Brexit: "Rendezvous mit der Wirklichkeit kommt noch"

14. November 2016, 13:57
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Österreichs Handelsdelegierter in London: 2017 wird Tal der Tränen – Wirtschaftswachstum bremst sich voraussichtlich auf 0,6 Prozent ein

Wien/London – Der "Marmite"-Krieg war ein erster Vorgeschmack darauf, was auf die Briten im Zuge des EU-Ausstiegs noch so alles zukommt: Im Spätsommer gab es einen landesweiten Aufschrei, weil der dort so beliebte Hefe-Brotaufstrich in den Regalen knapp wurde. Hintergrund war ein Preiskrieg zwischen der Supermarktkette Tesco und dem niederländischen Zulieferer Unilever, der mittlerweile beigelegt wurde.

"Dieses Rendezvous mit der Wirklichkeit kommt nächstes Jahr. Deshalb ist die Premierministerin (Theresa May, Anm.) auch so zurückhaltend", sagte der österreichische Handelsdelegierte der Wirtschaftskammer Österreich in London, Christian Kesberg, heute, Montag, vor Journalisten in Wien. "Das nächste Jahr wird ein Tal der Tränen." Heute wisse man zwar noch immer nicht mehr über die Brexit-Auswirkungen als im Juni, aber soviel scheint sicher: "Wirtschaftlich wird es den Briten schaden – wie sehr, weiß der Kuckuck", so der Wirtschaftsdelegierte.

Heuer soll die britischen Wirtschaft diversen Prognosen zufolge noch um 1,6 bis 1,8 Prozent wachsen – das ist aber auch schon deutlich schwächer als 2015 (plus 2,3 Prozent). Doch schon im nächsten Jahr könnten nur noch 0,6 Prozent drinnen sein, statt 2 Prozent. "Laster haben einen langen Bremsweg", betonte Kesberg. Spätestens 2017 ist es dann soweit. Es könnte zu einem Stillstand kommen.

Verunsicherung am Weg

Die EU-Austrittsverhandlungen starten im März 2017 und werden sich vorerst einmal über zwei Jahre hinziehen. Für die Wirtschaftstreibenden bedeutet das also auch im kommenden Jahr vollkommene Unsicherheit und auch Verunsicherung. "Die Investitionsnachfrage wird sinken, die Konsumnachfrage wird sinken, die Inflation wird steigen und die Arbeitslosigkeit auch", erwartet der Wirtschaftsdelegierte.

Es sind noch zu viele Fragen offen, um exakte Vorhersagen machen zu können. "Großbritannien fällt nicht vom Stuhl, doch 2016 bis 2020 wird die Wirtschaft kumuliert nur um rund 5 Prozent, statt um 10 Prozent ohne Brexit, wachsen", sagte der Handelsdelegierte unter Berufung auf Konjunkturforscher. Großbritannien werde "ein Österreich von 2012 bis 2016" sagte er mit dem Nachsatz "- vielleicht, eventuell und etc., denn niemand weiß, was wirklich passieren wird". Österreich hatte auch jahrelang ein Wirtschaftswachstum von nur 1 Prozent ausgewiesen. (APA, 14.11.2016)

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