"Cendrillon": Eine böse Mutti namens László

14. November 2016, 15:46
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Wiener Premiere von Thierry Malandains Ballett an der Volksoper

Wien – Der Franzose Thierry Malandain ist ein erfahrener Choreograf: Auf seiner bisherigen Werkliste stehen gut siebzig Ballette. Das Wiener Staatsballett an der Volksoper hat bereits seine Vorjahrestanzsaison mit zwei Arbeiten des 57-Jährigen begonnen. Diesmal eröffnet er wieder, und zwar mit seiner Interpretation von "Cendrillon" (2013), dem Märchen vom Aschenputtel, zur Musik von Sergej Prokofjew.

foto: ashley taylor

Vor genau dreißig Jahren zeigte Rudolf Nurejew in der Pariser Opéra Garnier erstmals sein "Cinderella"-Ballett. Die Titelrolle dieser exzellenten Choreografie in ziemlich konventioneller Ausstattung tanzte Sylvie Guillem. Nurejew kürte die Ballerina, die vor einer kometenhaften Karriere stand, zur Étoile-Tänzerin seiner Compagnie.

Malandain war weniger von Nurejews Fassung beeindruckt als, wie er heute gesteht, von Maguy Marins 1985 entstandener "Cendrillon". Die als postmodern geltende Choreografin ließ ihre Tänzerinnen und Tänzer damals in einem Puppenhaus hampeln. Marins Ballett, das übrigens vergangenen Oktober ausschnittsweise wieder im Théâtre du Fil de l'eau bei Paris gezeigt wurde, war auf eine innovativere Art virtuos als das von Nurejew.

Wie Malandain hat auch Nurejew die Rolle der schlimmen Stiefmutter mit einem Herrn, das war 1986 Georges Piletta, besetzt. Malandain geht diesen Weg etwas weiter und lässt zusätzlich noch die beiden Stiefschwestern von Männern tanzen. Dieses queere Trio war in der Volksopern-Premiere großartig mit Mutti László Benedek und Samuel Colombet als Javotte sowie Keisuke Nejime als Anastasie besetzt. Das Aschenputtel tanzte sensibel Mila Schmidt, und in der Rolle des Prinzen fühlte sich Andrés García-Torres sichtlich wohl.

foto: ashley taylor

Im Großen und Ganzen ist Thierry Malandains neoklassische Balletthandschrift geschickt, aber austauschbar, und manche möge staunen, wie ein Künstler es aushält, dermaßen routiniert auf derart sicherem Terrain zu tanzen. Aber die Interpretation des infernalischen Trios aus Stiefmutter und -schwestern ist so gewitzt, dass sie beinahe an Marins Qualitäten heranreicht. Benedek schwingt sich mit Krücken auf die Bühne, die er bald von sich schleudert und zeigt: Camouflage kann Bosheit effektvoll unterstützen.

Hier konnte sich Kostüm- und Bühnenbildner Jorge Gallardo verwirklichen: Mit ihren Glatzen, schwarzen Halsbändern, dicker Schminke und dekadenten Outfits sind die drei wahre Augenweiden. Gallardos Bühnenbild hat als Gag Vorhänge aus insgesamt rund 230 schwarzen Stöckelschuhen im Hintergrund und an den Seiten.

Aschenputtels Glaspantoffeln sind zu finster billigen Norm-Highheels geworden. Sie passen so gar nicht zur unschuldigen Protagonistin und den makellosen Elfen auf der Bühne. Aber schließlich werden auch Mutti und Schwestern noch zu netten Mädels in grünen Kleidchen. Ein ganz normales Happy End. Auch für Dirigent Guillermo García Calvo, der das Orchester der Volksoper ohne Makel durch Prokofjews "Cinderella" op. 87 führte. Das Publikum spendete allen an diesem Glück Beteiligten viel Applaus. (Helmut Ploebst, 14.11.2016)

Volksoper, wieder am 17. und 27. 11. zu sehen.

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