Erwin Schrott: Vom Risiko, ein ernsthafter Künstler zu sein

Interview14. November 2016, 14:15
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Der Bassbariton präsentiert am Dienstag mit "Cuba Amiga" ein neues lateinamerikanisches Programm im Wiener Konzerthaus

STANDARD: Herr Schrott, welche Art von Musik ist Ihnen persönlich am nächsten?

Schrott: Gute Musik!

STANDARD: Können Sie das bitte ein wenig genauer umreißen?

Schrott: Ich glaube, jeder von uns hat einen Soundtrack in seinem Leben. Das sind vielleicht 15 Lieder, die mit großen Momenten zusammenhängen, als man ein gutes Gespräch mit einem Freund hatte, mit seinen Eltern zusammen war. Und natürlich bringe ich auch in meinem Abend "Cuba Amiga" Musik, die mir viel bedeutet.

STANDARD: Wie kam das Programm zustande?

Schrott: Der Abend ist wie eine wunderbare Reise. Am wichtigsten ist, dass sie so zusammengestellt ist, dass es nie langweilig wird. Ich denke bei der Auswahl an jeden Einzelnen im Publikum – welche Lieder ich mit ihnen teilen will, bei denen ich mein Bestes geben kann. Ich muss vollkommen ehrlich sein können, vollkommen ich selbst sein.

STANDARD: Ist es auch auf der Opernbühne so, dass Sie vollkommen Sie selbst sein können – oder empfinden Sie das anders?

Schrott: Sie haben recht. Sobald bei einem Galaabend das Licht auf der Bühne angeht, bin ich der Einzige, der mit dem Publikum kommuniziert. Es geht um wirkliche Kommunikation, nicht um einen Monolog, sondern sehr stark auch um die Reaktionen aus dem Saal. Das Publikum kann sogar entscheiden, welche Lieder es hört. Wir haben eine sehr entspannte Atmosphäre – wir können miteinander sprechen und sogar miteinander tanzen, wenn wir wollen. Wir feiern zusammen das Leben!

STANDARD: Können Sie sagen, was Ihre Haltung, Ihren Zugang zur Musik geprägt hat?

Schrott: Das Leben. Das Studium. Beides gleichermaßen. Mein Leben ist so voll von Musik, dass ich meine Beziehung zu ihr nur durch ein Wort ausdrücken kann: Liebe in ihrer ganzen Bedeutungsvielfalt.

STANDARD: Gibt es dennoch Momente, die für Sie einschneidend, bestimmend waren?

Schrott: Ja – als ich mit 19 Jahren das erste Mal als Solist auf der Opernbühne gestanden bin und schlagartig den Kontakt zur Musik, zum Theater gefunden habe. Das war das Ende meines bisherigen Lebens mit den Partys und dem Austricksen meiner Lehrer. Bis dahin war ich Chorsänger. Aber für einen Solisten gibt es keine Tricks. Das ist ein Leben wie ein Seiltanz in der Höhe von 200 Metern ohne Netz, nur dass ich nicht gehe, sondern singe.

STANDARD: Wie gut kann man sich auf diese Situation vorbereiten?

Schrott: Durch Lebenserfahrung und Arbeit. Wenn ich nicht zu 150 Prozent sicher bin, dass ich es kann, gehe ich nicht auf die Bühne. Da darf es keinen Zweifel geben. Ich muss nur genau wissen, was richtig ist für meine Stimme, für meinen Charakter – da gibt es vieles, was für mich nie infrage kommen würde. Ich hatte so viele Angebote für Rollen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie nicht zu mir passen. Das wäre Selbstmord.

STANDARD: Sehen Sie Ihre Auftritte nicht auch manchmal als Risiko?

Schrott: Ach, wissen Sie, das einzige Risiko ist, ein ernsthafter Künstler zu sein und sich ganz in die Situation fallen zu lassen. Wissen Sie, was mich wirklich glücklich macht? Wenn ich wie bei "Cuba Amiga" in Genf oder München ins Publikum sehe und – wie in München – in 3.000 lächelnde Gesichter schaue. Weil sie glücklich sind, mich zu sehen – und umgekehrt. Warum sollte ich auf der Bühne stehen, wenn man mich dort nicht haben wollte?

STANDARD: Man will Sie demnächst in Wien auch zweimal in Mozarts "Don Giovanni" haben: Im Theater an der Wien geben Sie im Dezember die Titelpartie. An der Staatsoper singen Sie im Jänner den Leporello. Bringt Sie das in Gefahr, sich in dem Stück zu verirren?

Schrott: Nein. (lacht) Ich habe mich mit dieser Oper beschäftigt, seit ich 14 war. Es wäre keine Herausforderung für mich, von Don Giovanni zu Donna Elvira zu wechseln – ich könnte beide singen. Es ist aber immer noch jedes Mal ein reines Vergnügen, wenn ich die ersten Akkorde der Ouvertüre höre. Das ist jedes Mal ein Wunder – dieses unerschöpfliche Meisterwerk. (Daniel Ender, 14.11.2016)

  • Gastiert mit einem lateinamerikanischen Programm im Wiener Konzerthaus: Erwin Schrott.
    foto: epa/christian charisius

    Gastiert mit einem lateinamerikanischen Programm im Wiener Konzerthaus: Erwin Schrott.

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