man in der Position des WM-Leaders "mehr verlieren als gewinnen", sagte der Österreicher. Rosberg selbst konterte Nachfragen über die Ursachen seines fehlenden Speeds damit, dass er in der Endphase nicht mehr alles riskiert habe: "Der Sieg war nicht drin, Lewis hat einen super Job gemacht. Daher habe ich am Ende den Motor runtergedreht, weil mir das für Abu Dhabi mehr Power lässt."

Dass die WM nach der längsten Saison der Formel-1-Geschichte durch einen technischen Defekt entschieden wird, will Mercedes unbedingt verhindern. Falls doch, könnte wieder Peter Luttenberger zur Stelle sein. Wer könnte sich – man denke nur an den legendären Rudolf Mitteregger ("Wo san denn die Affen, hearst") – über technische Defekte besser auslassen als ein Radrennfahrer? (sid, fri, 14.11.2016)

  • Nico Rosberg darf sich jagen lassen von Lewis Hamilton.
    foto: apa/almeida

    Nico Rosberg darf sich jagen lassen von Lewis Hamilton.

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